Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Dresden, 3. und 5. Juni 1820, Sonnabend und Montag

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Dresden den 3.ten Junius
1820.

Sie haben mir, verehrte Freundin, durch Ihren lieben Brief vom 3.ten v. M. einen Reichthum zugesendet; er enthält so viel erfreuliches, ich danke Ihnen herzlich dafür und nun noch einzeln, für die Güte, mit welcher Sie und Ihr lieber Mann meine Bitte wegen meiner lieben Freundin Vitzthum aufnahmen, die Böse hat mir noch nicht geschrieben, es befremdet mich nicht, denn dies sieht ihr eben so ähnlich, als die Freude, die gewiß der Umgang mit Ihnen ihr gewährt und wobey sie mich gewiß auch lieb hat; ihren Mann traf ich vor einiger Zeit in einer Gesellschaft, ich wollte thun als bemerkte ich ihn gar nicht, am Ende näherte er sich mir aufs Verbindlichste und hat auch meinen Bruder gefragt, ob er mich besuchen dürfe; wenn er komt, werde ich seine Stimmung nicht unbenutzt laßen mit der entschiedenen Freundin seiner Frau, in gutem Vernehmen seyn zu |2 wollen.Daß der liebe Max Ihnen so viel Freude macht, theile ich mit Ihnen vom Grunde des Herzen's, und je älter Ihre lieben Kinder werden, je mehr vermehrt sich der Grad der Liebe in deutlich ausgesprochener Maße, den Ihre Freunde Ihnen und Ihrem lieben Mann gewidmet haben; vervielfältigtes geistiges Leben kömmt durch sie der freundschaftlichen Theilnahme entgegen; Gott hat großen Seegen Ihnen verkündigt auch für die Zukunft, indem er Ihnen jetzt und von jeher so viel Freude an Ihren lieben Kindern schenkt. Daß die liebe Nichte, welche ich immer in Kopf und Herzen herumtrug, nun einen Hafen gefunden hat, wärend ich nur immer für sie nach einem guten Landungsplatz trachtete, freut mich sehr. Gott gebe daß sie recht glücklich seyn möge.

Recht sehr anmuthig war es mir, in Ihrem lieben Brief schon eine so freundliche Bewillkommnung im Voraus zu bekomen bey der Erwähnung, daß unsre, so Gott will, von neuem anzutretende Reise nach Italien, wohl wieder über Bayreuth gehen würde ; ein wahrer Licht und Freuden-Punkt ist uns immer das |3 liebe Bayreuth, von dem uns schon so viele frohe Stunden in Gegenwart und Abwesenheit aufgegangen sind; man wird immermehr inne, je länger man lebt, wie der Geist der Personen die man schätzt und liebt, im eigenen Geiste einwürkt und das eigene geistige Leben verschönert; so erhöht sich oft der Reiz an diesem oder jenem Lebens-Moment, wenn man ihn mit den Augen eines oder mehrerer uns theurn Geister anschaut und der Gedanke an die Vergegenwärtigung d ie er selben entspricht dem Wunsche, wie die Glocke dem Anschlage; in der höchsten Bedeutung, nehmlich auf Gott, finde ich diesen Gedanken auch sehr beseligend und berichtigend.

