Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Johann Siegfried Wilhelm Mayer an Caroline Richter. Berlin, 4. Oktober 1816, Freitag

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Berlin d. 4. 8.ber 16.

Meine liebe Caroline!

ich bin durchaus ungewiß, ob ich Deinen liebevollen Brief vom 16. Aug ust bereits beantwortet habe; ich glaube es selbst nicht, habe mich aber darüber wahrscheinlich nur deßwillen getäuscht, weil ich auf meinen Wunsch um ein Lebens Zeichen Deiner Ottilie nicht befriedigt bin, u Dich also als Schuldnerin einer Antwort angesehen habe.

Sollte Dir entwan die ausschließende Erwehnung der Ottilie empfindlich gewesen seyn, so will ich gern gestehen, daß mich die Fremdheit Deiner übrigen Kinder gegen mich vielleicht dahin geführt hat. Doch thue auch der Ottilie keinen Zwang an.

Deine mir übersandte Stickerey prangt jetzt in meiner Arbeits Stube über dem Bilde meiner alten Mutter, in Glaß ud Rahm; und stellt so, das was mir im Leben das Theuerste ist, zusammen. – Noch kann ich es auf die Ausstellung bringen, wenn Du damit einig bist. Aber antworte bald.

|2 Bey gelegenheit einer Aufräumung meiner seit resp 50. u 13. Jahren aufgesammleten Papiere, die zum Verbrennen bestimt sind, so bald meine Öfen geheitzt werden, hätte ich auch den anliegenden Zettel verbrennen können. Allein Du verdienst diß selbst zu thun, weil Du jetzt so viel höher stehest.

Auf die offerirte Rücksendung der Vollmacht gegen Herrn Richter erbitte ich mir bestimte Antwort; weil ich mich nicht gern durch Verzug verantwortlich machen möchte; u doch wegen der prompten Zinß Zahlung keinen Anlaß zur absoluten Kündigung habe. Ist Dir aber auch nur an höheren Zinsen gelegen; so kann man auch diß versuchen, u bitte ich nur um einen besondern Zettel von Deines Mannes u Deiner Hand, um mich bey Herrn Richter darüber auszuweisen.

Andere Familien Papiere deren ich auch erwehnt habe, sind mir ebenfalst zum Verbrennen zu recht gelegt. Solche reminiscensen können niemand wohlthun.

Meine Gesundheit ist bis auf die Folgen einer Lähmung völlig hergestellt. Diese Lähmung in den Füßen u dem Creutz aber läßt mich auf dem Stein Pflaster ohngefehr wie auf Steltzen |3 gehen, so daß ich alle Wege gröstenheits befahren muß, wozu unsere jetzige Droschken, ein leichtes aber anständiges Fahr Werk mir sehr bequem, auch aber nicht kostbar sind. Gern wäre ich auch dieser Unbehülflichkeit loß, die mich schon genötigt hat, meine so berufene villa auf der Potsdamer Chaussé (200. Schritt von der Brüke) aufzugeben. Wahrscheinlich werde ich im Sommer noch das Freyenwalder (oder Frankfurther oder Neustadt Eberswalder Bad) die alles Geschwister Kinder sind und wovon mir ersteres einst sehr wohl gethan hat, brauchen. Denn, meine liebe Caroline, jezt hindert mich schon die Sorge für meine Nach Kommen, an größeren Depensen eines entfernteren Bades. So gewiß ist die Regel, daß die Liebe [...] siegt.

Julius arbeitet an seinen Probe Arbeiten zum großen examen im Bau Fach, u sein Aufenthalt bey mir dauret noch 2. Jahr.

Solltest Du nicht wißen, daß die alte Hainchelin Stockblind ist, so melde ich es Dir; Gott gebe aber auch die glükliche Augen Operation, der sie sich noch unterwirft.

Minchen Fehlisch hat sich mit einem Bürgemeister aus Baerwalde verlobt, welches in diesen Tagen in der Zeitung bekannt gemacht wird. ich freue mich darüber.

|4 Der Sohn ihrer Schwester ist unwiederbringlig verloren.

Die Tante Mertzdorff wohnt jetzt mit Frau v. Saltava zusammen in der Linden Straße , über den Herrn Minister von Altenstein , in sehr wohl gelegnen aber wohlfeilen Mansarden.

Lebe wohl; u grüße Deinen Mann u Kinder; meine Frau grüßt Euch ebenfalß alle.

Dein
treuer Vater
Mayer

Der Brief der D lle Siegfrid, deßen Du erwehnst, macht mir Freude. Im Leben selbst war sie mir auch hold.

Da ich ihrer erwehne denke ich auch der Minchen Siegfried die jetzt hier bey der Geheimen Räthin Becherer in einer sehr angenehmen Condition als Gesellschafterin, u ein vortrefliches Mädchen ist.

Der D. Andrae ist von Wien , sehr unbefriedigt, zurük, u gehet in einigen Tagen nach Magdeburg aus der idealischen in die practische Welt.

Zitierhinweis

Von Johann Siegfried Wilhelm Mayer an Caroline Richter. Berlin, 4. Oktober 1816, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0402


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.