Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Leipzig, 3. September 1818, Donnerstag

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Leipzig den 3.ten Sept.
1818.

Sie schrieben mir , geliebte Freundin, grade an dem Tage, wo ich die Freude hatte meinen Sohn nach 7. wöchentlicher Trennung wiederzusehen und empfangen hat mich Ihr lieber Brief, als ich vom Besuch bey meinem Sohn in Schneeberg wieder in Leipzig, ohne ihn ankam; sagen Sie Sich selbst ob nicht diese so freundliche schriftliche Begrüßung, meinem Herzen noch in dieser besondern Beziehung, so theuer war, als wenn Sie, wären wir beyde an einem Orte, persönlich zu mir gekommen wären um mich zu erfreuen bey meiner Zurückkunft; ich schrieb diese Freude auch gleich meinem Sohn, nehmen Sie aber auch ja herzlichen Theil an derselben und wiederholen Sie Sich, daß nie Ihre Briefe anders bey mir ankommen als erwünscht bey jeder Stimmung, in welcher sie mich finden; Sie sind aber bey weitem davon noch nicht überzeugt, denn wie könnten Sie mir sonst sagen "daß Sie auch wenn die Zeit es Ihnen erlaubte, es für indiskret |2 hielten mich oft mit Ihren Briefen zu stören" o, wie eine wahre Dißonanz ist so etwas für meine, in meinem Herzen so lebendig ausgesprochene Empfindung für Sie und Ihren lieben Mann, dieser muß und wird meine Parthei bey Ihnen nehmen, wenn Sie mich so verkennen, sagen Sie ihm recht viel Herzliches von mir und daß ich mich freute, daß er in Heidelberg an mich gedacht hätte , was mir und die Ihrigen mir sagen; könnte ich mich doch mündlich recht lange mit Ihnen Beyden, über diesen Aufenthalt unterhalten! Bey meiner Theilnahme und local- oder vielmehr individueller Bekanntschaft mit diesen Ort, bleiben noch viele Lücken für meinen Antheil; Voss hat mir nicht ein einziges Mal geschrieben, aber Schwarz und Sophie Dapping, die aber die große Freude entbehrt hatte, den lieben Jean Paul wieder zu sehen; wie hat er die alte Voss gefunden? die Heyrath der Sophie Paulus hat mich sehr überrascht und ich kann mich weniger in den Ideengang finden, der sie zu dieser Wahl geführt hat, als wenn sie eine andere getroffen hätte, so verdienstvoll auch übrigens der Gemählte , den ich übri- |3 gens gar nicht persönlich kenne, seyn kann. Ist es ein Opfer daß sie ihren Eltern bringt, oder ein rascher Entschluß ihres Kopfes, ihr Schicksal zu binden? nicht kalte Neugierde sonder die Wisbegierde der Theilnahme ist es, die ich dabey habe, denn ich habe Sophien sehr lieb und es würde mir recht leid thun, wenn sie nicht glücklich würde; ich habe kürzlich der Mutter meinen Glückwunsch geschrieben. Schelver hat mir die empörende Behandlung mitgetheilt, die er und der Clairvoyant erduldeten , da sieht man doch, daß Heidelberg eben so gut in der Welt liegt als andere Orte, gegen die es sonst unvergleichlich erscheint; ich fühle im eigentlichsten Sinn um so mehr die Ungerechtigkeit dieser Verfolgung, da ich Gott Lob, auf's augenscheinlichste durch die vom Clairvoyant verordneten Mittel, Ameisenwein , Tisane und Pulver gesünder worden bin und weder am Mangel an Athem noch an Brustschmerzen mehr leide. Jetzt bin ich im Begriff mit meinen guten Sohn eine Reise, so Gott will! über München nach Tyrol und Venedig zu machen und zum Winter-Cours wieder hier anzukommen, also Ende October. Der Sommer-Cours wurde unterbrochen, durch sehr bedeutende Unruhen die auf der hiesigen Universität ent- |4 standen und die sich jetzt noch in grobe Thätlichkeiten gestalten. Die Burschenschaft, unter welcher mein Sohn schon in Heidelberg, nebst so vielen braven jungen Leuten war, begann auch hier sich zu formiren, wuchs zu einigen Hunderten an, während die Landsmannschaften auf der andern Seite, von Vielen das Ehrenwort erzwangen, nicht darunter zu gehen; mein Sohn war von der Burschenschaft unter die Zahl ihrer Vorsteher gewählt und suchte so viel als möglich, der Sache einen friedlichen Bestand zu verschaffen, allein die Landsmannschaften fiengen an Forderungen zu machen, die höchst zurücksetzend waren, unter andern, daß nie die Burschenschaft das Recht haben sollte, Zeugen von ihrer Parthey bey Ehrensachen zu stellen, dies erbitterte nun die Mehrzahl der Burschenschaft so sehr, daß sie beschloß die Landsmannschaften im Verruf zu erklären , die höchste Beleidigung die unter Studenten Statt finden kann und in welcher der Stand der Ehre aufhört; mein Sohn suchte mehrere Tage lang diesen Schritt zu hintertreiben, der sein Gefühl empörte und jeden Weg zum Vergleich versperrte und erklärte, daß da er ihn nicht billige, würde er wegreisen, sobald wieder seinen Willen jene Erklärung geschähe, sie erfolgte und noch am nehmlichen Tage reisete |5 er ab und zwar nicht nach Dresden, wo wir so viele Verwandte und Freunde haben, damit er nicht den Schein eines Anklägers nähm, sondern nach Schneeberg, wo er in der Gesellschaft meiner Freunde ein zweytes elterliches Haus hat; da der Verruf immer noch nicht aufgehoben ist , kam er natürlich auch noch nicht wieder zurück, da er den Verruf nicht anerkennt, jedoch nicht von der Burschenschaft abgeht, eines Theils grade weil sie jetzt im Gedränge ist und auch weil er die stete Ueberzeugung hat, daß sie das zweckmäßigste Verhältniß auf der Universität ist und durch welches allein die unseligen Duelle nach und nach außer der Gewohnheit kommen können. Nun stellen Sie Sich aber vor, wie in dem pedantischen unenergischen Leipzig, die ganze Sache sich gestaltet und lauter Kehrseiten hervorbringt,! weil die Landsmannschaften ein altes Herkommen sind und sich im Ganzen zierlicher kleiden als im Ganzen die Burschenschaft und man diese als eine dem Staate gefährliche Verbindung ansieht, wird sie nun verfolgt und die so verderblichen Landsman- |6 schaften die längst schon gesetzlich untersagt sind für eine Stütze des Anstandes angesehen, da sie mit Verschlagenheit jetzt recht suchen sich löblich zu bezeigen; der wahre Geist wird aber, weder bey [...] ihnen, noch bey den andern durchschaut; wie unausstehlich es nun ist, nicht Verschiedenheit der Urtheile, sondern fast lauter ächt characteristisch Leipziger Urtheile fällen zu hören, zumal in einer Sache die meinen Sohn so nahe angeht, können Sie mir leicht glauben und doch war es zweckmäßig daß ich hier blieb, theils um daß es nicht aussah, als hätte ich meinen Sohn fortgeführt, theils um ihn immer au courrant setzen zu können, theils um hier und da, der Wahrheit ein zuträgliches Wort sprechen zu können, was natürlich oft nicht ohne Aerger durchzusetzen war; dieses mir so ganz neue Fegefeuer hat mich oft sehr angegriffen, aber froh war ich und bin ich, Gott behüte es, meines Sohnes Character in Energie und Besonnenheit und Edelmuth, so rein entwickelt zu sehen wie hier die Gelegenheit sich dazu besonders qualificirte; die Burschenschaft liebt ihn, da er sie nicht verläßt und die Andern müßen ihm Gerechtigkeit wiederfahren laßen.Vor- |7 gestern kam es hier auf der Straße zu einer completten Prügeley unter beyden Partheyen, mehrere wurden arretirt; so lange der Verruf dauert, kann dies in jedem Augenblick der Fall seyn.

