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Neustrelitz am 25 ten July 1812

Ich hatte auf den heitersten Augenblick eines ruhigen Tages für dich Beschlag gelegt, liebe Rahel, und immer auf einen beßern gewartet; jetzt schreibe ich dir doch grade umgekehrt in einer krampfhaften Spannung, wie sie mich in der letzten Hälfte meines berliner Auffenthalts so oft stürmisch zu dir getrieben hatte. Wenn ich sagen sollte daß mir bestimmte Vorstellung mir zusetzte so müßte ich lügen, allein es ist heute einmal wieder ein Tag wo ich die Quinteßenz meines ganzen Lebens in einzelnen brennenden Tropfen, wie Gift auf meiner Zunge fühle, und sie vergebens zu kühlen strebe. Ich habe so oft gewünscht, nur auf kurze Stunden eine Probe machen zu können, wie ich mich wohl zu dir verhalten würde, wenn Gott mir eine glückliche lebenvolle Existenz gegönnt hatte, wo aller Kräfte meines Innern Raum gegönnt wäre, sich in regem Umschwung zu bewegen, dann glaube ich würden wir ganz gut und selig einen in dem Andern haben bestehen können, so däucht mir gieng es nicht, und wenn auch alles zu dir hin trieb, der rechte Klang hat immer gefehlt. Etwas war und blieb ungeschickt, und wenn man Kunst hinein mischen hätte mögen, noch ungeschickter.

Du hast aus den Briefen an die Andern gesehen, welche Fehlhoffnungen und schlechte Anfänge auch hier schon vorgekommen sind. Du weißt gewiß nun auch das es jetzt beßer geht, und ich mein Amt seit Acht Tagen angefangen habe, und der Ordnung gemäß, ihm vorstehen darf. Daß du meine Briefe an die Anderen liesest kann ich mir denken: Daß die Anderen meinen an Dich, weniger. Ich hoffe, daß ich indem ich dies sage, nicht unbewußt eine Falschheit ausspreche. –

Mehrere Briefe die heute eingingen machten mich traurig statt froh. Emma schreibt beweglich, und klagt weder dich noch die Sander gesehen zu haben, wie Ihr es ihr doch versprochen hättet. Nur eine alte Dame sey einmal während der Lektionen da gewesen, man habe Emma nicht heraus gerufen. Ich vermuthe daß Frau von Kalb es gewesen, und danke ihr sehr dafür. Du weißt daß diese das Hauptmotiv, alles beßere hier für mich ist, und wirst sie darum lieben. Du weißt daß ich mehreren vom Hofe vorgestellt bin, es sollte in dieser Woche mit Prinzeß Solms geschehen. Theils weil ich mich unwohl fühlte, theils weil ich erst ein neues Kleid kaufen wollte ist es noch unterblieben. Unwohlseyn möge dich nicht befremden. Auch du bist es gewiß in diesem Winter! Allein Euer berliner Winter ist doch noch nichts gegen den hiesiegen, und mich macht er doppelt zornig, weil es |2 mich sehr gewaltsam in die Gebüsche und an die Seeufer zieht, die die schönste Zierde dieser Stadt sind, und mir sehr wohl die Abwesenheit der Gebäude ersetzen, und da die mauern entblößten [...] Straßen, in ihren Endpunkten, von allen Seiten her dem Auge diese trostreichen Gegenstände frei und offen vorhalten. Warlich beruhigend ist der Gedanke sich unmittelbar im Schooße einer wo nicht gefälligen doch [...] kräftigen und baumreichen Natur zu [...]befinden, die hügelicht von allen Seiten emporsteigt, und vieles aufzuweisen hat, wovon wir so eben genug haben würden. Was hilft es aber, wenn man keine Straße dieses Sterns von Straßen, die auf ihren Spitzen Wälder emportragen, oder sich in Seen versenken herunter gehen kann, ohne daß einen der Zugwind bald umwirft, und feuchte Nebel einen ersticken? Dies tödet meinen Muth am meisten, und was ich auch an meinem Anzuge hinzufüge, es hat mich gegen Krämpfe und Brustbeschwerden nicht schützen können die mich in diesen ganzen Wochen peinigten.

Auch die Anstrengung des Sprechens beim Unterricht mag wohl dazu beitragen. Wie mag man sich in Acht nehmen in keiner leidenschaftlich bewegten Stimmung in die Klaßen zu gehen, wenn die Lehrerin eine Mutter ist, die sich plözlich unter dreißig jungen Mädchen befindet, alle dem Alter und der Größe nach, sie an ihre abwesende Tochter erinnernd? – doch das wäre nur vorübergehend. Allein da der mir anvertraute Unterricht, die deutsche Sprache, unmöglich von einem Wesen meiner Art als Skelett ge behandelt werden kann, sondern ich ihn – so gut die schöpferische Natur es in mir es vergönnt – ihn es mit Fleisch und Farbe bekleide, so ist mein Vortrag oft mehr ein Gedicht als eine gewöhnliche grammatische Ubung. Auch liegt es schon in meiner Ansicht von meinem [...] jetzigen Leben, das ich mir doch nur als Ubergangspunkt zu etwas schönerem denke (wenn ich nicht verzweifeln will) daß der Sprachunterricht aus meinem Munde so ausfallen muß, mich selbst in mechanischem wie im philosophischem Gebrauche derselben zu fördern! Und wie ein Kind freue ich mich, während ich den Kindern die Begriffe der Wortverhältniße in die ersten Elemente auflöse, an die hohe Bedeutsamkeit, jedes auch des kleinsten Einzelnen, und freue mich daß diese K zunehmende Deutlichkeit worin das Ganze mir nun anfängt vorzuschweben, meinen eignen Darstellungen, immer mehr aushelfen, und |3 im lebendigen Wort der Rede wie in Briefen, und Schriften, mich auf das Rechte führen werde, was mir so lange gefehlt hat? – –

