Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 8. September 1801, Dienstag

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Meiningen den 8ten September

O mein guter Vater wie hat es mich gerührt, einen Brief von Ihnen zu finden als wir gestern Abends von unser Baireuther Reise zurückkamen. Aus dem andern Brief werden Sie sehen, daß ich Ihnen früher geschrieben, jenen Brief wollte ich vor der Abreise fortschiken; hielt mich aber bei Briefen an die Tante Siegfried und Beseke auf. Das Wetter drohte bald sein schönes Ende, und mein Mann entschloß sich schnell aufzubrechen. wir reisten am 25 ten Aug. ab. ich nahm mir vor Ihnen von Bareuth aus zu schreiben – es ist geschehen Sie erhalten meinen Brief aus der Hand Emanuels bei dem wir wohnten.

Ihnen Es war mir schrecklich als ich von Ihrem Fall las – müßen denn alle Freuden so verbittert werden? Wenn es doch nur keine Folgen hat. o sorgen Sie doch liebster Vater, u vernachläßigen Sie Sich nicht – auf der Brust gerade, wo eine Verlezung so gefährlich werden kann. mein liebster Vater, könnte ich doch die Stelle küßen deren Schmerzen ein Denkmal Ihrer Menschenliebe sind.

ich danke Ihnen daß Sie mir etwas über Ihre ökonomische Lage gesagt haben – Sie werden fühlen wie ich alles aufopfern möchte, um Sie außer Verlegenheit zu wißen. ich wundere mich daß ich noch Zinsen bekommen soll , da Sie mir so vieles vorgeschoßen haben, u nach dem Abgang des Beitrags für die Witwenkaße dächte ich könnte nichts übrig bleiben. Behalten Sie das meinige, bester Vater, wenn es Ihnen auch nur eine kleine Erleichterung ist, ich bedarf nichts, denke gar nicht daran, daß ich aus Berlin Geld bekommen könnte.

|2 Nun will ich Sie auf den Besuch unseres Freundes vorbereiten, der sehr wahrscheinlich nach Berlin reisen wird. ich kann es nicht beßer als wenn ich Ihnen Emanuel schildere, um Sie mit Freude auf seine Erscheinung hoffen zu laßen – doch Sie sehen ja so oft den G. R. Pfeifer – laßen Sie ich von ihm eine Beschreibung des herrlichen Menschen machen da er ihn und seine ganze Lage kennt. Es würde mich sehr glücklich machen, wenn Sie ihn recht gastfreundlich behandelten, weil er uns so über alle Beschreibung gut aufgenommen hat. Jede Art der Aufmerksamkeit hat er uns mit einer Feinheit bezeigt, u mit so vieler Liebe. ich war die ganze Zeit unseres Dortseyns krank , anfangs an einem Fieber dann an Krämpfen im Unterleibe, und muste im Bett liegen – was er da für mich gethan, u die Freude wie ich wieder gesund ward kann ich Ihnen nicht sagen.

Es machte mir eine ganz eigne Freude einen Ort zu sehen, wo ich Bekante von Ihnen zu finden hofte. ich habe niemand gesehen wie den Präsident Schupmann Ihr ehmaliger College u wie er sagt, Freund. er traf meinen Mann auf der Promenade und bat uns beide für irgend einen Tag zum Mittagbrodt; da ich aber krank war, gieng mein Mann allein hin. – er frug sehr nach Ihnen, sagte er hätte mich als ein Wesen wie ein Arm lang gekannt. Als ich gesund geworden war, giengen |3 wir beide noch einmal zu ihm. Er hat eine junge angenehme Frauzwei Kinder . Sie waren sehr artig, und er hat mir sehr viel herzliches an Sie, aufgetragen. Er bewohnt eines der schönsten Häuser in B. ein wahres Landgut, mit einem sehr schönen englischen weiten Garten – lebt wie ein kleiner Fürst hat Koch mehrere Bediente u.s.w. Wann werden Sie es dahin bringen?! – –

Zum Philippi wäre ich auch gegangen, aber die drei lezten Tage meiner völligen Gesundheit wollte ich dazu anwenden, die umliegenden Gegenden zu sehen – Ach die Köstlichen! Emanuel hat einen kleinen Wagen, er fuhr mich nach der Eremitage – ein andermal auf einen Berg. in der Fantaisie war ich den ersten Tag unsrer Ankunft gewesen – – mein Auge hat sich so verwöhnt, daß ich die Gegenden bei Coburg überhaupt den ganzen Reiseweg über Hildburghausen und so viele reizende Dörfer auf der Rükreise nicht halb so schön fand. Culmbach allein liegt noch schöner als Bareuth, aber die Gegenden berühren sich so nahe, daß man sie miteinander vermischt.

Unser Reiseplan dehnte sich anfangs weiter aus, mein Mann wollte die Herzogin v Hildburgh. besuchen und mich ihr vorstellen, sie hat ihn kürzlich so freundlich eingeladen – aber es hätte uns zu sehr aufgehalten, dann wollten wir von Bar. nach Hof wo er so lange gewohnt hat, u von da aus seinen Bruder besuchen, der Rendant in einem kleinen Städtchen Sparnek ist, aber meine Krankheit hat alles vereitelt, wie weh es mit that so viel Störung zu machen kann ich Ihnen nicht sagen, aber wir haben uns wenn es möglich ist, noch mehr lieben gelernt. |4 keine Mutter kann treuer u ängstlicher für ihr Kind sorgen, als mein einzig guter Mann für mich Tag und Nacht gesorgt! aber eben darum sind wir mit unendlicher Freude in unsre Heimath zurükgekehrt – es war als wenn das schöne Leben verloren wäre, wie aus weiter Ferne schimerte uns die Erinnerung. Aber am Abend unserer Rükkunft hoften wir auf frohe Briefe, wie auf eine Entschädigung der vergangenen Tage, u fanden die Briefe von Minna , die Sie auch haben, ich habe ihr sogleich geantwortet, und sie wird Ihnen natürlich den Brief mitteilen, da Sie Ihnen das vorige mitgetheilt.

Das war keine Freude.

Denselben Tag als wir zurückamen war auch die alte Herzogin gestorben – das macht eine unglaubliche Sensation hier – erstl. weil sie Fürstin war, zweitens weil sie die beste wohlthätigste Seele war, die es geben kann – eine vortrefliche Frau – Der Herzog war außer sich – er ist ein recht seltner Fürst. Er läßt sie auf dem gewöhnlichen Kirchhof begraben, weil sagt er "sie es werth ist, unter ihren Unterthanen zu liegen". Alte eisgraue Bauern kommen vom Lande herein sie als Leiche zu sehen – weinen u nennen sie Mutter. Sie war recht freundlich zu uns – einmal hatten wir uns anmelden laßen, und mein Mann bekam Kopfweh, da gieng ich allein zu ihr – da sagte sie "ach es thut mir recht leid, ich habe expreß Rack für ihren Mann holen laßen" weil er das vorigemal keinen Thee trank. Und sie schikte hernach und ließ fragen obs beßer wäre

Der Lida Bassewitz sagen Sie einen herzlichen Gruß. sie bekömt bals auch einen Brief v Emanuel den ich an sie adreßirt habe.

Leben Sie wohl mein ewiggeliebter Vater!

Ihre treueste
Caroline.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 8. September 1801, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0518


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S. Auf S. 1 Jahreszahl vfrH ergänzt: 1801.

Überlieferung

D: Wahrheit 6, S. 218-220 (unvollständig)