Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Dresden, 24. Februar 1823, Montag

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Dresden d. 24. Febr.
1823.

Mit vielem Vergnügen benutze ich, werthe Freundin, das gefällige Anerbieten der Gräfin Schönburg, von mir etwas nach Baireuth mitzunehmen; erstlich also meinen Dank für Ihren lieben Brief vom 3.ten Jan. d. J. und dann die inliegenden Predigten von Ammon , die mir ihrer Vortrefflichkeit wegen, werth schienen, Ihrem lieben Mann und Ihnen für Herz und Geist zu gefallen; bey den Predigten liegt für Ihren lieben Mann ein Bleystift, von der Art wie ich noch nie hatte und mir von meinem Bruder aus London mitbringen liesß, von der besten Sorte die es dort giebt in Ackermanns Gewölbe , die Schwärze und Weiche dieser Art, macht das Schreiben mit Bley- |2 stift recht angenehm; Ihr lieber Mann weiß ja so liebenswürdig auch Kleinigkeiten zu schätzen und auch Sie, darum habe ich um die Predigten einige Bänder für Sie und Ihre lieben Töchter gewunden. Auch lege ich noch für Sie Allerseits einige Büchel mit weißen Papier bey. Ottiliens glückliche Rückkehr, hat mich sehr gefreut. Gott erhalte Ihnen die lieben Kinder im besten Wohlseyn!Der strenge Winter hat mich mit meiner ländlichen Behausung noch mehr befreundet, da ich, vor der Kälte hinlänglich geschützt, dieselbe nur mit dem vollen Lichte und öftern Sonnenschein bekam, während sie in der Stadt viel empfindlicher war, so zu sagen durch ihr erstorbenes Verweilen in den vielen Maßen der Steine der Gebäude, deren so viele der graden Lichtstrahlen entbehren; da mein Haus so ganz frey steht, so ist auch keine Zugluft bey demselben und daher war die Kälte |3 bey mir immer um einen Grad geringer als in der Stadt; einen wunderschönen Anblick hatte ich nachher, als bey dem schnell eingetretenen Thauwetter und darauf erfolgten Glatteis-Frost, die obere Decke der mit Schnee bedeckten meilenweiten Fläche vor meinen Fenstern, zum Spiegel ward, der des Abends als eben der Mond da grade oben in der Mitte stehend hineinschien, mir eine höchst überraschende und angenehme Erinnerung an Meer und Seen gewährte; da, was mich täglich noch freut, Ihr lieber Mann dies Local kennt, wird er den Eindruck den dies machen mußte, mit mir fühlen.Mein Sohn empfielt sich Ihnen Allerseits auf's Angelegentlichste; er hat an Zahnweh und geschwollenen Backen zeither viel und lange gelitten, doch geht es Gott Lob nun wieder beßer.Tiedge ist diesen Winter viel leidend gewesen, Frau von Reck wie gewöhnlich. Haben Sie das Buch von O'Meara über Napoleon gelesen? es ist sehr intereßant indem es auch sehr natürlich geschrieben ist. |4 Daß der gute vollendete Heinrich Voss in diesem Briefe auch noch Erwähnung bekommt, versteht sich, so wie ich Ihnen schon neulich schrieb; mir fällt dabey etwas zugleich Unähnliches und Aehnliches ein, nehmlich die Sitte die wir einmal in Frankreich fanden, des Aufrufens des Namens verstorbener Krieger, die sich besonders ausgezeichnet haben, jedesmal wenn in der Compagnie in der sie waren, jeder bey seinem Namen abgerufen wird; auf den Anruf den derselbe nicht mehr selbst beantworten kann, ruft eine andre Stimme sein ehrenvolles Andenken aus und so, muß auch dieses so guten Heinrich Voss, mit dem lieben Jean Paul gedacht werden. Er steht auch in Heidelberg in sehr guten Andenken und nur seinen Eltern, die man natürlich zugleich sehr bedauert, wird die Schuld seines frühzeitigen Todes (unter uns gesagt, gegeben) sie beachteten nur sich in der Liebe zu ihm und das sklavische seines häuslichen Verhältnißes, brachte ihn zur augenblicklichen Lust des Weinhauses, denn diese ist die wahre Ursache seines Todes; die Gefäße des Körpers vermochten nicht mehr zu wiederstehen dem stürmenden Strom des Wein's und so entstanden die Zufälle, die diesen edlen vortrefflichen Mann der Welt raubten.Herzlich begrüße ich Sie Allerseits und bitte um die Fortdauer Ihrer mir so theuern liebevollen Gesinnungen

Ganz die IhrigeHenriette Ende

Zitierhinweis

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Dresden, 24. Februar 1823, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0343


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 4°, 4 S.