Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Minna Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 1. August 1805, Donnerstag

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Leipzig d 1 ten August
1805

Sie glauben nicht mein theurer Freund wie unendlich wohl es mir gethan hat einmal wieder Ihre Handschrift zu sehen , so viel Muhe man auch hat sie zu lesen. Mein ganzes Herz ist immer wieder gleich stark zu Ihnen hingezogen, wenn Sie sich mir blicken laßen; und ich zürne dann mit der zerstreuenden Gewalt täglich wechselnder Eindrucke, die einen so gegen alles beßre Wollen und Wünschen oft so sehr abziehen von den eigentlichsten Freunden. Das sind Sie nur mit wenigen wenigen anderen Menschen, mein theurer Falk, und es würde mich über alle Maaßen – schmerzen, wenn Sie jemals Ihre guten Gesinnungen anderten gegen mich.

Ich wußte nicht was mich stärker an das Rechte und Schöne binden könnte, als das Bedürfniß, von denen Menschen die ich ehre, geliebt zu werden. Was ist alles in der Welt, ihre größte Herrlichkeit – wenn man nicht eine feste sichre Wohnung hat in seiner Freunde [...] Brust! |2 Dafür können Sie aber auch wohl glauben mein theurer Freund, daß mir das Ach, in Ihrem Briefe recht erschrecklich gewesen ist. Solche aus der tiefsten Brust unwillkührlich freigegeben Seufzer dringen in mein innerstes Wesen, wo ahnliche Laute ihnen nachklingen. Nicht eines jeden Menschen, Ach, wirkt auf mich – Nur das welches nicht eben so wenig nach unmännlicher Zaghaftigkeit – als von brausender Empörung gegen das Verhängniß klingt, kann mich rühren. So wirkt ihr Ach –. Bey allen Außrungen des Schmerzes sollte man daßelbe Gesetz anerkennen was dem Bildner aufgelegt ist, der den Schmerz im Marmor festhalten will – Nicht das Geschrei des Philoktets – aber das stumme Weh Laokoons war ein Gegenstand für die Plastik – und dieser selbe nämliche Unterschied liegt [...] zwischen Ihrem Ach, und dem was ich manche Menschen die zu meiner nächsten Umgebung gehören, unaufhörlich vorweg schreien höre. ––


Tausend Empfelungen Ihrer lieben sanften herrlichen Fraudie Ihnen neue Vaterfreuden gewähren will . Die gute treue Seele! Sie glauben nicht wie lieb ich sie habe. Ihr ganzes Wesen ist so lieblich wie ihr Nahme .

|3 Was soll ich Ihnen von meinem Leben sagen? Ein grüner Grasplatz ist unter meinem Fenster, weiter hin einige Blumengruppen, und einige junge Baumpflanzungen; von denen ein Chor [...] zart rindiger [...] schlanker Birken recht wohlthatig auf mein Auge wirkt, wenn ich zu ihnen hinausblicke, das ist noch das beste von meinem Sommerleben, in diesem Jahre. Ich bin mit meinen Kindern in einen kleinen Garten gezogen. Hier habe ich meine Bücher, mein Fortepiano, meine Guitarre, und was mir das liebste ist, recht wenig Zuspruch. Einige Freunde ausgenommen oder vielmehr nur Einen auf deßen Kommen ich mich allemal freue.

So treibe ich denn recht sehr viel wißenschaftliches [...] , weniger aus Industrie, als um Haltung in mein Leben zu bringen daß bey [...] der Freiheit und Ungebundenheit die es mir gewährt, einer leitenden Kraft von oben herab bedarf, wenn ich mich selbst nicht auf unwiederbringlich verloren geben soll. |4 Wie soll ich Ihnen genug danken, liebster Falk daß Sie meinen alten Wunsch, so sehr er Sie auch gewiß genierte erfüllt haben .

Das einzige habe ich dagegen daß das übersandte nicht für W. seyn soll, da es für den Toil. Alm. bestimmt, zu gut ist. Ich dachte Sie überlaßen mir die schone Angelegenheit Sie mit W., den ich in der That als einen gutartigen Menschen kenne, wieder zu sammen zu bringen. Es versteht sich daß ich eisern werde und nicht etwa gütlich verfahren. Er soll es erfahren daß wie es blos meinetwegen geschieht, [...] wenn Sie Ihren Nahmen in ein Taschenbuch geben, daß seine Firma führt – und ich denke er wird sich seiner Inkonsequenz schämen. Uebrigens wünsche ich es darum, weil Willmans ein sehr honetter Bezahler für seine Taschenbuchsbeiträger ist – und ich will, s S ie sollen etwas für Ihre Arbeit verlangen. –

Erinnern Sie doch Schütz an mich . Ich habe bereits sehr hübsche Sachen von Kind , Jean Paul , der Brachmann etc. für den Almanach, und erwarte noch ahnliche von Laun , Eberhard und mehrern. Wer mir also etwas giebt kommt auf jeden Fall in sehr gute Gesellschaft. Auf Schütz rechne ich aber noch sehr.

Minna Sp.

Zitierhinweis

Von Minna Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 1. August 1805, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0339


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Textgrundlage

H: GSA, 15/II,1D,14
1 Db l. 8°, 4 S.