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Meiningen den 16ten October
1810

Seit den 1sten dieses, bin ich von meiner ermüdenden Reise zurükgekehrt, aber nur erst heute erlauben mir es die mancherley Geschäfte die ich vorfand Sie, mein Theurer zu begrüßen und Ihnen Rechenschaft abzulegen von allem was mich betroffen hat, seit meinem letzten Briefe !

Ja, Freund meiner Seele, war es denn möglich, daß Ihre Henriette nach allem was sie im Leben erfahren und getragen hat noch mehr erfahren mußte? Fehlten denn noch Scénen um mich die menschliche Verdorbenheit bis auf den tiefsten Grund erkennen zu lehren? und mußte mein Mutter Gefühl eine Erfahrung machen die bitterste und härteste meines Lebens! —

Nach diesem Eingange werden Sie, Emanuel, auf einen langen Brief von mir rechnen müßén; es ist aber einmahl so, außer meinem S. theile ich mit Niemanden auf der ganzen Erde meine Freuden und meine Leiden so gern mit als Ihnen! es beruhigt mich wenn Sie erst wißen was mir begegnet ist und wie ich mich unter den Stürmen verhalten habe.

Ich muß, um [...]meine nächste Vergangenheit ein wenig in Ordnung vor Ihr Auge zu stellen, von dem Moment anfangen, wo ich noch hoffte meine Bayreuther Freunde zu sehen. Obschon meine Gesundheit einige Wochen nach meiner Niederkunft leidend wurde, so erwartete ich dennoch viel |2 von einer Reise, einmahl zu so geliebten Menschen wie meine Bayreuter mir sind, und dann vom herrlichen Wetter. Bey Euch wollte ich mich stärken um dann die für mein Herz und meinen Körper weitere beschwerliche Reise fortzusetzen. Ich hatte dem Grafen auf die bestimmteste Weise über alles geschrieben, meinen ersten Reiseplan bis in den September hinaus gesetzt und fing nun ruhig eine Cur an, von der ich die beste Wirkung erwarten konnte.

Plötzlich erhalte ich von dem albernen und boshaften Grafen einen Brief in welchem er mir sagte er würde den 23sten August in Leipzig eintreffen, allwo ich hoffentlich auch sein würde um ihn Amanda zu übergeben. Der Brief kam den 25sten hier an, allso eine Unmöglichkeit für mich, zum bestimten Datum in Leipzig zu sein. In der Welt herumgeirrt hatte S. keinen meiner Briefe erwartet, sondern war von Hambourg gerade nach Leipzig gereiset, auch nicht einmahl berechnet wie lange ein Brief nach Meiningen zu laufen braucht und nun geglaubt, es könne nicht fehlen wir müßten uns treffen.

Nach meinem Carakter würde ich in dieser Confusion die S. lediglich herbey geführt hatte, gar nicht gereiset sein allein die, in der That unbändige Amanda ließ sich durchaus nicht bedeuten sondern beschwor mich sie zu ihrem Vater zu führen. Meine Krankheit war meist Schwäche, da allso kein positives Uebel da war, so erlaubte mir der Arzt in mäßigen Tagereisen bis Leipzig zu gehen. Mit einer Estafette wurde dieses dem |3 Grafen gemeldet und ihn dabey gebeten mir noch von Leipzig bis Naumbourg entgegen zu kommen, wo er einen Tag gewönne, denn ganz unvorbereitet konnte ich von hier um Amanda‘s Wäsche und anderer Bedürfniße willen nicht unter drey Tagen abgehen.

In dieser Verwirrung schrieb Ihnen Antonie mein Nichtkommen ich für mein Theil wußte nicht wo mir der Kopf stand und dabey ahndete ich alles was mir nachher begegnete. Man sollte gewiße Ahnungen nie überhören! —

Den 28sten August am Geburtstage meiner himlischen Pauline, reiste ich ab, ich war beynahe noch Wöchnerin jedoch was nun nicht mehr zu aendern war mußte geschehen. Mein sorgsamer treuer Schwendler ließ mich ungern allein reisen, aber auch seine mir so liebe Begleitung versagte ich mir um die Kosten der Reise die der Graf tragen mußte nicht zu erhöhen. Ich reiste sogar ohne weibliche Bedienung, weil ich wirklich glaubte daß S. ansehnliche Summe verloren hatte, ich fand es nachher anders, denn er ist ein elender filziger Wucherer.

