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Von Henriette Schwendler an Emanuel. Meiningen, 30. Juni bis 2. Juli 1808, Donnerstag bis Sonnabend

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Meiningen den 30sten Juny: Morgens 7 Uhr
1808

Guten Morgen, Emanuel! – Es war wohl eine schönre Zeit, als mein schriftlicher Morgen-Gruß nur der Voreilende des mündlichen war! Ja, Guter, mein Auffenthalt in Bayreuth , war ein himmlischer Genuß für mich so war er in der Gegenwart, und so wird er in der Erinnerung bleiben. In diesem Augenblick, wo der Schmerz der Trennung und die Sehnsucht meine Seele noch zu stark ergreift, da verwundet mich eigentlich die Rückerinnerung mehr, als daß sie meine Empfindungen lindernd aufnehmen könnte, allein die Zeit könnte schon, wo die Vergangenheit sich sanft und Freude und Ruhe gebend an die Gegenwart anschließt. – – – – – – – –

Vorgestern Abend spät, sind wir zwar glücklich hier angekommen, jedoch im eigentlichsten Sinn im Kampf mit den Elementen. Regen Wind Gewitter und zuletzt großes Waßer hatten sich gegen uns verschworen; hätten wir uns um einen Tag verspähtet so mußten wir unterwegens bleiben, weil gestern in dem Werra-Thale von Hildbourghausen herüber zwey Wolckenbrüche gefallen sind die unsre Gegenden völlig überschwemt haben. So still und innig ich wünschte |2 daß mein S. noch einen Tag in Bayreuth zugeben möchte, so war es doch gut, daß er seinen Willen streng foderte, weil wir außerdem unterwegens hätten liegen bleiben müßen.

Als wir am Morgen in B. ausfuhren, war unsre Caroline noch bey uns, schöner war der Abschied, aber auch schmerzlicher! Sie kennen, Guter, meine Anhänglichkeit für dies edle Weib und konnte ich ihr auch eigentlich durch meinen Auffenthalt keine auffallenden Beweise meiner Treue und Liebe geben, so hatte sie doch wenigstens durch mich, ein Wesen in ihrer Nähe, daß ihren Werth mehrweniger weiblich – sondern wahrhaft menschlich – anerkannte. Caroline ist im höchsten Sinne ein seltnes Weib, ich freue mich sie nicht neben sondern über mir stehen zu sehen! —

Da für Emanuel, die kleinste Angelegenheit der Freunde Intereße hat, so darf ich ihm nach der Reise alles mittheilen, was uns auf der Reise begegnete und wie wir hier anlangten.

Eine sehr freundliche Erscheinung war mir noch am Thore in B. unser Uhlefelder. Gäbe es ein Mittel sich unkörperlich dem Freunde zu nähern, so hätten Sie in jenem Augenblike meine Nähe wahrnehmen müßen. Mit aller Innigkeit schloß ich die beyden Freunde an mein Herz. Mein letzter Gedancke waren |3 Sie! und dieser erfüllte in mannigfacher Wendung wenn gleich schweigend meine Seele, bis ich zur edlen Vogt kam, und ein heiliger Berührungspunckt uns im ersten Augenblik vereinigte. Um mir für diese herrliche Frau eine ganze Stunde Zeit zu erspahren, stiegen wir von der Mayen-Brücke aus, wo der Kutscher anhielt, gingen zu Fuße bis Schwarzach und ließen sodann den Kutscher wieder bis ins Mittags Quartier Meienrode vorausfahren, wohin wir auch unter Begleitung Ihrer Freundinn, zu Fuße gingen. Ja, Theurer, die Vogt ist eine edle hochherzige Frau! – Nach Ihrer Beschreibung hätte ich sie überall herausgefunden. Die Kraft ihres Geistes und Wesens ist so hervorragend, ihre weibliche Würde ist so gehalten, daß wiederum jedes sie verstehendes Weib durch ihren Umgang gewinnen muß.

Emanuels jüngere aber ihn nicht minder liebende Freundinn Henriette, würde durch die Aeltere viel gewinnen können, hätte sie das Glük in der Nähe dieser zu wohnen. Gewährt mir der Himmel je wieder die Freude einen Auffenthalt in Bayreuth zu machen, dann muß mir die Vogt erlauben daß ich sie öfterer sehen darf. Mit kindlichem Sinn und Gemüthe werde ich ihr anhangen und sie wird es |4 freundlich annehmen. Keine wahre reine Empfindung bleibt unerwiedert! – Das glückliche Alter was der Hoffrath genießt, ist wahrhaft erbaulig anzusehen um so mehr da die Hoffräthin ein so schönes Theil als Gattin dazu beyträgt. Dazu kömt der himmlische Platz ihrer Besitzung, die herrliche Aussicht, der liebliche Garten. Als die Vogt und ich von einander schieden war unser letztes Wort Emanuel ist Einzig, und so nahe so heilig empfunden wiederhohle ich hier, Einziger! –

