Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 4. Januar 1802, Montag

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Meiningen den 4 ten Jan.

Mein theurer theurer Vater,

Wie hat mich Ihre Güte und Ihr liebes Geschenk überrascht, ich empfing es am Sonnabend nach Neujahr, wo ich schon ungeduldig einer Antwort auf meinen lezten Brief entgegensah. Es rührt mich unaussprechlich, daß Sie nach den vielen Beweisen Ihrer Liebe die Sie mir in diesem Jahre gegeben haben, noch diesen hinzufügen, um mich ganz zu beschämen, und daß Sie in einer Periode wo Ihr Herz durch die Krankheit der armen Auguste so schmerzlich angegriffen ist, eine Freude für mich aussuchen. Ach die Arme! – in Ihrem vorigen Briefe haben Sie mir schon ihren Zustand geschildert, doch mit so viel Vertrauen auf Hufeland , daß ich hofte es könne alles gut werden. Sie sagen dort sie erholte sich etwas, freilich war damals noch kein Frostwetter, und es mag seitdem ärger mit ihr geworden seyn. Mit unendlichem Schmerz denk' ich an Sie! Was müßen Sie leiden! ich möchte gegen die Vorsicht murren, die Ihr Leben zu einer Kette von Unglück macht. Das was mich einiger maaßen erhebt, ist das Beispiel aus Gustchens eigner Familie: der junge Siegfried , der wie Sie sich erinnern werden, als ein 17jähriger Jüngling die heftigste Brustkrankheit mit einem |2 Lungen Auswurf hatte und jezt noch lebt. Ich erinnere mich dunkel eines Mittels gegen diese entsezliche Krankheit, davon die Geh. R. Dörfer einmal sprach, welches die J. Langhans besäße. Ich weis liebster Vater, daß Sie gegen alle dergleichen Hausmittel die der Arzt nicht verordnet eingenommen sind. Aber ich bitte Sie, forschen Sie danach, in einem Fall wo die Hofnung an zu sinken droht, darf man ja wohl das äußerste versuchen, und wenn es nichts hilft schadet es ja auch nichts. Ach wenn doch Gott dis Leben durch ein Wunder erhalten wollte, an dem die lezten Blüten ihres Glüks hängen. Hat mein kleines Andenken und mein Brief der Armen wohl noch eine frohe Minute gemacht? Sagen sie mir das bester Vater, wenn Sie mir schreiben, und wenn es Ihre Zeit erlaubt nur einige Worte mehr, über die Art der Krankheitsäußerungen, ob sie Fieber und Auswurf hat, und ob sie das Bett hüten muß, ich möchte jeden Tag von ihr hören denn es ist so schrecklich nie ihren gegenwärtigen, sondern den Zustand zu erfahren, sondern den, in den sie vor 14 Tagen war.

Mein Mann, und ich wir sind beide wohl, und unser Leben läuft noch glüklich dahin, wir haben oft einzelne große Freuden |3 die ich um meines Mannes willen doppelt empfinde. Dazu gehört der Besuch des Profeßor Buterwek der von Göttingen aus in den Weihachtsfeiertagen hieherkam, und sich acht Tage lange aufhielt. Er ist von uns allen geliebt hier weggegangen – der Herzog besonders hing sich an ihn mit brüderlicher Innigkeit, und das machte ihm Meiningen so lieb, daß er gern Göttingen dagegen vertauschen möchte, wenn er hier 500 th. fixirtes Gehalt, und ein zahlreiches Auditorium ersezt finden könnte. Er ist noch jung, und er hat die Ruhe der Vollendung in seinem Wesen. Der Herzog den ich immer mehr liebe, weil er ein wahrer Mensch ist, der jezt [...] in seiner Frau die Mutter seines Sohnes liebt, und dessen Leidenschaften gemäßigt sind, hat einen Hang zum Denken, und zum Wißenschaftlichen, der dem Bouterweck bei einem Fürsten überraschte, daher war ihr Intereße gegenseitig. Er wird diesen Sommer Liebenstein besuchen, und der Herzog will uns auch dort eine Wohnung einrichten, daher wird dieser den Sommer für meinen Mann recht intereßant seyn, nach seinem langen Entbehren der Gesellschaft.

Ich vergas in meinem lezten Briefe Ihnen zu sagen daß der Erbprinz von Meklenburg uns bei seiner Durchreise von Hildburghausen auf eine halbe Stunde besuchte, während seine Pferde gewechselt wurden. Er war so gefällig mich nach Aufträgen zu fragen, ich konte natürlich nichts geben, aber ich sprach von Ihnen, und ich bildete mir ein, |4 er würde Sie besuchen. Er hat dem Herzog ein Geheimnis meinen Mann betreffend verrathen von dem wir nur so viel wißen, daß es ihn in eine bequemere angenehmer Lage nach einem halben Jahre setzen wird .und Der Herzog hat gewis versichert, daß es die Präbende worauf wir natürlich riethen, nicht ist. Also Ev glauben wir, daß es jene Pension von kleinen Fürstinnen reichen Edelleuten, die meinen Mann verehren, ist, von der die Krüdner mir einmal sprach. Doch sagen Sie an niemand etwas davon, da man es doch nicht gewis weis. Es erregt aber natürlich frohe Erwartungen für uns, denn wenn gleich mein Mann bequem leben kann, und mehr einnimt als er ausgiebt, so begünstigt dis doch seinen Hang zum Reisen mehr, der ihm zugleich so nüzlich ist. Sie werden Sich gewis auch darüber freuen liebster Vater! Der 3te Theil des Titan ist nun zu Ende, und in seiner Umhüllung liegt dieser Brief – gern möchte ich, daß mein Mann nun ausruhte und den Anfang eines neuen Werks verschöbe, aber er kann nicht ruhen, er kann nicht eine Minute unbeschäftigt seyn. Er wird baauch einmal ein philosophisches Buch herausgeben, und das freut mich um Ihrentwillen.

Die Gräfin dankt Ihnen sehr für die Besorgung des Verkaufs , ich vergas es neulich Ihnen zu schreiben. ich danke Ihnen auch innig für das Geld. Leben Sie wohl theurer geliebter Vater, mein Mann siegelt schon zu, und ich will lieber halb als gar nicht geschrieben haben Leben Sie wohl.

Leben Sie wohl

Ihre treue Caroline

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 4. Januar 1802, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0566


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S. Auf S. 1 Datum vfrH ergänzt: 1802.