Am 31sten Septe kam ich in Leipzig an, ziemlich verwundert in Naumbourg nichts von S. gesehen oder vernommen zu haben, aber zu welchem Grade stieg meine Empörung als ich im Gasthause erfuhr, daß schon meine Estafette ihn nicht mehr getroffen hatte, sondern daß er nachdem er zwey Tage gewartet, wieder nach seinem Guthe zurükgekehrt sey. In einen an mich zurükgelasnen Briefe stellte |4 er mir frey ihn nachzureisen, zugleich giebt gab er aber nicht undeutlich zu erkennen, daß er mein Anerbieten ihm Amanda zuzuführen für eine Unwahrheit gehalten habe. Was war nun zu thun, Emanuel, meine Verlegenheit war unbeschreiblich. Welchen Weg sollte ich einschlagen um Amanda zu überzeugen, wie wenig sie bey einem Manne von dem Carakter ihres Vaters ausrichten würde, und wie es ihr selbst an aller Haltung fehlte um in einen ihr ganz neuen Wirkungskreis einzutreten. Ich reiste demnach über Berlin Potsdam und Cüstrin auf das Guth des Grafen, noch darf ich nicht vergeßen, daß ich mich auch in einer für mein Ehrgefühl höchst lästigen Geld Verlegenheit befand. Bis Leipzig war ich natürlich hin und zurük ordentlich versehen, aber nun 50 Meilen weiter bedurfte ich mehr. Glüklicher Weise fand ich unter den dortigen Banquiers einen meiner frühern Bekannten und dieser mit der möglichsten Schonung entriß mich aller Geldsorge. Ich übergehe die tausend und aber tausend sorg Bek ümmerniße, die bittern Eindrüke, die das Wiedersehen und der erste Eintritt in mein Vaterland auf mich machten, und eile bis Cüstrin, allwo der Graf gerade war. Schon der erste Anblik ihres Vaters stimte Amanda ziemlich von ihrer Höhe herab, sein schmutziges Äußere, die tiefste Gesunkenheit seines Innern, welche deutlich in jedem Zuge seines Gesichts und in seinen Geber- |5 den ausgesprochen war, machten einen gewaltigen und schmerzlichen Eindruk auf sie. Ich beobachtete sie genau, ohne es mir jedoch merken zu laßen, mein Entschluß war genommen ein aehnlicher mußte sich in Amanda ausbilden, nur ganz ohne meine Einwirkung, frey und kräftig aus ihrer Seele heraus. Um mich von allen zu unterrichten begleitete ich den Grafen auf sein Guth. Ich ließ Amanda alle Greuel der Knechtschaft sehen, die er dort eingeführt hatte, denn nun durfte ich nicht mehr schonen, das Gute vom Bösen, das Wahre vom Falschen, mußte sie frei erkennen, es galt ihr moralisches Gefühl! Wo freylich ihre jungfäuliche Unschuld beleidiget wurde, da dekte ich zu und von jenen Lastern hat sie Gottlob nichts geahnet. Daß ich unter dem Obdach eines Bösen nicht lange hausen konnte, begreifen Sie, ich die keine Menschenfurcht kenne, fieng mich an zu fürchten und Grausen überfiel mich. Schon am Abend des Tages als wir in Schoenfeldt angekommen waren, erklärte mir A. unter tausend Thränen nimmer könne sie ohne mich dort bleiben. Um sie nicht in Verzweiflung zu setzen, foderte ich keine Gründe, sondern sagte ihr, es wäre auch meine Meynung, sie möchte es ihrem Vater bekannt machen. Für nichts war gesorgt, um Alles was ich für A. weitere Fortbildung in Musik und Zeichnen vom Grafen gefordert hatte, hatte ihm überflüßig geschienen, ohne es mir jedoch vorher geschrieben |6 zu haben, nicht einmahl eine anständige weibliche Umgebung fand das arme Kind. So gewiß ich selbst auf dem Wege des Rechts A. hätte zurük erhalten müßen, aber so gewiß hätte mich der G. tödten können, wenn er mir verweigert hätte sie sogleich aus den Klauen des Bösen zu reißen, denn erst den Rechts Gang abwarten zu müßen, getrennt von allen meinen hiesigen Theuren, ich wäre vergangen! Aber hier jagte ein Dämon den Andern, die herrschendste Leidenschaft des Grafen ist Geiz, diese flöste ihm ein, daß seine Tochter weit wohlfeiler für ihn bey mir lebte und ohne weiteres ließ er sie mir mir ziehen. Einige sehr unangenehme Scénen hatte ich noch über den Kosten ertrag der Reise und deshalb habe ich ihn einen Proceß machen müßen, im Ganzen kam ich aber doch mit 36 qualvollen Stunden zu Ende. Länger habe ich mich nicht in Schoenfeldt verweilt, und nun reiste ich nach Züllichau in Schlesien um Leopold auf den dortigen Gymnasium zu besuchen. Wo mich alte verrosterte Bosheit gekränkt hatte hoffte ich an dem guten kräftigen Sohne mein Herz zu laben und bey ihm zu vergeßen was zwar des Andenkens nicht werth ist, was ich aber in Bezug auf Amanda nimmer aus meinem Gedächtniß tilgen kann. Wie ganz anders fand ich Leopold, als ich mir |7 ihn vorgestellt hatte und als ich es nach jenen Brief – den ich Ihnen, mein Emanuel, einmahl mittheilte – erwarten durfte. Sein ganzes Wesen war mit einer Tünche von Vielwißerey überzogen, hinter welcher sich die allergemeinsten Leidenschaften verbargen. Ein Geiz vor welchen ich erbebte wenn ich des Jünglings Alter von 16 Jahren betrachtete, ein Adelstolz wie ich mir nicht denken konnte, daß ein Mensch ihn besitzen könnte, und endlich eine Unwahrheit in seinen Worten die mir schreklicher als Alles war. Es gilt hier nicht, Emanuel, was Sie freundlich mich zu weilen beschuldigen, daß ich meine Kinder zu streng beurtheile, ich könnte Ihnen meine Beobachtungen mit Zeugnißen belegen die ich zwar jetzt nicht die Kraft habe nieder zu schreiben, die ich Ihnen aber einst mündlich mittheilen werde.

