Edition Umfeldbriefe

Von Heinrich Voß an Friedrich Freiherr de la Motte Fouqué. Heidelberg, 14. Januar 1815, Sonnabend

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Heidelberg, den 14. Jenner 1815.

Zum zweitenmal, hochverehrter und von Herzen geliebter Mann, wage ich es vor Ihnen hinzutreten, und diesmal – ich Glücklicher! – aufgefordert von Ihnen selber. Dafür sage ich Ihnen einen Dank, den ich besser zu fühlen als auszusprechen weiß. Als Ihr Brief ankam, zugleich mit einer unendlichen Ladung von Ihrem und meinem Truchseß , lag mein herrlicher Vater an einer Rückenwunde – die nun Gottlob vollkommen geheilt ist … gar sehr leidend; aber die Briefe machten ihn alles vergessen, und den Ihrigen konnte ich erst nach einigen Tagen wiedererhalten, da er ihn jedem Besuchenden, der dessen würdig war, zeigen mußte. Auch von meiner einzig guten Mutter, die Ihnen Passow einmal so recht vorführen wird, soll ich Ihnen einen herzlichen Dank sagen. Sie pflückte einige Tage vor Weihnachten aus unserm Garten einen ganzen Strauß Veilchen. Drei davon gab sie mir mit den Worten: "Die soll Fouqué haben." Und so nehmen Sie denn die freundlich dargebotene Gartengabe freundlich auf; und Sie können ja nicht anders, sie lieber, freundlicher Mann.

Ihre Kosackenlieder haben denn einen rechten Jubel erregt; aber nie haben Sie mir besser geschmeckt, als die vier bis fünf Mal, daß ich meinem Vater sie vorlesen hörte, der so etwas durch Mimik und Stimme in’s rechte Leben zu bringen weiß. – Für das Geschenk der Corona wird Ihnen mein Vater selbst danken. Er hat sie, was sonst mein Geschäft ist, meiner Mutter ganz vorgelesen.

Ich böser Mensch habe die Corona noch nicht gelesen, einige Gesänge ausgenommen; und das mag meine zeitherige Ueberhäufung mit Amtsgeschäften, worunter auch Truchseß hat leiden müssen, einigermaßen entschuldigen. Aber auch, wenn ich gelesen hätte, ich würde Ihnen doch so viel als Nichts darüber sagen. Das kann ich bei Ihnen nur zu einem dritten, oder zur Noth öffentlich. Es geht mir mit Ihnen, wie mit dem edlen Todten, Schiller, den ich 18 Monate lang, bis ich ihn mit zu Grabe trug, täglich sah; über dem Menschen vergaß ich den Dichter. So geht es mir mit dem edlen Lebenden, Leopold Graf zu Stolberg. Und Sie, herrlicher Ritter, frage ich, welcher Mensch von einigem Gefühl hat Ihre Undine, oder was Sie wollen, gelesen, ohne die heißeste Sehnsucht in sich aufgeregt zu fühlen, Sie persönlich kennen zu lernen? Das haben Sie oft erfahren, und werden’s noch künftig. Darum lassen Sie mich nur das sagen: nie werden wir es verschmerzen, daß wir Sie nicht unter unserm Dache deutsch und herzlich haben bewirthen können.

Von Fresenius wollen Sie wissen? Gleich nach dem Empfange Ihres Briefes ließ ich durch einen hier studirenden Freund des Verewigten Nachfrage ergehn wegen des Trauerspiels Aniello. Die Folge war, daß vor ohngefähr 6-8 Wochen ein Fresenius, wahrscheinlich ein Bruder , an mich schrieb, und Ihre Adresse erbat. Die hab' ich ihm sogleich geschickt, und der Aniello wird nunmehr in Ihren Händen sein. Ich selbst kenne nur den ersten Akt, worin ich unendlich viel Geist, viel Gelungenes, aber fast noch mehr Unreifes fand; der Verfasser war ein Demant erster Größe, aber die Politur fehlte noch; ob er seitdem geändert hat, weiß ich nicht. So viel ich weiß, ist dem Prof. Welcker aus Gießen, der gegenwärtig in Kopenhagen Privatbibliotheken und Briefschaften für eine Biographie Zoëga’s benutzt, die Herausgabe des Aniello übertragen; daß dieser mit Freuden sie Ihnen überlasen wird, dafür steh' ich ; zugleich weiß ich, daß Fresenius es Ihnen im Grabe danken wird, wenn Sie, wo es noth thut, die bessernde Hand anlegen. – Ich kannte anfangs diesen lieben Menschen kaum anders, als daß ich ihn in allen meinen Vorlesungen fand; erst kurz vor seiner Abreise kannten wir uns näher; und wie oft hat er mir da sein liebendes Herz aufgeschlossen! Er kam als Rector nach Homburg – gar nicht an seinen Platz; aber er sah diesen Posten als Stufe zum Prediger an, dessen heiliger Beruf in seinem Herzen glühte. Ach! da kam der Tod, der unerbittlich strenge .... Mir wurde sein Tod vor dem Eingange in mein Collegienzimmer verkündigt und ich konnte vor Wehmuth nicht zu lesen anfangen. – Freunde des Vorangegangenen sind schon von mir aufgefordert, alles Merkwürdige aus seinem Leben aufzusetzen; für eine würdige Verarbeitung soll dann schon Rath werden.

