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B. den 4ten Sept. 1822.

Geliebte Odilie!

Gestern kam Dein Brief als ich mit Emma und der Magd, gerade dasund dem Mittag-Essen, gerade nach der Bürgerreuth gehen wollte, wohin der Vater am Morgen gegangen war. Es ist jetzt das 2te Mal daß wir es so machten. Wir fanden draussen Otto’s, und die Reizenstein mit ihrem Sohne die ebenfalls ihr viel brillanteres Mittagessen dahinaus getragen hatten, und nicht allein wir, sondern auch die Mägde der drei Partheien waren draußen seelenvergnügt. Uns (mich und Emma) beglückte des Vaters trauliches Sprechen mit Otto, gegen den er jetzt wieder liebender gesinnt ist , und den er öfter besucht. Amöne kommt nicht oft zu mir allein wir sind auf einem recht guten Fuß miteinander. Ich bestellte Deine Grüße sogleich Jedermann grüßt Dich, frägt nach Dir, so oft ich ihn sehe. Die Kammerherrin und Ilsette sprachen am Sonntag mit der innigsten Liebe von der guten vortreflichen Odilie – wie wohl that das meinem Mutterherzen!

|2 Du wirst wieder nicht wissen, woran Du bist, mit meinen Versprechungen, du gutes liebes Kind! Hecht reißte noch nicht, und mein Paket liegt drüben bei ihm! Ich muß es zurückholen lassen, um den armen Pflaumenkuchen aus seiner Gefangenschaft bis in unseren Mägen einen Zukunftsort zu verschaffen – denn was hälfe Dir ein verschimmelter Kuchen? Es ist verwünscht! Hecht reiset gewis die andere Woche, und die Hemden können wohl warten, oder Du, auf sie, aber daß mir nun zweimal die Freude vernichtet ist, Dich mit einem so guten Kuchen zu überraschen ist recht unangenehm. Es macht mir recht üble Laune.

Daß Dein Mantel Dir gefällt, freut mich sehr ich finde auch das Zeug für ein Hauskleid recht hübsch, und dabei wohlfeil. Ich habe auch so Einen aber es ist durch die Wäsche sehr eng und kurz geworden, deshalb ist in jedem Fall seine mir auch übertrieben scheinende Länge, gut. Ich mußte |3 Dich aber nach Deiner eigenen und der Fr. v. Welden, Schilderung, auf dem Wege zu der Enzel ihrer Größe, halten. Bitte nur ja die Wäscherin, wenn er in ihre Hände kommt ihn nicht heiß zu waschen, dann wird das Zeug nicht ausgehen. Ich versah es darin mit dem meinigen, und er ist um vieles blasser geworden. Ich kaufe Dir aber doch noch Einen, Du machst mir Komplimente – dieser ist wohlfeil, und da Du so gut warst, den vorherigen zurückzugeben, so verdienst Du einen Eleganteren. Man hat hier ein sehr feines Wollenzeug, es heißt (Karolinenresch) welches ich für 52 xr bekommen kann, und wovon man, vermöge seiner Breite nur 10 Ellen braucht – dazu habe ich große Lust. Die Farbe ist eine Art Nanking . aber es muss unverwüstlich dauerhaft sein. Oder würde Dir brochirter Merinos wie Marie Schubert ihr mit Pelz besetzter Mantel, besser gefallen? Schreibe einmal recht ehrlich auf meine aparten Zettel Deine Meinung! – – – –

|4 Wie kannst Du nur immer von Fehlern und Unzufriedenheit sprechen! Deine Briefe sind uns so lieb! und was können wir anderes darin suchen als Bestätigungen unserer Wünsche für Dein Wohl. Mit der Zeit werde ich freilich schon erleben, daß Du Deine Gedaken gewählter ausdrückst, und Dich bei einem schönen Gefühl das woran Dein Gemüth so reich ist, auch auf den Ausdruck besinnst, der dieses Gefühl so ausspricht, als es in Dir wohnt – dazu gehört aber fleißiges Lesen schöner Schriften, wozu Du jetzt nicht kommen kannst. Aber unter uns ist da ja nicht nöthig, und Deine lieben kindlichen einfachen Worte sind mir so lieb als die Sprache des aller ausgebildetsten Menschen. Du hast das Höchste je in Dir. Du hast nur eine Art Verschämtheit es auszusprechen, es würde Dir affektirt vorkommen. Wenn Du zu Hause bist wollen wir alles einbringen, Du mußt dann viel mehr den Geist als die Hände beschäftigen, wir haben ja die herrlichsten Bücher. Jetzt stricke ich viel weil kein Strumpf mehr zerrissen liegen bleiben soll, und dabei lese ich wenn Alles still und ruhig um uns ist, der Emma oft schöne Stellen |5 aus Herder oder d.gl. vor, und wenn sie mit mir das Erhabene und Wahre fühlt bin ich so glücklich als es ein, in menschlicher Hülle und von menschlichen Schmerzen verwundetes Geschöpf sein kann, das sich immer sehnt den verlohrenen Sohn im großen All zu suchen. Aber ich bin sonst auch recht vergnügt, meine liebe um mich besorgte, Tochter! Gelingt Deine Kur, und Dein lieber Leib wird wieder gerade, wie zuvor – eine feste Gesundheit begleitet Dich durchs Leben – Du findest in der Welt Glück und Freude – so sind das Glückseeligkeiten die mich mit ewiger Dankbarkeit gegen Gott erfüllen werden. Wenn Du und Emma nur das Leben recht schön findet. Soll ich lange leben, so möchte ich Euer Genius sein, der Euch das Möglich Schwere erleichtern hilft, das in eines jeden Menschen Schicksal mit eingeflochten ist. – Gesund bin ich vollkommen, sehe wohl aus, und habe immer daran eine innige Freude, wenn ich dem Vater, unverändert, vorkomme. Du weißt, wie gern' ich ihm immer gefallen möchte. |6 Deswegen gehe ich jetzt wieder in größere Gesellschaften. Es würde den Vater von mir entfernen, wenn ich zurückbleiben wollte. Die Menschen sind alle so gut gegen mich vorzüglich haben uns zuletzt Münsters Freude gemacht. Die alte Gräfin Münster ist die würdigste alte Frau die man sich denken kann, aber so voll Liebe, Hingebung, und Offenheit wie ihre Tochter, war sie doch nicht. Allein diese, kam in der letzten Woche so traulich zu uns in den Nachmittagstunden herüber, wie die herzlichste Freundinn. Und in der letzten Gesellschaft bei Bülows näherte sich Graf Münster auch dem Vater so bieder und freundlich – das ist der guten Schwester Werk. Vielleicht kommt er von jetzt an zum Vater – die Mutter und Schwester sind abgereißt. Endlich ist die Gr. Henkel hier, Helene ist nicht böse auf Dich.

Daß Du jetzt bei Auguste logirst, ist gut. Wenn nur nicht zu viele Mädchen in Einer Stube sind. Beziehet ihr wieder die eigne Stube aber bleibts nun so.

Jetzt lebe wohl, mein geliebtes theures Kind! Schicke mit Gelegenheit eine der alten Schachteln einmal mit Trauben

Deine Mutter

Ich gebe immer Acht auf Reisewagen, ich möchte immer zu Dir, und dann reut mich wieder das Geld.
Der Vater grüßt Dich sehr – OttoEmanuel
Alle – Alles –
Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Odilie Richter. Bayreuth, 4. September 1822, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0395


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. und 1 Bl. 8°, 6 S.