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Korrespondenz

Von Emanuel an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 24. Februar 1803, Donnerstag

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B. 24 Feb. 3

Car. Wie ein harmonisches Trio liegen Ihre 3 lieben Briefe , mit ihren schönen Einlagen, vor mir, die ich dem Alter nach beantworten will.

Alles was Ihnen Freude macht u mir, das möge ewig sie machen, Ihnen u mir! Bleiben S. immer so kindlich kindisch – ich bin es auch oft – besonders wenn ich nicht an mein ganz altes kindliches erstes Ich – ich habe schon mein zweites Selbst – denke u nur da bin ich am frohesten, fröhlichsten u glücklichsten.

So bald ich kann komm' ich nach Berlin. Es ist jedes Wort verlohren, das Sie mir üb. meine Dahinkunft mehr sagen; ich kann nicht eher kommen, als ich kommen möchte u doch kann u mag ich das Wann noch nicht bestimmen.

Ich habe geglaubt, Sie würden mir aus Berlin noch viel üb. Weimar schreiben.

J. P. Richter war erst vor einigen Wochen mit dem Herzog daselbst. Mein letzter Brief hat Ihnen also einen Beweis gegben, daß ich meine Kinderschuhe noch trage; aber auch meine große Freude hben S. in ihm gefunden u das ist u war die Hauptsache.

Ich will gut seyn, das ist wahr Car.; allein ich bin es oft, leider! sehr oft nicht!

Wenn S. mir dieses nicht glauben mögen: so denken S. wenigstens beständig daran, daß ich es Ihnen gesagt habe, damit, wenn wir uns einst ohne Hülle, v. Seele zu Seele, in einer uns jetzt undenkbaren reinen Gestalt wieder sehen sollten, Sie sich u nicht mir Unrecht geben können.

Wenn nicht die Menschen, die mich f. besser halten, als ich bin, gute, u die, die mich f. schlimmer halten, als ich bin, nicht so gute Menschen wären, als ich u jene: so wüßt' ich nicht, welche v. beiden ich mehr lieben sollte u vorziehen.

Das beste an mir ist, daß ich die Menschen liebe wie sie sind, wie sie keiner mehr lieben kann.

Jeder Narr möchte gerne mit Engeln umgehen, nur Engel lieben, ewig leben, recht glücklich seyn u will doch nichts dafür bezahlen, nicht genug daf. seyn!

|2 Wenn Lafontaine noch b. Ihnen ist, so grüssen S. mir ihn so gut S's können. Das standhafte Benehmen der Wittwe Herz sieht der verständigen u großen Frau gleich.

Viell. versüßt sie sich jetzt, indem sie Stunden giebt – was ich sehr schätze u recht lobe – ihre Tage mehr, als vor kurzem, wo die große Welt ihr, um ihr die Zeit u ihre Einkünfte zu vertreiben, Gesellschft leistete.

Vergessen S. Ihr Versprechen nicht, mir – wenn es ohne Mühe geschehen kann – den Brf. des Mendelsohnsohns zu verschaffen. Mendelssohns Tochter vormalige Feit, jetzige Schlegel u unser Thieriot sind recht oft beisammen in Paris. Die Worte Ihres lieben Vaters thun mir recht wohl, danken S. ihm f. sie u grüssen S. mir ihn mit gehöriger Hochachtung u Herzlichkeit.

Ich denke der Stand des Celibats, ist oft nur zu viel der der Natur.

Ausser der Ehe erzeugte Kinder nennt man nur natürliche Kinder od. Kinder der Liebe.
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Um in der Ehe ganz glücklich zu seyen – glaub' ich Hagestolz – muß Mann u Weib ganz gut seyn u der Ehestand fordert überhaupt mehr Güte als der Celibat.

Die Schilderungen des Glücks der Ehe kommen mir immer so vor wie die des Landlebens d. h. wenn man sie in der Nähe betrachtet, immer übertrieben.

Glücklich ist der, der in den Jahren heurathet u heurathen kann, in denen man noch nicht fragt: was ist besser?

Ich denke nicht ans Heurathen u doch nehm' ich bis in die letzte Stunde meines Seyns, die Hofnung u den Wunsch mit, noch heurathen zu können u zu werden.

Das ist u bleibt wahr, der Ehestand hat sehr viel Gutes u ich würde mir es nie verzeihen, wenn ich einen Menschen dav. abhielt; er hat aber sehr viel Enge u zieht den Menschen zu sehr zusammen |3 u die Menschen zu sehr auseinander.

Ich kenne kein Glück üb. das der Ehe; ich kenne keinen aermern Stand, als den der Hagestolzen, die ich beinahe verachte u doch fürcht' u hoff' ich als einer vor Gottes Angesicht erscheinen zu müssen.

Ich hasse nichts mehr, als Partheylich- u Einseitigkt: ich bin weder ganz f. mich, noch ganz f. den, der f. mich – blos weil er s – ist u so kann ich noch weniger ganz, ohne Ausnahme, f. einen Stand od. eine Meinung seyn.

Ich kenne keinen Menschen, den ich nicht glückl. sehen möchte, gäb' es aber einen, den ich selbst hassen könnte: so würd' ich, in derselben Stunde, wo ich ihn gut sähe eben so sehr lieben, als meinen besten Freund u – so auch umgekehrt.

Finden S. in diesen wenigen Zeilen viele Widersprüche: so haben Sie den menschlichen Schreiber ausser Acht gelassen.

Heute noch will ich b. einem Glas Bischof , Ihr gutes hochzeitliches Andenken dankend erwiedern.

Haben S. den innigsten Dank, f. die Mittheilung des Euchelischen Epitaphiums u eben so viel f. sein schönes Billet.

Beides will ich behalten; aber v. Billet nur eine Abschrift u das Original soll Ihnen mein erster Brief, nach diesem, mitbringen.

Nach meinen obigen Ausserungen wäre ein gutes Epithalame oft |4 beinahe nichts, als ein schlechtes Epitaphe. Was meinen Sie?

Der Euchel traut Ihnen wenig gutes Judenthum zu: der gute Mann scheint S. gut zu kennen. Mir gefällt sein Epitaphe recht wohl u ich wünsche – wenn S.'s wünschen – daß er bald Gelegnht. haben möchte, seine Leyer f. S. "in einem Gedicht seiner ersten Art" zu beleben! Grüssen S. mir Uhlm. u sagen S. ihm, daß seine Uhr, die als mein Kalender, stets mir gegenüber hängt, mir recht treu, ehrlich u pünctlich meine wenigen Jahre vorzählet u zu mißt.

Das thut sie treu- u ehrlich noch heute mir, am 18/10 41 EO
Sie werden mir doch das neue Haus No. anzeigen? Ihr 2ter Brief war nicht datirt u der 3te so ..... gesiegelt, daß ich ihn zu erbrechen nicht nöthig hatte.

Mein Uhlf., m. Bruder, meine alte herzensgute treue Mutter u mein Otto grüssen S. aus reinen Seelen.

Nichts störe je Ihre Ruhe; Nichts Ihre kindische Kindheit, Nichts meine Wünsche für Sie!

E.

Zitierhinweis

Von Emanuel an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 24. Februar 1803, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0327


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Textgrundlage

Hk: Slg. Apelt
1 Dbl. 8°, 4 S. Unteres Drittel von S. 3 und 4 abgetrennt, jedoch ohne Textverlust. Auf S. 4 Anmerkung von Osmunds Hand aus dem Jahr 1841.