Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Minna Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 3. November 1809, Freitag

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Leipzig 3 Novbr. 809

Fast muß ich befürchten daß Ihnen nach so langer Zeit meine Handschrift unkenntlich geworden sey – denn ein [...] wunderliches Etwas, das sich mir immer in leisen Zweifeln an die Dauer Ihrer alten Gesinnung gegen mich aussprach störte mich, so oft ich nach einem Blatte griff um Ihnen, oder Ihrer Lieben, zu schreiben. Mag indeßen auch das Persönliche nicht mehr wie sonst mit lebhaftem [...] die Gemüther erfüllen, die Idee unser ehemals innigen Anhänglichkeit bleibt mir immer; und ist mir auch unvermerkt der Vorsatz entschwunden, diese Idee, auf mein äußeres Leben zu beziehen und es ihr gemäß in eine neue Form zu umzugießen , so sehe ich doch die Nothwendigkeit nicht ein dieserhalb auf Ihre die mir so ersprieslichen Mittheilungen Verzicht zu leisten, wodurch ich Ihres Raths besonders in litterarischer Hinsicht und Ihres Urtheils – mir noch wie sonst theuer |2 und werth – gewiß bliebe.

Sie erhalten hier, die Urania zur Ansicht, an der Sie vor der Hand vielleicht nur die Kupfer intereßieren werden, da der Inhalt für dies Jahr noch dürftig und mangelhaft ausfällt. Ja, man sieht ihm nach meinem Urtheil die Preßhaftigkeit an allen [...] Zügen an, [...] und nur die Eilfertigkeit, welche das Ganze zu Stande förderte, vermag dies zu entschuldigen.

Ich weiß daß Sie mit dem Verleger in Korrespondenz stehen, und für gewiße Entreprisen zum Theil auf ihn rechnen. Ihn zu verbinden, und das ihm so halb und halb gegeben Wort zu lösen, glaubte ich ohne weitre Erinnrung von meiner Seite auf Sie für die Urania auf Sie rechnen zu können. Es ist aber seit meiner flüchtigen Erscheinung, nicht in Weimar , nicht eine Sylbe von Ihnen an mich eingegangen, weder durch den Mund des Dichters, noch des Freundes – und ich habe dies, mit einer |3 seltsamen Resignation so hingenommen, und die Wunde ruhig bluten laßen, ohne das mich dagegen zu sträuben.

Jetzt da der Schmerz zum Theil vernarbt ist, findet sich auch die Besonnenheit wieder, und ganz verständig und mich selbst bedenkend, spreche ich das Verlangen des Herrn Brockhaus nach, Sie doch zu erinnern, an das was Sie ihm in Weimar versprochen hätten, und ja darauf anzufragen, daß Sie für den künftigen Jahrgang wenigstens, Ihr Wort einlösen möchten !

Ich möchte Sie nun noch um die Wahl der Kupfer auf das künftige Jahr zu Rathe ziehen. Ganz vertieft in die Lektüre von Göthe's Wahlverwandschaften , ist mir der Gedanke eingefallen, aus diesem Romane eine Seite von Bildern stechen zu laßen. Gewiß wird das jederman mehr intereßiren als eine kraftlose Nachbildung / Nachäffung / möchte man sagen / großer Kunstwerke, die [...] von Gemälden, die denen welche sie kennen in solchen Abschattungen |4 immer nur profanirt vorkommen, und dem der sie nicht sah, doch ewig unverständlich und Nichtssagend vorkommen müßen.

Ich hoffe daß Sie in dem Gedanken Stoff zu Bilder aus den Wahlverwandschaften zu nehmen, nicht die gemeine Begierde Göthe zu in's Intereße zu ziehen, rügen werden. Ich bin zufrieden, wenn er es nur nicht übel nimmt; ihn dadurch für mich zu gewinnen, laß' ich mir gar nicht einfallen.

Am besten wäre es überhaupt wohl von seinem Vorhaben nicht eher zu sprechen, bis man darüber mit sich selbst auf's Reine wäre, wenn man aber des Rathes der Verständigern dabey bedarf, so ist mit Stillschweigen eben auch nichts gewonnen. Sprechen Sie daher auch nur gegen mich darüber, und zögern Sie nicht zu lange, damit ich meine Anstalten treffen kann, die was Zeichner und Kupferstecher betrifft immer nicht früh genug gemacht werden können. Melden Sie mir doch auch ob Werner noch in Weimar.

Mit Innigkeit gedenke ich Ihrer liebenswürdigen Frau und der anmuthigen Kinder, die ich in herzlich umarme!

Minna Spazier
geb. Mayer.

Zitierhinweis

Von Minna Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 3. November 1809, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0497


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Textgrundlage

H: GSA, 15/II,1D,14
1 Dbl. 8°, 4 S.