Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Emma Richter an Ernst Förster. Bayreuth, zwischen dem 28. Januar und dem 12. April 1826 (dritter Brief)

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Daß der Hesperus sie so entzückt, konnte ich denken, und ich sehe im Geist mit Ihnen ins Buch und kann es kaum erwarten, bis Sie zu den Stellen kommen, die Sie außer sich bringen werden, zu der Reise nach der Residenz, zu dem Nachtgang nach Maienthal, zu den Pfingstfeiertagen, zu unendlich Vielem. Und denken Sie sich, daß es Wahrheit ist, der Vater nur Empfundenes ausspricht, daß es nicht wie bei Andern nur ein hängender Garten der Phantasie ist, und daß er die ewige Hesperus-Jugend durchs ganze Leben mit sich getragen, eine Menschenliebe hatte, die den geringsten zu sich erhob, eine Freude weckte, namentlich über das Leben, nicht an ihm; die Füße fast an der Erde, das Haupt in die Wolken gehoben; wie er selber von hohen Menschen verlangt – das denken Sie sich, und die Gutmüthigkeit und den Scherz im häuslichen Kreis, und den weisen Lehrer und den erhebenden Freund – o Gott! ich bin so arm an Worten! – Eigentlich bin ich jetzt wieder so heiter als es mein Wesen verlangt; wer könnte es auch nicht, wo der Lebensstrom durch die ganze Natur rauscht und bis in unser Herz treibt, das wieder Freiheit jauchzt, die Welt in sich aufnimmt, und dessen ganzer Dank nur ein Blick zum Himmel ist! Es ist etwas Großes in uns, es ist nicht eitle Selbstliebe, wenn wir zuweilen uns allmächtig fühlen. Wenn Sie vor dem Werke eines Ihrer Meister stehen und die Freude durchbebt Sie und gibt Ihnen den stolzen Muth, Gleiches zu schaffen, und in dieser Entzückung beginnen Sie Ihr Werk – was thut’s, wenn es Ihnen nicht genügt? der göttliche Augenblick war da und hat doch mehr geschaffen, als der pünktlichste Fleiß; er leuchtet wieder aus der Arbeit, es bedarf nur einer andern Brechung des Strahles, er selber aber ist da!

Mir ist, als hätte ich Ihnen recht viel zu sagen, nur finde ich das Wie nicht; wie Allwill seinem Freunde schreibt , daß er nicht wisse, wie er ihm Wichtiges Diesem auch so erscheinen lassen solle. Lauter Bruchstücke laufen mir im Kopf herum, ich finde den Faden nicht, sie aneinander zu reihen. Das Beste ist, ich denke nicht weiter daran, und Sie nehmen es wie’s kommt, wie bisher. Es freut mich, so vor Ihnen nach Gefallen herumspringen zu können, ohne über jeden faux pas gescholten zu werden.

Zitierhinweis

Von Emma Richter an Ernst Förster. Bayreuth, zwischen dem 28. Januar und dem 12. April 1826 (dritter Brief) In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0502


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Textgrundlage

D: Ernst Förster, Aus der Jugendzeit, Berlin und Stuttgart 1887, S. 351-352.


Korrespondenz

Dritter überlieferter Brief Emma Richters an Ernst Förster nach ihrem Kennenlernen in Bayreuth.