Der Tag der von Morgen an öfters regnend war ward nun heller und freundlicher. Wir waren alle zwar nicht heiter aber innig gestimmt. Pauline rührte mich mehrmalen, wie sie so gern die Mutter ganz froh durch ihr muntres Spiel gemacht hätte. Nach Coburg kamen wir sehr ermüdet an, ich war gar nicht wohl ohngeachtet ich in Bayreuth an körperlicher Gesundheit gewonnen habe so bin ich noch nicht stark genug für die Gewalt des Eindruks, daß ich mächtig fühlte mich von Geliebten und Lieben zu trennen, dieß brauche ich nicht zu betheuern. In der Nacht fiel ein fürchterlicher Platzregen, der bis an den Morgen heftig fortdauerte. Um 8 Uhr konnten |5 wir erst Coburg verlaßen und zwar immer noch mit Regen. Wir schützten uns so gut wir konnten, jedoch kamen wir Alle ziemlich durchnäßt nach Rodach. Da klärte sich der Himmel auf und unsre weitre Reise hieher war, wenigstens trocken, wenn gleich die Wege sehr schlecht und mehrmalen das Waßer in den Wagen lief. Ich sehnte mich sehr nach meiner häuslichen Ruhe und Bequemlichkeit da ein fast unerträglicher Nerven Kopfschmerz mich den ganzen Tag qualte Um 10 Uhr kamen wir an mein Zimmer fand ich mit schönen Blumen geschmükt und die herzliche Freude welche meine Dienstboten, – eine sehr brave Hausjungfer, ein Bedienter, zugleich mein Gärtner – und meine Köchin – über mein Wiedersehen hatten, ließ mich im Anfange meine Unpäßlichkeit ganz vergeßen. Ja, Guter, die Liebe aller derer die mir angehören, ist eine hohere Bedingung meiner Glükseligkeit. Besonders freue ich mich über das Wohlergehen der dienenden Claße in meinem Hause. Im Ganzen bin ich streng und fodre Püncktlichkeit, aber gewiß, ich bin danckbar dafür. Und nun, mein Emanuel, ein wenig tändelnd werden Sie wohl ihre Henriette jetzt finden. Einmahl, Sie müßen mich annehmen wie ich bin – Mein erstes Geschäft in meinem Zimmer war, eine |6 Blume von meinem Liebling, eine Heliotrope, zu brechen, ich dachte recht sanft und danckbar an Sie und die gebrochene Blume gehörte Ihnen, ich kann es mir nicht entsagen sie Ihnen zu schiken. Nicht wahr? ich bin ein Kind und doch will ich es bleiben, so lange als es nur möglich ist

Gestern habe ich meinen Tag im Bette zugebracht weil meine im höchsten Grade gereizten Nerven gänzlichen Ruhe bedurften. Heute fühle ich mich viel beßer, aber still und innig sehnend nach der Rückkehr der süßen Momente, bey Carolinen, bey unsern Richter und Emanuel.

den 1sten July

Ich mußte gestern abbrechen, weil der Hausfrau Mutter und Gattin einige unbedingte Geschäfte oblagen. Heute habe ich nur für wenige Worte Zeit allso geht der Brief erst mit der Sonntags Post ab. Guter, treuer Emanuel, wie geht es Ihnen, sind Sie froh? Das letztere müßen Sie immer seyn, weil Andre es durch Sie werden. Es ist mir recht bange, und wenn die Stunde schlägt, wo wir einander sehen oder sprechen, da fühle ich mich so stark und unwieder- |7 stehlig hingezogen, daß ich alle Kraft bedarf um daßs zu tragen, was sich nicht aendern läßt, nähmlich Entfernung. Im Ganzen, lieber Emanuel, nehmen Sie mich höher als ich bin, weil ich dieß aber fühle so werde ich noch mehr erreichen: Es ist und bleibt wahr, daß wir uns selbst am richtigsten beurtheilen können, nichts desto weniger aber, möchte ich den Genuß aufgeben, meinem Freunde ein Ideal zu leihen und von ihm für mich daßelbe zu empfangen. Im Ideal bilden sich unsre höchsten Empfindungen aus in diesen unsre Gedanken und zuletzt wir Selbst.

den 2tenIch war gestern Abend recht seelig, weil ich viel von Bayreuth sprechen konnte. Wir waren bey beyden Heims , wo Sie, Guter so herzlich geliebt werden! Der Hoffräthin H. habe ich Hoffnung gemacht zu einigen Zeilen von Ihrer Hand . Den Gegenbesuch vom Geheimrath Heim finden Sie in meinem Brief an Richter geschildert. Ich sah ihn seit einem Jahre nicht in meinem Hause und doch freue ich mich daß das Intereße für Richtern ihn mir wieder zu führte. Ich denke, daß Sie dieser Brief auf Ihrem Landguth aufsucht. Mögen |8 Sie heiter und froh ihre Tage dort verleben. Was würde ich darum geben! könnte ich Dehlau in meine Nähe versetzen. Dencken, Sie nur Guter, welche Seeligkeit es für Uns Alle wäre, Sie dort zu weilen zu sehen und Sie mit zu uns zu geleiten. Ich würde dann nicht, wie Ihr in Bayreuth Ihre GeschäftsZeit stören, aber die Stunden der Muße, ja diese würde ich mir um den Preis der treusten Anhänglichkeit und Ergebenheit von Emanuel erbitten und Er würde sie mir gern geben.

Auf dem Lande, unmittelbar in Gottes weiter Natur, oh, da schließt sich das Herz noch anders auf, man liebt nicht stärcker aber das All mehr umfaßender.

Schwendler grüßt Sie mit Danck und Liebe Die Kinder und Antonie ebenfalls, Amanda und Antonie schreiben das nächste mahl. Pauline freut sich des schönen Geschenks mit ihren Gespielinnen, sie ist recht from und gut.

Mit Sehnsucht erwarte ich Nachricht und Worte von Ihnen der Buchstabe ist zwar kalt, aber das Gefühl giebt ihm Sinn und Wärme In Wahrheit und Liebe

die Ihrige. Henriette.

Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Emanuel. Meiningen, 30. Juni bis 2. Juli 1808, Donnerstag bis Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0333


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Textgrundlage

H: Slg. Apelt
2 Dbl., 8 S. Brief - bzw. Blattnummerierung vfrH.


Korrespondenz

A: Von Emanuel an Henriette Schwendler. Bayreuth, 17. Juli 1808