Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Rosalie von Voelderndorff an Caroline Richter. Frankfurt am Main, 14. April 1811, Sonntag

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Frankfurt am 14/4
1811.

Theure geliebte Freundin!

Länger vermag ichs nicht ohne Nachrichten von denen zu bleiben die ich so unendlich liebe und schätze wie Sie meine Beste, und Ihren guten Mann. Sie müßen eine Ahndung davon gehabt haben, wie oft und gerne meine Erinnerungen bey Ihrem Andenken weilten, wenn mich meine bisherige unglükseelige Laage mir die Freude nahm es Ihnen schriftlich mitzutheilen. Früher hielt ich mich mit unaussprechlicher Sehnsucht an die Hoffnung die Sie mir wechselseitig gaben, daß wir uns vielleicht bald wiedersehen würden, und ich verlebte köstliche Stunden in dieser für mich so tröstenden Erwartung. Doch es sollte nicht sein, und ich selbst war im Streit mit meinen Gefühlen die die freudigsten zwar waren wenn ich nun Sie meine so innigst geliebten Freunde! hier dachte, aber auch die ängstlichsten, weil ich fest glaubte, in Frankfurth könne man nicht glüklich seyn. Doch – hat ja die schützende, segnende Hand der Vorsehung sich sichtbarer, unendlicher verherrlicht, als in meinen verhängnißvollen Schiksaal? Nie kan ich mit schwachen Federzügen Ihnen Theuerste, sagen wie schwer mir 8 Monathe lang das Leben hier war, und wie schön, wie ruhig und klar mich jezt jeder Morgen begrüßt und jeder Abend mich friedlich zur Ruhe winkt. Ich mag es Sie nicht noch einmal durchleben lassen dieses vergangene Daseyn, und mir auch nicht, weil ich es bis auf die Erinnerung vertilgen muß um ganz formlos zu seyn; aber Ihnen nur einen Begrif davon zu geben wäre eine Betrachtung ichdie ich schon oft machte, daß, wenn heute irgend ein muthiges Wesen z. B. N. mir die Wahl ließe, noch einmal die Zeit, von meiner Abreise von Bayreuth an bis [...] Zeit wo mich mein guter Oncle zu sich nahm, zu durchleben – oder zu sterben. so würde |2 ich mit Freuden den Tod wählen würde. –

Ich spreche daher nur von jezt, weil ich weiß daß es Ihrem für mich liebend gesinnten Gemüthe Freude seyn wird mich glüklich zu wissen. Ich bin es ganz, so weit ich, getrennt von so Vielen dasdie meinem Herzen theuer und werth istsind, es seyn kan. Mein Onkel ist ein Mann von etwas über sechzig Jahre, von vieler Lebhaftigkeit, Herzensgüte, und der glüklichsten Heiterkeit. Er hat sehr viel Menschenkenntniß und ist durch sehr viele und interessante Reißen, so wie durch seine diplomatische Carriére selbst, mit dem Geist der Zeit so sehr fort gegangen, daß es ein wahres Vergnügen ist mit ihm zu leben. Was mir noch jeden Genuß erhöht, ist die Nähe einer sehr gebildeten, zartfühlenden, und mir sehr werthen Frau, die mit uns im Hause wohnt und immer mit uns ist. Es ist eine Frau von Deneken, deren Mann ein sehr guter Freund meines Onkels ist, und in Bremen angestellt ist. Sie hat ihr einziges Kind hier in einem Institut und lebt um ihm näher zu seyn hier. Denken Sie sich nun beste Richter ums zdrey fache, einige Menschen, die wir unsere Zeit abwechselnd mit Lesen, arbeiten, spatzieren gehen oder fahren, und den Umgang mit einigen wenigen, aber guten und interessanten Menschen zubringen; und Sie werden leicht begreifen wie wohl mir ist, nach allen Stürmen die ich auszuhalten hatte. Der milde Frühling den wir schon in seiner ganzen Herrlichkeit hier genießen, erfüllt mich mit einer innern stillen Seeligkeit, und wenn ich so an der Seite meines väterlichen Freundes, und der uns gleich theuren Freundin unter reich mit Blüthen überschutteten ObstAlleen den schönsten An- und Aussichten entgegen gehe, die Frankfurths reizende Laage so |3 vielfach darbietet, denn bleibt mir nur eine Sehnsucht die ich voll Wonnegefühl ausspreche, wenn ich die zarten Düfte der grünenden Fluren einathme, die : O wärt Ihr alle bey mir, von denen ich ach durch so manche Berge und Thäler getrennt bin, und wüßte ich Euch alle so zufrieden und froh.

