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Berlin d. 14. August 18.

Meine geliebte Caroline!

Deinen letzten Brief vom 25. July habe ich nebst der beygefügten Geburts Tags Geschenke richtig erhalten, und benutze den ersten freyen Augenblick, um ihn zu beantworten. Zuerst also innigsten Dank für die Wärme Deines Andenkens an mich; u für den Fleiß, dem Du u Deine liebe Töchter angewandt haben, um mir Vergnügen zu machen. ich werde Dir einige Stücke anzeigen, die ich zu meinem unmittelbaren Gebrauch von Euren lieben Händen zu erhalten wünsche. Die schöne Porte feuille wünschte ich in der That zu Deinem Vortheil bey irgend einer Ausstelung anbringen zu können, u Du wirst mir diß erlauben.

Nun meine Bade Geschichte. Sie hat den gantzen Junius u Julius gedauert. Bis 1. July nehmlich in Neustadt , u bis 1. August in Freyenwalde . Am ersten Orte sind zwar die Quellen sehr heilsam, allein alles beginnt erst zum Gebrauch aptirt zu werden, u da ich Ende Junius ohnehin mein Quartier einem andern, der es von da an gemiethet hatte, ablaßen mußte; so wählte ich Freyenwalde , wo ich schon vor 30. Jahren von der Gicht geheilt worden war. |2 Hier in Fr. fand ich nun zwar kein für meine Frau u mich brauchbares Quartier, und wir faßten also den Beschluß, daß meine Frau, mit dem in NeuStadt bey uns gehabten Mädchen nach Berlin zurükgehen, u ich dagegen mit meinem Bedienten in Fr. bleiben würde. Diß ist dann auch ausgeführt; und ich habe die Bequemlichkeit einer Wohnung auf dem Brunnen in Fr. , aus Stube, u Cammer für den Bedienten, bestehend, gefunden, wodurch ich dem Bade beständig nahe war.

Der Erfolg des Bades ist auch im gantzen sehr günstig gewesen, u nur das Berliner Stein Pflaster erinnert noch an meinen [...] früheren Zustand, und macht mich noch immer vom Fuhrwerk, u zum Theil von der Führung durch den Bedienten abhangig. Doch habe ich in Fr. die höchsten Berge bestiegen; auch für Neustadt u Fr. ein Andenken zurükgelaßen. ich habe nehmlich meine Krücke auf dem sogenannten Capellen Berge, wohin ich sie selbst, 1200 meiner Schritte u 900. meines Bedienten hoch, getragen habe, mit einer Votiv Tafel niedergelegt. ich heftete nehmlich eine Carte daran, worauf unter meines Namens Unterschrift u Siegel die Worte standen.

  • In Neustadt begann meine Herstellung. Freyenw. vollendete sie, so weit diß bei einem Alter von mehr als 71. Jahren möglich war. Der Vollendung weyhe ich meine Krücke. %

Dieser |3 Akt wurde bloß in meiner u meines Bedienten Gegenwart, durch das Spiel zweyer Wald Hörner, die von der Spitze des Berges: Herr Gott dich loben wir, p u beym Heruntersteigen. God save De King ertönen ließen, gefeyret, u hat, wie ich höre, nach meiner Abreise, Wall Fahrten zur Capelle veranlaßet, woselbst meine Krücke durch Sorgfalt der Bade Direction aufgehängt ist.

Hier in Berlin , wo ich am 1. August Abends wieder eintraf, habe ich mich der humanitaet meines Praesidenten Herrn v. Grollmann , u der Theilnahme des grösten Theils meiner Collegen zu erfreuen, wovon der erste mich als jetzt den ältesten Rath im Collegio sehr soulagirt . Auch setze ich hier noch die Bäder, das ist bloße Reinigungs u indirecte Stärkungs Bäder fort, da wir jetzt zwey vortrefliche Anstallten hiezu hier haben.

So viel nun von meinem Befinden.

Das Zusammen treffen Deines lieben Mannes u Herrn Hufelands in Heidelberg hat mir nun letzterer auch mit Jubel mitgetheilt. - Die Frau des ersteren ist übrigens die jüngste Tochter des verstorbenen Predigers Troschel an der Petri Kirche, die Du allerdings gekannt hast.

Noch schicke ich Dir die letzten mir zurückzusendenden Briefe von Minna u ihrem Mann , theils zur Nachricht, theils um Deinen Rath über Minonas anscheinende Bestimmung zur portrait Mah- |4 lerin zu erfahren. ich habe zwar gewißermaaßen Anlaß dazu gegeben, weil ich ihr Beyhülfe an Unterrichts Kosten im Zeichnen versprach. Aber diese Wendung der Sache gefällt mir nicht, wäre es auch nur um der Sorge für die Gesundheit dieses kräftigen Mädchens willen. Wir erinnern uns alle der ältesten Hainchelin , die über den Hang zur Malerey Ihre Gesundheit eingebüst hat; der andern nachtheiligen Folgen des Bestrebens nach Virtuositaet nicht zu gedenken. Meines Bedünkens muß sie Minona ihrem Beruf zu einer guten Frau u Mutter getreu bleiben, u ich werde zu einer 10. jährigen Entfernung hievon, um der Ehre willen, dereinst vielleicht die Minona in einem Künstler Lexicon genant zu wißen, nichts beytragen. Melde mir Deine Meynung hierüber.

Mit dem Richard gehet es mir noch schlimmer. Nachdem er bereits bey Herrn Darnemann in Züllichau die Ubung zum Buch Handel angefangen hat, fällt es ihm ein, wieder aufs Paedagogium in Züllichau zu gehen, um dort zur Academie sich auszubilden. Er wird aber bey mir hiezu keine Unterstützung finden.

Julius allein macht mir durch das Festhalten an seinem Beruf – Freude u er wird uns allen Ehre machen.

Meine Frau befindet sich nach dem Bade sehr wohl, u grüßt Dich, [...] soviel Freude machen wird. Lebe wohl, grüße u küße Deinen Mann u Kinder.

Die Tante Mertzdorff ist in ihrer religieusen resignation in der That ehrwürdig.

Dein treuer Vater Mayer

Zitierhinweis

Von Johann Siegfried Wilhelm Mayer an Caroline Richter. Berlin, 14. August 1818, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0560


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S. Federproben auf S. 1.


Korrespondenz

A: Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 24. September 1818, Donnerstag