Ihre Rüstung ist in Darmstadt; der vorige Besitzer ist ein gewisser Kammersecretär (wenn ich nicht irre) Issel, ein wackerer kunstliebender Mann, wie ich höre, von mir selbst nur oberflächlich gekannt. Wäre er zu Hause, so wäre die Absendung längst besorgt. Leider (das heißt für uns, nicht für ihn) ist er seit Mitte Junius in München, und wie mir mein Freund Grimm meldet, im Begriff nach Paris abzugehn, um dort sich auf die Malerei zu legen. Grimm wird, sobald er seine Adresse hat, an ihn schreiben, und dann mag er von Paris oder noch von München aus über die Absendung verfügen. Aergerlich ist uns die Verzögerung sehr; aber wer konnte wissen, daß eine Reise nach München, die blos auf einige Wochen berechnet war, den guten Issel so in die Kunst hineinbringen würde. Grimm, ein junger, talentvoller Mann, Professor und Rector zu Weinheim an der Bergstraße, ist ein schwärmerischer Verehrer von Ihnen, und würdig es zu sein. Von ihm sind einige artige, nur etwas zu eilfertig hingearbeitete Kindermährchen gedruckt, und vor einigen Monaten im Morgenblatte die sehr gelungene Legende der heiligen Itta .

Daß Passow Ihren Sigurd recensiren will , freut mich ungemein: er ist der Mann dazu, wie wenige. Noch immer kann ich des guten St. Schütze Geschwätz über den Sigurd nicht vergessen. Doch das kennen Sie wohl nicht einmal. Schier gräßlich ist eine andere Recension in der Jena’schen liter. Zeitung, eine Recension Ihrer Undine, die mir indeß nur lächerlich dünkt, seit ich den Verfasser weiß . Dieser ist mein Landsmann, der dicke und recht sehr feiste Lexicograph, ein Mann, oder vielmehr een Hamburgische Keerl, dem’s manchmal bei Südsüdostwind im Kopfe spukt. – Dieser Mastochse, der die Kunst verstand, den Hamlet so zu lesen, daß kein Zuhörer was von Shakspeare wissen wollte, stand in Eichstädt’s wohlfeilem Solde, und mußte alle Werke im Stillen abthun, die zur Versendung an ordentliche Recensenten kein Postgeld wegnehmen sollten; und so kam denn auch Ihre zarte Undine in seine Philisterklauen. – Der Unfug, der mit Recensionen getrieben wird, ist empörend. – Ueber Rückert’s Verhältniß mit Eichstädt hat Ihnen Truchseß geschrieben. Gar sehr freut mich noch meine List, Eichstädten eine Recension der Raimarschen Gedichte, deren Verfasser Graf Loeben ist , in die Zeitung zu spielen, wiewohl List und Trug sonst meine Sache nicht ist. No se puèden, ni deven llamar Engaños, los que ponen la mira en virtuosos fines , sagt mein lieber Don Quixote, nachdem dem Basilio gegen den reichen Camacho sein Recht geschehen ist . Auf Ihre Recension der deutschen Gesänge , edler Fouqué, freue ich mich schon im Voraus.

Mein prächtiger Truchseß hat mir Ihren Brief mitgetheilt, der mir hohen Genuß gewährt hat. Ach! bei dem Wonnegedanken, Sie einmal auf der Bettenburg zu sehen – – edler Fouqué, was soll ich dazu sagen! – Um Gotteswillen, ist das ausführbar, und wie? und wann? Mir sollte kein Opfer zu groß sein, könnte ich dadurch dies Glück erringen; und mich dünkt, etwas so unnennbar Hohes, als zwei solche Männer sich besprechen zu hören, kann für mich nur durch ein Opfer errungen werden. – Edler Fouqué, ich nehme die dargebotene Freundesrechte mit Rührung, mit Freude an; aber stets werde ich mit Ehrerbietung zu Ihrer Höhe emporschaun, wie bei meinem Truchseß.

Meine Eltern wollen, ich soll sie Ihrer edlen Frau Gemahlin herzlich empfehlen. Darf ich meinem ehrfurchtsvollen Gruß hinzufügen?
Und hiemit Gott empfohlen. Unwandelbar ganz der Ihrige

Heinrich Voß.

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Friedrich Freiherr de la Motte Fouqué. Heidelberg, 14. Januar 1815, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0392


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Textgrundlage

D: Briefe an Fouqué, S. 504-509.