Der lange ununterbrochene Umgang Leopold's mit seinem Vater – den er anbetet was er in seinem Alter und bey seinem vielen Verstande nicht dürfte wenn er ein guter Mensch wäre, hat ihm nothwendig schaden müßen, und nun sein Auffenthalt in einem elenden Institute wo niedriger Eigennutz jede Leidenschaft des Jünglings fröhnet anstatt sie zu bändigen da muß er vollends untergehen. Mißverstehen Sie mich nicht wenn ich im Sohne eine abgöttische Liebe |8 zum Vater tadle. Hätte Leopold ein warmes glühendes Herz, nun dann würde ich denken seine unendliche Liebe macht ihn blind für die Thorheiten des Vaters und er selbst kennt sie nicht, oh Gott ich wäre überglüklich Leopold liebt aber den Vater blos in sich, sein Herz ist für alles kalt, keine Jünglingsfreundschaft dieß hehre Gefühl, kennt er gar nicht, seine Schwester hat er abscheulig behandelt aus Wuth, daß Sie das Mutterhaus dem Väterlichen vorzog, und darum ist mir seine Liebe zum Vater furchtbar. Amanda liebt ihren Vater immer noch aber mit Schmerz und so sollte es Leopold. Sein Verstand für die Welt ist so abgerundet, daß er tiefer sehende Menschen als mich, eine geraume Zeit für sich gewinnen kann, sein Äußeres ist durchaus schön, sein Anstand sehr fein, er ist mit einem Worte ein Welt kind. Hätte er bey seinem fast ungewöhnlichen Verstand nur einiges Herz so würde ich nicht an ihm verzweifeln, da aber jedes reiche große Gefühl seinem Wesen fremd ist, so kann ich kaum hoffen, daß die beste Erzieherin das Schiksahl noch etwas an ihm ausrichten wird, denn auch ihr steht das Verderben der Zeit im Wege Leopold ist ein reicher vornehmer Jüngling! —

