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Korrespondenz

Von Ernestine Mahlmann an Caroline Richter. Leipzig, 14. und 16. März 1802, Sonntag und Dienstag

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Was habe ich Dir nicht alles geschrieben, meine liebste Caroline, wirst Du denn Geduld haben das alles zu lesen?

Es ist heut eigentlich ein großer Tag für mich! Es ist Sonntag, und ich bin diesen Morgen in der Kirche gewesen, und (kannst du es faßen) zum erstenmal hier in L. und außer meiner Trauung zum erstenmal hier in L so lange ich meinen Mann kenne. Der Grund warum ich seit meiner Verheirathung hier nicht herein ging ist kein andrer, als eine gewiße Schüchternheit, die du an mir kennst, meine liebste Caroline, an einem öffentlichen Ort der mir durchaus fremd war allein zu seyn. Die Furcht daß ich kein Plaz finden möchte; daß man darüber sprechen möchte wie hier über alles; genug wie ich selbst einsehe, die erbärmlichsten Gründe hielten mich davon ab! Mit meiner Freundin, der Ludwig wollte ich immer hereingehen; doch sie wohnt in der Stadt, ich in der Vorstadt, das ist sehr weitläuftig. So unterdrückte ich oft die Sehnsucht, welche von Zeit zu Zeit in mir erwachte. Doch Dein Brief neulich beschämte mich recht in der Tiefe meines Herzens, und ich nahm mir fest vor, diesen Sonntag |2 hereinzugehen, und ich habe zu meiner Freude den Vorsaz ge ausgeführt. Wie ich heut eintrat in den großen heilgen Tempel, da fühlte ich erst recht meine Kleinheit. Mich zu scheuen hinzutreten mit allen denen welche vor Ihm alle gleich sind und mein Herz zu Ihm zu erheben in Anbetung und Liebe und Dank! – Mir ist seit langer Zeit nicht so feyerlich wohl gewesen, so tief erschüttert in meinem Innren. Ich sang mit lauter und inniger Stimme und mir fehlte nichts als ein Winkel in demwelchem ich der Menge unsichtbar mich recht satt weinen konnte, und ein weibliches Wesen oder vielmehr Du, der ich die Hand recht fest gedrückt hätte. Die Predigt, welche auch eine Gebhardtsche war machte mich wieder lauer und kälter, und ich machte mir selbst Vorwürfe daß ich sie meine Aufmerksamkeit nicht feßeln konnte. Doch habe ich mir nun fest vorgenommen keinen Sonntag zu versäumen.

Wenn du diesen Brief erhälst, ist Emanuel wohl schon bey Dir ! Wie glücklich wird es dich machen, einen Gast, und einen solchen in Deinem Hause zu hegen und zu pflegen. Es muß die |3 größte Wonne seyn Menschen bey sich auf zu nehmen die man liebt. Und Ihr bösen Menschen wolltet mir die Freude rauben? —

den 14ten März

So viel hatte ich neulich geschrieben, meine liebste Caroline heut füge ich nur noch wenige Zeilen hinzu, weil ich den Brief auf die Post schicken will. Auch an den Vater habe ich geschrieben , Deinem Briefe an ihn zur Begleitung . Den Vater habe ich gebeten mir mit seiner nächsten Antwort, die Gewisheit zu geben daß wir ihn bey uns sehen! Und dich und deinen lieben Mann bitte ich daßelbe!

Dir lege ich noch einen Brief von der Stubenrauch bey – weil ich den Auftrag habe dir eine Nachricht mitzutheilen welche die er enthält und die Dörffer betrift. Die Nachricht ist schrecklich – und keine andre, als daß ihre Heyrath mit H: (Gott weiß aus welchen Gründen) zurückgegangen ist .

Ließ den Brief, und er wird den Brief an dich erschüttern, so wie mich! –

Wie brauch ich Dir noch zu versichern daß ich jeden Auftrag gern übernehme den Du mir geben willst! Lebe wohl Du einzige gute Caroline Lebe recht wohl, und schreib mir bald! Deinen Lieben Mann grüße herzlich von mir, der Meinige dankt Eurem mit der innigsten Liebe, ich bin ewig Deine alte Tine! Lebe recht wohl! Du Liebe!

E.'

Zitierhinweis

Von Ernestine Mahlmann an Caroline Richter. Leipzig, 14. und 16. März 1802, Sonntag und Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0362


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 3 S.


Korrespondenz

Das Datum 14. März gehört wohl zum ersten Briefteil. Vermutlich wurde der zweite Briefteil am 16. März 1802 abgefasst, an diesem Tag schrieb Ernestine Mahlmann auch an ihren Vater, vgl. Brief vom 16. März 1802. Denkbar ist, dass dieser Brief gemeinsam mit dem zuvor geschriebenen vom 13. (?) März 1802 versandt wurde, da der Anfangssatz auf vorangehenden Text verweist. Darüber hinaus entsprechen die beiden Briefe einander in Papierart und Faltung.