Doch das ist es alles nicht was ich dir sagen wollte liebste Rahel, ich mochte dir die anschaulichste Beschreibung von jedem einzelnen machen was außerlich und innerlich mein Daseyn erfüllt, bestimmt, und ihm Farbe giebt. Es ist alles dazu gehörig, unsre Wohnung!, die rein und hell, auch mit beßerm und bequemern Mobiliar versehen ist als die berliner ungestalte Stube, in der wir aber wie in eine Schachtel eingepackt sind, so eng ist alles an einander. Das Eßen! welches wir genießen, gut und reichlich! Das Geld welches es kostet! mehr als in Berlin, wie Alles hier mehr kostet! Die Luft welche ich in meiner Stube einathme, und die welche in den Klaßen, in meine Nasenlöcher einzieht! Du fein organisiertes, wirst ein andres nicht viel minder fein organisiertes richten können, wenn ihm die Knie einsinken wollten in diesen ersten Tag, bey dem Eintritt in eine mittelmäßig große Stube, wo 48 ganz arme [...], nach Brodrinde riechende, nur halb gekämmte, schweißige Kinder 48 Rechentafeln [...] vorhielten, und Exempel alle aufgeschrieben haben wollten. Ich denke in solchen Augenblicken, an alle mögliche wohlthätige geistliche Brüderschaften, an die deutschen Ritter in den Hospitälern, auf der Insel Malta, an die [...] Fürsten [...]söhne, die dort in christlicher Demuth, Pestkranke warteten, ich sage mir, daß ich doch einmal anfangen müßte, eine Christin zu werden und murre nicht! – – – Diese Stunde in der niederen Töchterschule fallt gerade von 2 - 3. Ich habe die Einrichtung getroffen, erst spät wenn alles vorüber ist um halb fünf Uhr zu Mittag zu eßen, aber es kommt mir nicht zu Gute, ich bin zu angegriffen vom Reden und dem Effort der Sinne, daß ich gar ein Bedürfniß zum Eßen habe. Mich aus Vernunft dazu zwinge, und dann den Magen mir verderbe.

Die Longhi war in diesen Tagen hier, und bei Hof ein Konzert, wo viel Personen aus der Stadt zugelaßen waren, ich fehlte nicht.

Auch ein Brief von der Sander heut vermehrte die Aufregung welche ich fühle. Sie erwähnt auf eine doppelsinnige, halb beruhigend halb aufregende Weise Goschizkys. Ist er in Berlin? sahst du ihn? ich habe auf meinen letzten Brief , den zweiten den ich nach Langenbielau nach Sandrezkys Gute an ihn abgesendet habe keine Antwort. Früher als dieser Brief ankam war er |4 wieder in Breslau, dann ward er schnell vom Kanzler nach Berlin gerufen. Es ist möglich daß er diesen Brief, worin ich ihm die ganze Wendung meiner Lage umständlich melde, und alles sage was ihm zu wißen nötig war, gar nicht erhalten hat. Frage ihn darnach. Frage ihn bestimmt ob er drei Briefe von mir einer in Breslau, zwei nach Langenbielau addreßiert erhalten hat. Melde mir was er darauf erwiedert.

Seine Erinnerung ist es die ich mit Gewalt von mir abwehre, da sie mich in dieser Einsamkeit doppelt und dreifach überfällt. Aus jedem Buche das ich lese entgegentritt. Ist Eglofstein zurück? Grüße ihn diesen siehst du gewiß, grüße die Frohberg wenn du ihr schreibst. Ich werde alles was ich kann zusammen sparen um ab und zu nach Berlin kommen zu können, Dich, die Sander, die Frohberg, und die Lercaro Lenkaro – vor allen meine Emma [...] sehen zu können. Grüße die Lenkaro Lercaro sehr. Sage daß ich nicht vergeßen werde ihr zu schreiben. Leben die kleinen Kinder Sie kränkelten da ich fortging. Ich sprach neulich hier einen jungen Herrn von Schwan , der Herrn von Marwitz in Halle gekannt hat, und ihn zu würdigen versteht. Nun kann ich nicht mehr, ich habe mit so viel Leidenschaft geschrieben, daß mir die Brust weh thut als ob ich gesprochen hätte. Schreib mir alles was wir sonst zusammen sprachen. Liebe Rahel, ich sehe dich mit deinem dunkeln Shawl in der Behrenstraße am Fenster sitzen. Ich gehe in Gedanken die Friedrichsstraße herunter, vor Goschitzkys Wohnung vorbey, fühle alle Schauer der Zeit, wo sein Zürnen, mich in unsägliche Angst, zu dir trieb. Du sitzt, den Kopf auf die Hand gestützt, und liesest, ich sehe dich schon von weitem, bereue es dich aus deiner stillen Beschäftigung aufzustören, und stürze doch wie eine Unsinnige in dein Zimmer. So macht es dieser Brief nun wieder? Bin ich ruhiger da alles vorüber ist? Nein – ich kann nichts zu deiner Freude hinzusetzen. Vergib mir!

Sahst du Wolf? Sprich und grüß ihn von mir!

Dieser Brief aber, bleibe dein eigen.

Minna Spazier

Zitierhinweis

Von Minna Spazier an Rahel Levin. Neustrelitz, 25. Juli 1812, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0389


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin V
2 Bl. 4°, 4 S. S. 1 über dem Brief von Varnhagens Hand: Minna Spazier, an Rahel. | Neustrelitz, den 25. Juli 1812. Auf S. 4 im mittleren Bereich unbeschriebene Stelle aufgrund Materialschadens.