|9 Daß Alles was ich bisher auf meiner Reise erfahren hatte, keinen Vergleich mit dem aushielt was ich nun erfahren mußte, fühlen Sie mit mir. Jetzt unterlag dem heftigsten Seelen Schmerze mein Körper ich ward ernstlich in Züllichau krank. Amanda die ihren Bruder nicht so durchschauen konnte, ward von seinem Äußern so eingenommen, daß Sie beynahe in Ihrem Entschluße mit mir zu gehen wankend ward; der unerfahrnen Jungfrau konnte ich nicht verargen dem ungewohnten Gefühl einen Bruder nahe zu sein, der noch dazu so viel Einnehmendes hatte, daß sie diesem nachgab, für ihren endlichen Entschluß bürgte mir ihr Herz. Meine Krankheit besiegte noch früher Amandas Ueberzeugung, sie errieth meinen Kummer und sobald es meine Wiedergenesung erlaubte zogen wir von dannen. Während meiner Krankheit hatte ich genügende Gelegenheit Leopold zu beobachten und zu prüfen ob es gerathen wäre, ihm meine Meynung über sich selbst zu sagen. Ich schwieg ganz, sein kaltes von mir abgewandtes Herz war nicht für Wahrheiten empfänglich die ich ihm hätte sagen müßen. oh Emanuel, das Herz hätte mir brechen können über Leopolds Betragen gegen mich, die Mutter liebt nicht eigennützig und darum ertrag' ich dies eher als ihn selbst. Hätte ich ihn gleich mit mir nehmen können, ihn entfernen von allen Irthümern die ihn umgeben, ihn hier unter das scharfe Auge meines S. |10 bringen und mit vereinter Kraft an seiner moralischen Wiedergeburt arbeiten, oh dann trauen Sie es mir zu, kein Opfer, keine Mühe würde ich gescheut haben. Unter allen furchtbaren Aehnlichkeiten Leopolds mit seinen Vater ist endlich auch religiöse Spiegelfechterey sein Theil worden, wo ich irgend noch hätte hoffen können eine Seite seines Wesens unberükt zu finden, mußte ich auch hier schweigend mich zurükziehen.

Und so kehrte ich heim mit Gefühlen für die ich keine Worte habe. In Leipzig fand ich den edlen Schweizer Maralt sonstiger erster Lehrer im Pestalozzischen Institute . Ich besuchte mit ihm das herrliche Institut der dortigen Bürgerschule und freute mich – mitten im Schmerze über den verlornen Sohn – eine zweckmäßige Anstalt zu sehen, wo gute und nützliche Menschen aus allen Ständen gebildet werden.

In Weimar ruhte ich wieder einige Tage aus, ich traf an dem nähmlichen Tage dort ein wo ich vor 10 Jahren Richtern zum erstenmahlen sah . Diese Reminiscenz that mir unendlich wohl, damals hatte ich mich von den unglüklichen Feßeln meiner ersten Ehe losgemacht und mit wunden Herzen kam ich nach Weimar. Sanft und warm nahm Richter mich an das seine, führte mich zu Herder und verschaffte mir der köstlichsten Bekanntschaften mehrere. Mit dem heiligsten Gefühle der Freundschaft |11 feyerte ich meinen Bund mit R. der mir von dem Augenblike, wo ich ihn kennen lernte ein schützender Genius meines Lebens geworden ist. Richter verstand mich und dadurch gab er meiner Lebhaftigkeit und meinem freyern Geiste eine Richtung die mich ein Verhältniß wählen ließ was nicht glänzt aber desto mehr innern Gehalt hat. Ich bitte Sie, ihm dieses Tagebuch meiner Reise mitzutheilen welches ohne daß ich mir zu weich bin – noch einmahl zu schreiben über meine Kräfte ist, findet der Gute sein Andenken hier aufgezeichnet so nehme er es so liebend auf als ich es mit Liebe niederschrieb.

Meine endliche Ankunft im Schooße der Meinen war unbeschreiblich süß. Mein treflicher Schwendler, meine zarte Antonie, meine geliebten Kinder alles freute sich die Gattin Mutter und Schwester wieder zu sehen. Oh wie himmlich war mir's unter den Guten wiederzuleben, meinem Hause wieder vorzustehen und für meine hiesigen Kinder ohne Einfluß eines bösen Geistes sorgen zu können.

Ohne Frage wird nach und nach meine jüngste Vergangenheit in minder grellen Farben vor mir stehen wie es der Fall bey allen Ereignißen des Lebens ist, und die Narbe am Mutterherzen diese bleibt ewig wund und schmerzhaft.Henriette.

Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Emanuel. Meiningen, 16. Oktober 1810, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0435


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Textgrundlage

H: Slg. Apelt
3 Dbl., 11 S. Blattnummerierung vfrH.