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Korrespondenz

Von Emanuel an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 10. und 11. Januar 1803, Montag und Dienstag

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B. 10. Jan. 1803

Car. Erst am 4t dies. Mon. hab' ich Ihren Apoll u Ihre Traube, ich weiß nicht durch welche Verzögerung , doch ganz ohne Mackel bekommen. So, ohne Mackel, war auch meine Freude beim u üb. den Empfang u so ist mein Dank.

Mir wars als säh' ich einen guten, alten Freund, als ich den Kopf wiedersah u eine gute, theure Freundin; die Traube, die mir dieses Wiedersehen nicht geben konnte, ersetzte mir diese Empfindung in der der Überraschung.

Nach meinem Vorsatz wollt' ich schon am vergangenen Sonnabend beides wieder der Post übergeben; aber ich mußte ihn meiner Eitelkeit u der Neugierde der Bayreuther nachsetzen u will sie erst morgen den gesättigten Augen eines großen Theils meiner Bayreuther entziehen.

Ich suchte natürl. zwei der besten Plätze in zweien meiner besten (obgl. viell. nicht guten) Zimmer aus, stellte die Stickereiren auf u nur für d. wenigen Meinigen aus.

Kaum hatt' ich sie diesen gezeigt, so war mein kleines Haus voll froher Bewunderer. Menschen die ich theils nie gesprochen, theils in vielen Jahren nicht b. mir od. ich mich nicht b. ihnen gesehen, erbaten sich die Erlaubniß, die schönen Stickereien sehen zu dürfen u so hatt' ich noch an dem Tag, wo ich sie einpacken wollte, wenigstens 50 Personen b. mir

Mein Glaube an der Bayreuther Kunstliebe hat dd. unglaubl. gewonnen u auch meine zu den Kunstliebenden.

Ja, so gar ein Mann, dem ich schon vor 10 Jahr meine Verachtung versicherte, u dem ich Wort hielt, so wie mich v. ihm, verlies mich so eben, eh' ich dieses Glaubensbekenntniß niederschrieb unter den Schauern u Bewunderern.

Könnt' ich od. wollt' ich Ihnen doch die verschiedenen, theils männliche, theils weibliche, theils weibische, theils kindische, theils kindliche Urtheile mit gehörigem u |2 in gehörigem Schatten u Licht aufzeichnen, S. müßten – wenn auch kein göttliches, doch gewiß ein recht menschliches Gemälde bekommen!

Ich habe zwar kein Urtheil also noch weniger eines über Urtheile; aber den Menschen beobachtete ich im Urtheil u freute mich oft meines Herzens, daß es nicht verurtheilte.

Die Menschen sind meistens geborne Schmeichler u geborne Sachverständige. Es gab auch nicht einen einzigen unter den vielen Beschauern, der sich das Talent des Lobens nicht zu getraut hätte. Bis dato find' ich im Wörterbuch der Menschen immer noch zu viel Wörter u Worte des Tadels u zu wenige f. das Lob.

S., Car., weiß ich Gottlob! zu loben, wenn S. nicht zugegen sind u ich b. meinen Freunden bin u ich beweis' es auch; ab. – so weit liegt mir der Mensch näher, als der Künstler u so viel näher als die Kunst – aber Ihre Arbeiten od. vielm. Ihre Kunst kann ich nicht d. h. darf ich nicht beurtheilen.

(Beurtheilen u Loben sind hier wohl gleich lautende Worte?)

Oft wurd' ichOft wurd' ich heute schon in diesem Schreiben gestört, es soll mich wundern, wenn eine Einheit in ihm zu finden ist.

So eben verließen mich 5 Wesen, die eben so lieb gesehen seyn wollen, wozu sie auch das Recht haben, als sehen.

Es waren 5 Mädchen, die mit einander 78 Jahre u keines 2 mehr als das andere zählen können.

Dam. S. sehen können wie heiter S. mich durch Ihre Güte u Ihre Kunst gestickt haben, send' ich Ihnen die Abschriften 2er Einladungen an 2 meiner od. eigentl. Ihrer Bewunderer.

"Mit meiner Erlaubniß p bis p noch belieben." dann "Guten Morgen p bis p mit Ihnen."

Mein Frd. O. schickt Ihnen seinen Dank durch einen Kuß, den er Ihrem Portrait, das ich natürl., so wie auch meine Niobe , jetzt zeigen zu müssen Gelegenht. genug hatte, aufdrückte.

|3 Mein, auch Ihr Uhlfelder, der sich mit Ihren lieben Worten aus denen er mir so gar ein Geheimniß macht, sehr freut, mag's erlauben, daß ich Ihnen seine eigenen reichere reiche.

Unser alter General v. Unruh läßt S. grüssen u sich b. Ihnen recht herzl. bedanken.

Am 11ten

Durch die Mittheilung der Briefe der Levi u Lafontaines, die beide hier wieder zurückfolgen, haben S. mir auch Freude gemacht. Die Levi gefällt mir. Uhlfeld. kennt die Mutter Levi, b. der er in Gotha war. Grüssen S. mir ja Lafontaine, so bald u so oft S. ihn sehen.

X-x [Hebräisch] heißt entw. ein starkes Getränke od, durch Versetzung des Puncts gar, Lohn; aber x-x [Hebräisch] heißt schwarz. Sie können mit der x-x [Hebräisch]-feder auch nicht recht umgehen, wie ich sehe u schwärzen sich selbst viel mehr, als die Leipziger Juden.

Den Apollo geb' ich heute mit der Traube auf die Post. Ich hab' ihm u dieser manches Gute mit auf den Weg gegeben, das weder S. noch Ihr Vater ihnen ansehen werden.

Bald hoff' ich nun zu lesen, daß Sie recht froh u recht gesund in Ihrem "kleinstädtischen" Berlin angekommen sind. Sagen S. mir selbst ein Urtheil üb. Ihren Apollo u über d. Traube, besonders ws S. vorziehen.

Caroline, S. haben mir durch Ihre Kunststücke sehr viel Freude gemacht u den Meinigen u sehr vielen.

|4 Könnt' ich Ihnen doch eine ähnliche machen!

Hat Göthe Ihre Traube nicht gesehen, auch den Kopf nicht? od. wollte er jene noch einmal sehen?

Mir thut der Fund, den S. im Falks Kopf u Herz gethan haben, recht wohl. Es wäre garstig wenn S. das Kleid nicht jetzt sich machen ließen.

Wenn ich nun, was am wahrscheinlichsten ist, zu einer warmen Jahrszeit komme? Jetzt reiß' ich mich v. Ihnen, um Ihrem lieben Vater noch einige Zeilen geben zu können. Ich kann Ihnen nicht genug danken, Car., f. die Freude, die S. mir gemacht haben; Sie müssen diese Versicherung schon noch öfter sehen u hören.

Mein Bruder dankt f. Ihr Andenken u küßt S. grüßend u herzend.

Ich möchte bald den guten Empfang der Traube lesen, so behutsam ich auch im Einpacken gewesen.

Car. noch mals Dank!

Leben S. w.! recht wohl u immer wohl, dieser Wunsch geht mir aus reinem Herzen u aus reiner Seele.

E.

Zitierhinweis

Von Emanuel an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 10. und 11. Januar 1803, Montag und Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0496


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Textgrundlage

Hk: Slg. Apelt
1 Dbl. 8°, 3¾ S.