Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Minna Spazier an Carl August Böttiger. Leipzig, 8. März 1810, Donnerstag

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Leipzig 8 März 1810

Nach langem Schweigen wage ich es Ew. Wohlgeb. wieder an mich zu erinnern. – Ich thue es jetzt mit freierer Seele, da ich erfahre daß die Verlagshandlung, in diesem Augenblick ihre Verbindlichkeiten gegen Ew. Wohlgeb. für Ihren werthen Beitrag zur Urania erfüllt. – Diese Verzögrung –, deren Ursach in sehr viel Unordnungen gegründet ist, über die Herr Brockhaus wohl klagen dürfte aber nicht sich Vorwürfe zu machen Ursach darf – betrübte mich in der letzten Zeit gar sehr, – und hoffe ich, wird, einer beßren Verrichtung des Geschäfts zufolge – nicht wieder statt haben.

Ew. Wohlgeb. werden wißen daß Herr Brockhaus, noch außer sehr unangenehmen Erfahrungen, in der Verwaltung seines Geschäfts – auch viel herbe Schicksale die sein Häußliches Glück vernichteten, erfahren hat. Er verlor zu Ende des verfloßnen Jahres, eine angebetete Gattin, ein Muster von |2 edlen Frauen – frommer Mütter! Fr, Sieben kleine Kinder , sind von dem kummervollen Vater, der Verordnung der Entseelten zu folge, in ihre Mutterstadt Dortmund zurück geführt – und der arme Einsame Mann, lebt jetzt ein wüstes zerrißnes, freudenloses verwaistes Leben in einem Hause das sonst der Sitz von glücklichster beglückender Einigkeit und hoher Elternfreude war.

Ich habe diese nähren Umstände, von einem jungen Handelsfreunde, der jetzt hier in Leipzig die Geschäfte des Industrie Komtoirs aus Amsterdam, unter sich hat, durch seinen glücklichen Eintritt, bereits viel Schlechtes wieder gut gemacht, [...] die immer mehr gefahrbringenden Verhältniße, zum Theil glücklich in Ordnung gebracht haben wird.

Mein erstes Geschäft war, da ich ihn kennen lernte, ihn zur endlichen Befriedigung sämentlicher Herren Mitarbeiter aufzufordern, und Ew. Wohlgeb. so sehr gerechten und billigen Ansprüche sollten die Ersten seyn, auf welche |3 er Bedacht nahm. Wie ich erfahre, geschieht dies heute, und ich säume nicht diese Zeilen, dem Handlungsschreiben mit bei zufügen.

Werde ich nach so manchem was Ew. Wohlgeb. in dieser letzten Zeit, vielleicht Anlaß gegeben hat, Ihre ehemals für die Verlagshandlung herzlich wohlwollende Stimmung zurückzunehmen – es wagen rfen, Ew. Wohlgeb. an Ihre Theilnahme für den künftigen Jahrgang der Urania zu ersuchen? ––

Sie geben wirklich Kupfer aus den Wahlverwandschaften, und als Zugabe dieses mal wo 11 Kupfer statt 7 [...] Platz finden – vier Situazionen Darstellungen [...] Hendel!!!

Ich weiß daß Ew. Wohlgeb. nach Ihrem tiefer in das Heiligthum der Künste eindringenden Sinn, diese Zwittergattung verwerfen – allein selbst ein mit der Ihnen eignen Klarheit und Anschaulichkeit vorgestellter Tadel, dieser [...] phantastischen Spielart – würde mir willkommen seyn! |4

Herr Heinrich Schmidt, der alle sieben auf Ew. Wohlgebohren gütigen Rath von Dähling gezeichneten Kupfern aus den Wahlverwandschaften – für uns fertigt wird den Auftrag erhalten, Ihnen jede fertige Platte vorläufig zur Ansicht vorzulegen. –

Ich habe nun den Wunsch des Herrn Brockhaus erfüllt, und Sie verehrtesten Mann, aufs [...] für seine Angelegenheiten zu intereßiren gesucht; und seine Fürsprecherin gemacht Ihm Ihre Verzeihung, für ein so langes nur durch eine Unzahl schwerer Schiksalsschläge zu entschuldigendem Verstummen gegen Sie zu bewirken gesucht übernommen! Ich wage es nun noch ein paar Worte in meinen Angelegenheiten hinzuzufügen. Sie werden aus einer kleinen Probe in der eleg. Ztg. gesehen haben, daß ich für die Büschlersche Buchhandlung der Lespinaße Briefe übersetze, die zur Ostermeße unter meinem Nahmen heraus kommen.

Darf ich darauf rechnen daß Sie diese Arbeit eines Blicks würdigen möchten? Kann ich mir Hoffnung machen daß Ihre Bekanntschaft, Ihr gütiger Antheil an mir [...] den ersten Debüt beim Publikum erleichtern werde? Wenn Sie mir dieses durch Anzeigen dieser Arbeit im Morgenblatt, Modejournal, |5 Andern Blättern, die unter Ew. Wohlgeb. Rezensionen, als einer Zierde nachtrachten, beweisen wollen; so werde ich mit Recht jeden glücklichen Fortschritte auf der nun endlich mit offnem Visier durchbrochenen Bahn, Ihrer Güte, und ihr alles zu verdanken haben, glauben!

Eine freundliche Zuschrift von Ihrer Hand mögen bald diese freimüthigen Zeilen nach sich ziehen – in dieser angenehmen Erwartung verharre ich

Ew. Wohlgeb.
ganz ergebenste
Minna Spazier
geb. Mayer.

Zitierhinweis

Von Minna Spazier an Carl August Böttiger. Leipzig, 8. März 1810, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0324


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Textgrundlage

H: SLUB, Nachlass Böttiger, Carl August (1760-1835)Mscr. Dresd. h. 37, 4˚, Bd. 193, Nr. 23
3 Bl. 8°, 4 ½ S. Geringer Textverlust durch Einbindung des Briefs. Über dem Brief von Minna Spaziers Hand: Herrn Hoffrath Böttiger.