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Korrespondenz

Von Ernestine Mayer an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 13. März 1801, Freitag

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den 13ten März 1801.

ich kann Ihnen nicht sagen, liebster Vater, welchen unangenehmen Eindruck es auf mich gemacht, daß Ihr lezter Brief mir so wenig Hoffnung zur baldigen Rückkehr nach Berlin giebt. – Sie trauen mir gewiß zu daß ich keine unbescheidne Fodrungen an Sie machen will, und daß ich mir wohl denken kann wie in jeder Rücksicht es eine lästige Aufgabe für Sie ist – alles so zu vereinigen wie es nun einmal seyn muß. – Es istscheint Ihnen vielleicht seltsam wie ich so dringend wünsche bald von hier weggehen zu können; und doch sind der Gründe so viel und auch so verwickelte daß es mir fast schwer wird Sie Ihnen schriftlich mitzutheilen.

Ich fühle daß ich sehr gefehlt habe, indem ich eigentlich aus kindlicher Schüchternheit bis jetzt nie habe den Punkt berühren wollen daß Mahlmann schon so sehr bald mit mir ganz vereinigt zu seyn wünscht. Ihnen selsbst diesen Wunsch vorzutragen war wohl ganz seine Angelegenheit – doch da – nicht sein Wille – sondern eine Reihe unangenehm zusammentreffender Umstände es diesen Augenblick immer verhindert haben daß er selbst nach Berlin reisen konnte und er so durch Ihre bestimmteste Einwilligung doch nur allein sich das Recht erwarb, Ihnen den liebstem |2 Wunsch seines Herzen zu eröffnen – so hoffte ich daß Sie ihm diese scheinbare Nachläßigkeit verzeihen werden. – Wäre alles seinen ruhigen Gang gegangen, wären nicht so viel unendlich viel unangenehme Störungen vorgefallen – so müßte jetzt alles ganz anders seyn! – Ich kann mir denken, liebster Vater, daß Sie so wohl auf mich wie auf Mahlmann deshalb zürnen; daß es wirklich seit einiger Zeit so scheint als wäre alles in Stockung gerathen. Wie sehr oft habe ich mich schon geängstigt, wie alles noch werden soll! Mahlmann hätte wenigstens an Sie schreiben sollen werden Sie denken! Doch was konnte er Ihnen eigentlich sagen? – Nichts als Entschuldigungen die sSie schon so oft durch mich gehört hatten. Denn wie ich schon eben gesagt habe; – dürfte er denn wohl darum bitten daß Sie ihm erlaubten mich bald ganz sein nennen zu können – da Sie ihn noch selbst nicht einmal kannten, und der Form nach unser Verhältniß zu einander doch noch gar nicht fest bestimmt war?

Sie wißen daß Mahlmanns äußre Lage so ist daß er jeden Tag s im Stande ist ein Haus zu machen. Nichts war von Anfang an sein Wunsch, |3 als daß alles so schnell als möglich zu Stande kommen möchte – denn was er einmal will und ergreift daßdas ergreift er mit ganzer Seele und hält es ebenso fest. So war sein Plan daß ich schon Ostern seine Frau würde , und sein Wunsch mit der Mutter und mir gemeinschaftlich nach Berlin reisen zu können Die lezte unglückliche Catastrophe störte diesen Plan , an welchem er mit ganzer Seele hing. Seine Wohnung war eingerichtet, alles im Stande. Die ganze Stadt ist davon voll. Jeden Augenblick komt hier ein neugieriger Freund, dort ein boshafter Lauscher, der ihn mit Fragen bestürmt. Man spricht von nichts andrem. Sie stecken die Köpfe zusammen und raunen sich einander zu; Ach, man weiß ja wie das so geht, – aus der Heirath wird nun auch nichts! Alle Augenblick fragt man mich! Aber mein Gott! wie komt es denn daß Sie noch nicht reisen? [...] |4 So fühle ich mich von allen Seiten gedrückt und gequält. Mahlmann ist hier in der Stadt der bedeutenste von allen. In jeder Familie geliebt und gern gesehen und überall gehört er wie zu Hause. Wie könnte man ihn vergeben daß er eine Fremde heirathet! Wie könnte man diese Fremde lieben? Die in allem was in ihren Augen den Menschen erhebt so weit unter ihnen steht. Die es ihnen nicht gleich thun kann im Puz in der ungeheursten Verschwendung die es unerhört finden daß man ein Mädchen heirathen kann das kein Geld hat!