Der arme Platner ist immer noch wahnsinnig und die Aerzte meinen, daß er es auch bleiben wird; merkwürdig ist es, daß Gall vor vielen Jahren dies von Platnern vorhergesagt hat ; so angreiffend es auch ist den armen Platner in den Zustand zu sehen, so gehe ich doch gern zu ihm, weil er mir, immer auf's Rührendste seine Freude bezeigt, wenn ich zu ihm komme; sein Gefühl scheint ihm zu sagen, ob beobachtende Neugierde oder herzliche Theilnahme mit dem Wunsch daß doch Gott ihm helfen möge, die ihn Besuchenden beseelen; oft sagt er die geistreichsten Ideen im paßendsten Zusammenhang mit der dazu gegeben Gelegenheit; seit der Feyer seines Jubiläums, wo wirklich seine Empfindungen zu sehr gesteigert wurden, hat sich unvermerkt sein jetziger Zustand entsponnen und er meint auch immer noch am 12.ten May zu seyn; das Zeitmaaß ist für ihn ganz verlohren, |8 auch alles was den Raum betrifft. Mit der treffendsten Satyre schildert er oft Menschen die gegenwärtig sind und keinesweges gewöhnt sind sich so etwas in's Gesicht sagen zu laßen. Vielen Dank der Frl Schuckmann für ihren Brief.

Die Herzogin von Curland, die nun längst wieder in Paris ist, trägt mir auf, Sie herzlich in ihren Namen zu grüßen; künftiges Jahr hoffte sie, Sie wieder zu sehen, und die so lange gewünschte Bekanntschaft Ihres lieben Mannes zu machen. Ich habe der Herzogin versichert, daß Ihnen beyderseits, die Bekanntschaft mit ihr, die Theils gemacht, Theils noch zu machen ist , sehr werth und lieb wäre.

Jetzt bin ich bald am Ende einer Trauer, die mir und meiner ganzen Familie, sehr empfindlich war, mein jüngster Bruder, der Gesandter in Berlin ist, verlor seine Frau im Wochenbett; ihre Jugend und Gesundheit ließ uns diesen traurigen Fall gar nicht ahnen; ihr ältester Sohn wird beym K.R. Schwarz erzogen, der Vater will ihn diesen Herbst besuchen; käme er nun durch Bayreuth und bäte auf ein halbes Stündchen in das liebe Haus kommen zu dürfen, auf deßen Wohlwollen seine Schwester und sein Neffe stolz sind, nicht wahr, er würde angenommen werden; vielleicht habe ich daßelbe auch für meinen ältesten mir sehr lieben Bruder zu sagen.Nun meine geliebte Freundin, muß ich schließen; machten Sie mir denn vielleicht die große Freude mir noch ein Lebewohl zur Reise zu sagen und es nach Schneeberg poste restante zu schicken? aber ja recht bald. Meinen herzlich geliebten Freund und Ihre lieben Kinder grüße ich tausendmal ganz die Ihrige Ende

Zitierhinweis

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Leipzig, 3. September 1818, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0359


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 8 S.