Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 3. Dezember 1802, Freitag

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Meiningen den 3ten Dec. 02.

Mein geliebter Vater,

Wie gütig sind Sie und wie besorgt um mich – ich freue mich daher, daß ich Ihnen sagen kann, meine Gesundheit kehrt mit jedem Tag zur alten Kraft zurück. Freilich habe ich ein großes Opfer bringen müßen, mein Kind ist entwöhnt, denn das Stillen war die Hauptursach meiner Übel, aber seitdem gedeihe ich an der Freude seines Gedeihens, denn nun nimmt es weit stärker zu, als an meiner Brust, deren schädliche u magere Milch nur ein von Natur so kräftiges Kind [...]vertragen konnte. Ach wenn ich die Seeligkeit hätte das zarte Wesen in Ihren Armen zu sehen, deßen Anmuth Sie rühren würde. Es hat eine so feine verständige Physionomie, wie ich noch nie an einem so kleinen Kinde gesehen habe, und so helle, große blaue Augen – jezt (heute ist es 11 Wochen) unterscheidet es Personen u lacht einem an – ich verlaße es nie, und auch nicht Nachts – da entschädigt mich seine Lieblichkeit für die Aufopferung des Schlafs, jedoch ist es ruhig und stört mich nicht sehr oft.

Der Leibschmerz worüber ich klagte, und wofür Sie guter Vater, mir ein Recept von H. geschikt haben, muß chirurgisch curirt werden. Diese Schmerzen werdenrührten nach genauerer Untersuchung fürvon einer |2 Milchversezung im Nez her. Ich selbst war es nicht gewahr worden, daß in der rechten Seite des Unterleibes eine Verhärtung entstanden war, die sich wie Knochen anfühlte – man glaubte nun, daß sie sich äußerlich zu einem Geschwür auflösen würde, und gab mir warme Kräuterumschläge Salben, Pflaster, nach deren 14tägigen Gebrauch sich alle Schmerzen verloren, dis beweist nun, daß sich kein Abszes bilden wird, sondern daß es sich allmähllichlig vertheilen werde, ich seze den Gebrauch der Käuter fort, weil die Härte noch dauert, jedoch an Umfang verloren haben soll.

Der fieberhafte Zustand hat sich seitdem ganz verloren, und ich habe nur noch einige Schwäche in der Verdauung zu überwinden. Noch einmal danke ich Ihnen theuerster Vater, für Ihre Verwendung bei H. und ihm, für seine Bereitwilligkeit mir zu helfen. Die hiesigen Ärzte würden es sehr übel nehmen, wenn sie es wüßten, denn sie haben ein Recht sich auf ihre Geschiklichkeit viel zu Gute zu thun – der eine, Jahn , unser Hausarzt, hat sich durch ein medizinisches Buch bekant gemacht, und wirdhat einen großen Ruf. Der zweite Panzerbieter hat mich als Freund besucht, und ist als Arzt u als Mensch gleich achtungswürdig. Ich war in den besten Händen u mein Mann kann nur dann auf mich zürnen, wenn ich mich nicht genug pflege, er möchte mich in Wein, bouillons etc ertränken. |3 Im Frühjahr ziehen wir nach Coburg – was sagen Sie dazu, liebster Vater? Mein Mann war hier zu dürftig mit Geistes Nahrung versorgt, und das kleinstädtische ökonomische Daseyn zu der hier alle Menschen gezwungen sind, wird doch am Ende für meinen Mann drükend, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzend, sich Abends in Gesellschaft erholen will. Er hatte eigentlich nichts als des Herzogs Cirkel, der, obgleich selbst ein sehr liebenswürdiger intereßanter Mann nur gewöhnliche Edelleute um sich hat. Niemand als der Präsident Heim , als Geolog so berühmt, paste für seinen Geist. In Coburg findet er weit [...] freiere Verhältniße – auch den weiblichen Theil des Hofes intereßant, der hier so unbedeutend, fast gemein ist, und mehrere bedeutende Männer. Auch zieht ihn die dortige Gegend mehr an, die seiner vaterländischen näher liegt. Was mich betrift, freue ich ich um der Erziehung unseres Kindes willen, sehr auf diese Verändrung weil ich dort die Freiheit habe, meine Verhältniße so zu gründen wie ich sie in dieser Beziehung am paßendsten finde, da mich hier Freundschaft u Dankbarkeit etwas abhängig machten. Übrigens verliere ich hier Menschen die ich vielleicht so nie wiederfinde – aber ich lebe ja nur für mein Haus und die geistigen Bande sind unzertrennlich.

|4 Ob ich jezt Ihrer Frau, oder Ihrer Braut einen Grus mache, mein theurer Vater ? Wäre ich Ihnen doch näher, um schneller von Ihnen zu erfahren! Die Zeichnung Ihrer Wohnung , giebt mir eine kleine Vorstellung Ihres Lebens, ich danke Ihnen sehr dafür und werde sie meinen Schwestern mitheilen – Wie bedaure ich aber Ihre nun überstandne Unruhe mit der Einrichtung derselben für einen Mann wie Sie, muß diese Sorge höchst lästig gewesen seyn. Aber irgend eine weibliche Hülfe hatten Sie gewis? Gott segne Sie, mein ewiggeliebter Vater, und mache Sie so glüklich als ein Mensch es werden kann, ich bin so oft bei Ihnen u träume mich an Ihr r em Herzen entziehen Sie mir niemals Ihre Liebe. Mein Mann grüßt Sie innig, der Titan ist vollendet, u gestern dieser neue Abschnitt seines geistigen Lebens mit einer Bout. Champagner gefeiert worden. Für sein neues Werk das er nun beginnen wird, bekömmt er pr. Bogen bei Cotta 7 Louisd'r . Leben Sie wohl theurer Vater ewig

Ihre

treuste Tochter

Caroline.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 3. Dezember 1802, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0457


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 3¾ S.


Korrespondenz

Der Brief wurde durch den Verleger Matzdorf besorgt, vgl. Caroline Richters Brief vom 28. Februar 1803, S. 2 .