Wie zerstörend hat ein ZeitRaum von nicht einmal einem Jahr auf meine gute Vaterstadt, auf alle die Meinigen gewirkt, die ich mir leider so vereinzelnd nach Ost und nach West setzen sah, und mit unnennbarer Wehmuth nun auch an der Möglichkeit verzweifeln muß, je wieder einmal in unserem glüklichen Verein auch nur in der Hoffnung zu schwelgen. Alles ist fort! nur meine gute arme leidende Therese , die mit ist zurük geblieben, und - so manche Thräne des schwesterlichen Mitgefühls weine ich ihr in einsamen Stunden. Sehen Sie sie zuweilen? Theure mir ewig geliebte Freundin! sprechen Sie [...] allen herrlichen Empfindungen an denen mein leidendes Herz so oft eine tröstende Stütze fand, wenn es vergehen wollte - ihr Muth und Trost zu, und der Himmel wird es Ihnen lohnen.

Noch nichts habe ich von Ihnen selbst, von meinem guten treuen Freund Ihren Gatten, und den [...]lieben Kindern erfragt. Aber wie oft sprach ich von Ihnen, und mit süßer Freude, mit den höchsten Stolz konnte ich so manchmal, wenn ich mit Enthusiasmus nach Titans und Levana’s Verfasser gefragt werde, der ja in Bayreuth sich aufhielte, viel von ihm erzählen und seine Frau, und durfte sie meine Freunde nennen.

Es herrscht hier im Ganzen wenig Kunstsinn und wahre Bildung, weil der Kaufmanns-Geist zu sehr dominirt um den Eingang |4 zu gestatten, was doch gerade hier in größter Vollkommenheit gedeihen könnte; allein desto mehr in Einzelnen die man aufsuchen muß. Ich selbst erfreue mich des Vortheils, daß mein guter Onkel, nächst den Verbindungen die sein Posten nothwendig mit der so genannten beau monde ihn zu machen nöthigt, doch zu andren Zeiten sehr interessante Menschen sieht, und der Talent und Genie überall bemerkt, und herauszuheben sucht.

So sehr nun dieß noch mehr mir die Hoffnung gäbe, daß wenn Sie meine theuren entfernten Freunde hier wären, wir uns gewiß recht oft sehen könnten, so bin ich doch, wenn ich ganz uneingennützig seyn will, überzeugt, daß es Ihnen nicht hier gefallen würde. Ich weiß nicht, es ist ein gewißes etwas in dem Ton, den Menschen, und allen Einrichtungen, das es vorzüglich den Fremden sehr verleitet, und ich finde eben vorzüglich in gesellschaftlichen und oeconomischen Verhältnissen einen kleineren Ort unendlich vorzuziehen. Wie unschätzbar wird Ihre wohlthuende Nähe der armen Dobenek bey ihren unendlichen Verlust gewesen seyn. Ich habe so viel und so oft daran gedacht. Grüßen Sie doch diese Dulderin, die ich um ihrer treuen Freundschaft für meine geliebte Mutter und uns alle, wo möglich noch höher schätze aufs aller herzlichste von mir. Könnte ich doch Zeit finden allen guten und edlen Freundinnen, deren herzliche Theilnahme an meinem frühern Leiden mir so oft Laabung war, schriftlich den unvergänglichen Dank meiner Seele schriftlich zu sagen. Sie geliebte Freundin sind die erste in dieser Reihe, und die Hoffnung vielleicht bald und viel von Ihren mir wohlbekannten lieben Zügen zu lesen macht mich heute noch ein mal so froh. – [...]

Zitierhinweis

Von Rosalie von Voelderndorff an Caroline Richter. Frankfurt am Main, 14. April 1811, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0491


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S. Schluss fehlt.