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Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 24. September 1818, Donnerstag

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Baireuth den 24ten September
1818.
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Geliebtester Vater!

Sie können es vorstellen, welche unendliche Freude mir Ihre letzten Nachrichten gemacht haben, durch die ich ausführlicher von ihrer Heilung unterrichtet wurde als mir Ihr früherer Brief versicherte. Wie rührend ist mir die kleine Feierlichkeit die Sie mir so kindlich geschildert haben! Möchten wir nur dabei gewesen sein, um kniend Gott zu danken. Allein auch entfernt von Ihnen habe ich dem Allmächtigen mit der ganzen Innigkeit gedankt die ein so großes Glück verdient. Möchte nur diese Heilung für lange Zeit von ununterbrochener Dauer sein, und ein so verdienstvolles Leben als das Ihrige durch den schönsten Lebensabend gekrönt! O Gott segne Sie noch mit den vollkommensten Freuden die das irdische Leben nur gewähren kann. Mein guter, guter Vater wie gern möchte ich jetzt an Ihrem Herzen liegen! - - -

Seitdem ich Ihnen nicht geschrieben, haben Ihnen vielleicht manche Reisende Grüße von uns gebracht, denen ich keinen Brief mitzugeben wagte. Unter andern der junge Vaerst dessen Sie Sich gewis noch erinnern, indem Sie meine Bitte um Sorgfalt und Schutz für ihn als er noch Cadet war, mehr als zu gütig erhörten. Er überraschte uns eines Morgens, und lebte über acht Tage in Baireuth zu seinem Vergnügen.

|2 Er ist Lieutnant unter der Garde, scheint aber mehr den schönen Wissenschaften zu leben als seinem Fach. Ich kann nicht sagen daß sein Betragen besonderen Antheil einflößt, denn er scheint eitel und untheilnehmend. Aber er hat Geist und Empfänglichkeit für das Höhere. Ganz eine andere Erscheinung ist der junge Kalb dessen Verehrung und Andacht für das Heilige ins Leben eingedrungen ist. Er wird bald nach Potsdam zurückehren nachdem er in Würzburg mit seiner Mutter einige Monate zusammengelebt, und für die Wiedererbauung ihres bürgerlichen Wohlstands seine juristischen Kenntnisse angewendet hat. Er wird Sie und die verehrte Mutter aufsuchen und Ihnen Grüße bringen.

Von Minna habe ich seitdem die gewisse Nachricht daß sie ihrem Mann ein Kind geben wird, erhalten. Ich wünsche Ihr Glück zu diesem Zusatz ihres Glücks ohne das ihr Mann doch vielleicht die Ungleichheit ihrer Jahre mit der Zeit schmerzlich empfunden haben würde. Was Minona anbetrift, geliebter Vater, so finde ich die Idee sich der Kunst zu widmen so übel nicht, wenn anders ihr Talent ein Entschiedenes ist. Freilich finde ich die blos häusliche Bestimmung dem Weibe am gemäßesten indessen in diesem Zeitalter welches den Ehen so viele Hindernisse in den Weg legt, glaube ich thut |3 man Recht, jedes Hülfsmittel zu einer gewissen Selbständigkeit zu benutzen mit der man dem äußeren Schicksale Trotz bieten kann. Was steht dafür daß Minona ohne Vermögen eine glückliche Heirath thun wird? Und nur eine Solche ist die einzig sichernde Form eines tugendhaften Lebens für das Weib. Jedes andere Verhältnis sei es auch das ehrenvolle einer Erzieherin, hat schon wegen seiner durch Nichts verbürgten Dauer etwas Gefährliches für eine so schwankendes Wesen als das Weib. Dagegen Jede andere untergeordnete Beschäftigung in den kleineren Künsten die der menschlichen Gesellschaft zum Nutzen dienen, und nur das tägliche Brod zu erwerben fähig machen, sind mit so vielen Demüthigungen begleitet, und schläfern den Geist und das Herz in einem Grade ein, daß man denen von der Natur mit einem Talent für irgend eine Kunst Begabten, Glück wünschen muß wenn sie dadurch freier edler und erhabner bleiben können. Und ich halte Zeichenkunst und Malerei für Beschäftigungs und Ableitungsmittel heftiger Leidenschaften. Sie ist auch eine isolirende Kunst, die nicht wie Musik einen Verkehr mit Künstlern unerlaßlich nothwendig macht. Sondern einsam in seiner Klause kann man die Welt entbehren und vergessen. Deshalb glaube ich nicht daß ein Mädchen Minona eine sich darbietende partie auszuschlagen sich berufen fühlte |4 dies wäre Unnatur, und dann würde die Kunst blos eine schöne Gesellschafterin für das Leben bleiben.

Daß Herr Uthe übrigens die weiblichen Beschäftigungen so sehr tadelt, ist mir nicht schmeichelhaft, da ich sie so sehr liebe. Indessen ich tröste mich damit daß jeder Mensch recht thut der die Anlagen seiner Natur ausbildet und verfolgt, indem es ihm nur dann gelingen wird etwas Ganzes und Vollständiges zu sein. Sie wissen es geliebter Vater wie ich schon als Kind mechanische Fertigkeit bewies - Beharrlichkeit und Unermüdlichkeit bei einmal angefangenen Unternehmungen war mir angeboren und ich habe so manchen Nutzen damit für mich und andere hervorgebracht, daß ich nicht bereue diese Gaben benutzt zu haben. Übrigens finde ich daß eine Frau und Mutter viel mehr Aufmerksamkeit und Sammlung des Geistes für ihre täglichen Berufsgeschäfte bewahrt, und das Gemüth anspruchslos still h und heiter, als bei anderen Beschäftigungen, die das Gemüth einseitig gefangen nehmen. Natürlich darf der Geist dabei nicht vergessen werden und mir sind Bücher Musik und dergleichen allemal Belohnungen vergangenengeübten Fleißes, oder Ermunterungen zu Neuem. Allein ich darf aber auch mein taktmäßiges abgezogenes Leben nicht mit jedem anderen Leben vergleichen.

Der ehrwürdigen Tante Merzdorf sagen Sie doch auch von mir die herzlichsten Grüße. Wie innig bedaure ich ihren Zustand! Allein ihr irdisches Leiden wird ihr dafür jenseits die gröste Seeligkeit bereiten. Mein Mann und Kinder wollen Ihnen und der theuern Mutter ehrerbietigst empfohlen sein.

Wenn Sie meine kleine Brieftasche verkaufen würde es mir sehr wehe thun. Niemand dürfte sie außer Ihnen empfangen als die Mutter. Allein ich glaubte Sie Selbst sollten die Ihnen werthesten Briefe heineinlegen, und jedesmal dabei an Ihre Tochter denken. Halten Sie ja Wort, und schreiben Sie mir, was Sie von meinen Händen wünschen.

Ich bitte um Ihrer Beider Liebe.

Ihre treuste Tochter
Caroline.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 24. September 1818, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0413


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