Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Heidelberg, 13. April 1818, Montag

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Heidelberg d. 13. April
1818.

Ihr lieber Brief , verehrte Freundin, ist richtig zu meiner Freude angekommen und den meinigen werden Sie auch längst erhalten haben. In einigen Tagen gedachte ich Ihnen einen recht langen Brief zu schreiben, da mich aber Prof. Voss aufforderte, seinen Brief an Ihren lieben Mann , einige Zeilen beyzufügen so war es mir, als wenn ich mich selbst um etwas brächte, wenn ich einen Aufschub ausspräche und troz des phisischen, nicht einmal moralischen Mangels an Zeit, muß doch ein Briefchen von mir, noch fertig werden, wenn gleich das abkürzen um so schwerer wird, ja mehr unser letztes Beysammenseyn unsere Sprache gegeneinander unendlich bereichert |2 hat. Ihre Liebe, theure Freundin; ist meinem Herzen ein wahres Kleinod, also wieder, auch in Liebe gefaßt; ich lebe noch im Geist mit Ihnen, Ihrem lieben Mann und lieben Kinder, und von Ihnen allen hier zu sprechen ist mir eine wahre Freude, auch durch die welche dadurch erregt wird. Alle Grüße sind mit freudigen Dank aufgenommen worden und allgemein möchte man gar zu gern daß Sie allerseits herkämen. Voss ist meiner Meinung nach schon zuvorgekommen, daß die Wohnung in Carlsberg, wo auch wir jetzt wohnen die beste wäre, namentlich meine Stube, sie ist sehr ruhig 2. Treppen hoch, die Eckstube am Thurm des Thores; die vordern Fenster gehen auf den Paradeplatz mit den herrlichen Bergen zum Hintergrund, vom Seitenfenster sieht man einen Theil des alten Schloßes; neben dieser Stube ist ein ganz kleines Stübchen, deßen Besitz für die größere |3 Stube hinlänglichen Schutz für mögliche unruhige Nachbarschaft, gewährt; ohnweit der Stube, ist ein Gang, von welchem man auf den Neckar und auf den heiligen Berg sieht; die Speisen sind gut und einfach zubereitet, Ordnung herrscht im Hause und die Wirthin hat schon gegen mehrere Personen ihren Wunsch geäusert und ihre Hoffnung, daß Jean Paul daß in ihrem Hause wohne und auf Vossens N vorläufige Erkundigungen, jede Ver Aussicht auf Zufriedenheit in jeder Art, gegeben. Die Lage dieses Hauses ist zugleich die angenehmste, wegen weil es im Mittelpunct der Stadt ist.Vossen habe ich Vorwürfe über seinen, jedoch zugleich auch von mir sehr belachten, erfundenen Brief gemacht, er entschuldigt sich aber damit dies von seiner Mutter gelernt zu haben. Als ich ihn wegen der Heyrath der Räthin Falk befrug, kam eine Entwicklung zum Vor- |4 schein welche mich sehr divertirte, aber noch mehr mit der Sache versöhnte, da sie den Bewußten, nun nur in dem Lichte eines seine neu angenommene Rolle der Gleichgültigkeit übertreibenden darstellt; als nehmlich Voss auf der Plettenburg ist und Grimm lange vergebens dort auf ihn au sich warten läßt, findet Voss bey seiner intimität mit Grimm, rathsam, aus einen an denselben angekommenen Brief, Auskunft über sein Wegbleiben möglicher Weise zu suchen, er erbricht den Brief, er ist von der Räthin Falk und in den zärtlichsten Ausdrücken und dem vertraulichen Du, abgefaßt. Vossen, sich mit dieser Entdeckung, wegen der Heyraths-Nachricht legitimiren zu sehen, war mir äußerst belustigend und ich habe mit ihm selbst sehr darüber gelacht. Auf den Donnerstag gedenke ich selbst nach Weinheim zu fahren. Morgen erlaubt mir Schelver einen blinden Somnambule zu sehen, was mich sehr intereßirt. Der Auftrag für Reitzenstein war noch nicht ausgerichtet. Ich habe noch Brustschmerzen, verzeihen Sie daher um so mehr dieses schlechte Geschreibe da es schon Mitternacht ist; wir kamen recht spät von Paulussens nach Hause. Mein Sohn empfielt sich herzlich, so wie auch ich mich Ihnen, den lieben Mann und den lieben Kindern. Ganz die Ihrige. Ende.

Wir kamen den 8.ten hier an, und es ist die Ermüdung, über die Freuden des Wiedersehens, die uns hier mit der ergötzlichsten Herzlichkeit, den ganzen Tag erwiedert werden, Ermüdung die meine Lebenskraft wieder angegriffen hat, ich stärke mich aber mit warmer Kuhmilch. Das beglückende Andenken an Ihr Haus , ist hier Begleiter jeder meiner Freuden.
Zitierhinweis

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Heidelberg, 13. April 1818, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0360


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.