Finden Sie mich kleinlich, liebster Vater? Ach vergeben Sie mir und sezen sich einen Augenblick an meine Stelle! Wenn man überall sein beßres Selbst sorgfältig verschleyern muß und nun nichts, gar nichts mehr übrig [...] hat, um solchen Menschen zu imponiren (denn das muß man hier) so spielt man eine höchst erbärmliche Rolle. So findet man sich tausendmal in Verlegenheiten die doppelt drückende sind weil man sieht und fühlt auf welchen Kleinheiten sie beruhen – aber das ist hier der Ton das Kleinste zum Wichtigsten zu erheben! |5 Es thut mir ordentlich wohl, Ihnen mein Herz einmal ausschütten zu können. Sehen Sie liebster Vater, der Frühling ist nun wieder da. Neue schöne Gestalten wandeln auf den Spaziergängen Ein warmer Sonnenblick wacht weckt die Menschen aus ihrem Winterschlaf und die Eitelkeit wacht mit aller ihrer Üppigkeit. Ich schäme mich, das sage ich ehrlich, an Mahlmanns Seite aus dem Hause zu gehn. In unsrem einfachen Berlin, und bey unsrer einfachen Erziehung, erstaunt man über die Bedürfniße die hier die pünktlichste Ordnung nicht einmal die Eleganz hervorbringt. Alles ist hier theurer als in Berlin. – Die Einrichtung in der ganzen Stadt und in allen Häusern ist so, daß niemand in seinem Hause waschen darf – wer es thut kömt in den Ruf er habe keine Wäsche die er produziren dürfe – folglich kostet mirs mich – die ich doch Spaziers nicht damit zur Last fallen kann, ein jeder Strumpf jedes Hemde, jedes Kleid was ich [...] trage – Geld zu waschen! – Daher wird es Ihnen nun vielleicht begreiflich werden warum es mir mit jedem Tage – schwerer und lästiger wird zu substistieren. –

|6 Vergeben Sie mir, daß ich Ihre Geduld so ermüde und mit solchen details Ihnen mit so erbärmlichen Details zur Last falle. Aber ich muß ethes thun, damit Sie einsehen daß nicht Laune mich bisher geleitet hat, sondern ein auf vernünftige Gründe beruhendes Verlangen nach Erlösung. So werden Sie es vielleicht sich denken können wie mich ich mit wahrer Sehnsucht auf Ihren Brief geharrt hatte und wie traurig es mich machte mich in meiner Hoffnung wieder getäuscht zu sehn.

Wenn sich denn nun, wie ich es schon längst aufgegeben habe gar keine Gelegenheit findet so halte ich fürs beste daß Mahlmann jetzt vor allen Dingen allein nach Berlin reist und sich erst mit Ihnen arrangirt. Denn vor der Ostermeße finde ich gewiß keine Gelegenheit von hier aus und so könnte ich diese vielleicht noch zu meiner Oster Einrichtung benuzen. – Was wird denn aus Carolinens Heirath? Hier spricht auch schon die ganze Welt daß nichts draus werden würde. – Wie kann man denn so in den Tag hinein leben ohne vernünftigen Plan? |7 Wie herrlich hätte die Zeit die recht sündlich hat vertrödelt werden müßen, zu unsrer beyder Einrichtung benuzt werden können. Ich habe mich immer, wie ich jetzt wohl einsehe recht kindisch gefürchtet diesen Punkt zu berühren, blos aus übertriebner [...] Delikatese und weil es mein Herz nicht zuließ, ihrem Herzen, wie ich mir einbildete, durch die Äußrung meines Plans der eine so schnelle Trennung bewirkte, weh zu thun. Doch jetzt sehe ich ein daß man weiter damit komt, wenn man nur immer der kalten Vernunft folgt

Seyn Sie nicht böse, liebster Vater, wenn ich mein Ton nur einen Augenblick aufhört der kindlichste zu seyn. Ich fühle mich grade in diesen Tagen manichfaltig gekränkt und verstimmt, ja es thut meinem Herzen weh daß es Ihnen selbst so gleichgültig zu seyn scheint, [...] wie bald Sie Ihre so lang entferte Tochter wiedersehen, oder nicht, daß ich wirklich nicht weiß, wie ich eigentlich handeln soll. Ich kann mich nur damit trösten, daß Sie es vielleicht nicht geahndet haben, daß Mahlm ann |8 nichts mehr wünscht als Beschleunigung und nichts ihm mehr zuwider ist als eine lange Schlepperey. – Und so bin ich freylich, wenn gleich nicht aus bösem Herzen, selbst daran Schuld – und bereue ich es unendlich daß ich nicht längst so offen mit Ihnen gesprochen habe.

Meine heutige Offenheit bedarf sehr Ihrer Verzeihung. Darf ich denn auf diese rechnen, und wollen Sie nicht auf mich übergehen laßen was äußre Umstände und Verhältniße unangenehm auf Sie würcken? –

In de In diesem Augenblick erhalte ich Nachricht von einer Gelegenheit. Die Frau des Berg- Assessor Heun in Berlin Tochter des Buchhändler Breitkopf reißt von Berlin hierher mit einem Lohnkutscher. Sie wohnt in der Jägerstrasse bey Rellst Rellstab . Wollten Sie die Güte haben und durch mündliche Verabredung es so einrichten daß ich mit dem Wagen zurückführe? Der Himmel scheint ja doch noch für mich zu sorgen! Leben Sie wohl liebster Vater, ich freue mich den Brief mit einer angenehmen Außicht beschließen zu können und bin ewig Ihre treue Tochter

Ernestine.

Zitierhinweis

Von Ernestine Mayer an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 13. März 1801, Freitag . In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0503


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H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 8 S.