Unser Aufenthalt auf unserm Garten, ist uns Gott Lob, auch fortdauernd sehr angenehm; hätte ich Sie doch allerseits jetzt in diesem Augenblick unter meinem so freundlichen Dach! ja noch oben drein eben jetzt, wo ich auf meinen Balcon etablirt s b ind, die herrlichste Aussicht genießend; wie Tiedge als er mich vor seiner Abreise nach Carlsbad besuchte, ganz entzückt über diese Lage, sagte: Sie wohnen hier |4 mit der Natur unter einem Dache; er hatte sich zu meiner Freude auf einen ganzen Tag bey mir angemeldet und war äußerst froh und gemüthlich. Es ist uns ziemlich gelungen, nur Leute bey uns zu sehen, deren Gegenwart uns in irgend einer Beziehung angenehm ist; nur alte Bekannte, und Verwandte haben wir besucht und nur Sonntags vormittags gehe ich in die Stadt, zur Kirche und dann auf einige freundschaftliche Besuche, außerdem und wenn wir nicht nach Pilnitz fahren, wo wir fast alle Wochen ein Mal waren, da mein ältester Bruder den vorigen Monat dort war und eine Cousine und auch unsre lieben Prinzeßinnen und Prinze meinen Besuch gern sehen, bin ich immer zu Hause und zu freundlichen Empfang der Kommenden bereit, unter welche sich nur ein Langweiliges mit einschlich bisher, welches mich durch die Ungedult in die es mich durch mehrstündiges bleiben versetzte, über die Ursache derselben zum Nachdenken brachte; da ist mir denn so vorgekommen, daß ein Besuch unausstehlich als Zeitraub ist, wenn das deßelben Gemüth ohne Weihe, der Geist ohne Energie, der Kopf ohne Kenntniße und der Humor ohne Jovialität ist; ein einziger Vorzug von allen diesen, ist hinlänglich, um im Umgang zu |5 genügen, aber wo sie alle fehlen und nicht langes Zusammenseyn die Verhältniße in einander eingelebt hat, dann gilt es Gedult-Probe.Zu große Gesellschaften, gehe ich jetzt fast nie, indem ich es für Zeitverlust halten würde, da unsre gesellige Zeit Gott sey Dank aus lauter die kleine Ausnahme abgerechnet, gemüthlich motivirten Umgang besetzt ist, der das Herz immer im gleichen Tempo, nehmlich das des Wohlwollens dabey läßt und dieses gleiche Tempo, ist der in den Weltverbindungen gewöhnlich so verkannte und vergebens ersehnte Talismann und doch der natürlichste vor Allen; es ergötzt mein Herz, wenn ich wahrnehme, daß mir Besuche geschenkt werden, die sonst selten sind, hierunter rechne ich neulich den alten Maler Professor Klengel, der kaum mehr gehen kann, so wie die alte kränkliche Obersthofmeisterin der Königin, welche versicherte, seit zwanzig Jahren nicht so vergnügt gewesen zu seyn, als bey mir; der alte Klengel gebrauchte einen sehr hübschen Ausdruck als ich ihm aufmerksam machte, wie die Saatfelder unter meinem Balcon durch |6 den Wind, wellenförmig in Bewegung waren, ja, sagte er: Zephyr schifft durch's Korn. Jetzt erwarten wir bald auf mehrere Tage einen ehemaligen Hofmeister meines Sohnes, ein braver Landpfarrer, der große Freude an seinen ehemaligen Zögling hat; ich habe einige Gaststuben eingerichtet, die vielleicht auch diesen Sommer von Leipziger guten Bekannten, die Prinz Holsteinsche Familie , besetzt seyn werden; könnten Sie doch mit Ihren ganzen lieben Familien-Kreis sie auch einmal besetzen! welche Freude wäre dies für uns! läge doch Bayreuth näher von Dresden! aber auch die Kinder müßten mit seyn; denn die Kinder der Freunde, wenn sie schon so viel sind als die Ihrigen, gehören so sehr zum vollständigen Beysammenseyn in der Freundschaft, wie die eigenen Kinder zum eigenen Wohlseyn. Jetzt habe ich nach mehrjähriger Trennung, meinen zweyten Bruder vor einigen Tagen wiedergesehn, bey seiner Zurückkunft vom Wiener Congress; im künftigen Monat führt ihn sein Beruf in gleicher Bestimmung nach Frankfurth , er ist Vater von 4. Söhnen und verlor |7 seit wir uns nicht sahen, eine schöne junge Frau , mit der er sehr glücklich war. Zu Ende August oder Anfang September, werden wir wohl unsre Reise antreten; ich war ungewiß über das Schicksal meiner Kammerjungfer , bey derselben und unterdeßen hat sich eine sehr vortheilhafte Heyrath für sie gefunden, ein hiesiger Gastwirth . Aber, meine theure lieben Freunde, bin ich nicht so in's Schwazen gekommen, als wenn wir an Ihrem so traulichen Thé-Tisch in Bayreuth bey einander säßen, ja ich schwaze sogar weiter und sage Ihnen daß es mir für Herz und Eitelkeit sehr gut däuchtete, in Ihrem Brief , Ihres lieben Mannes Beyfal wegen der richtigen Schilderung meiner lieben Vitzthum, zu vernehmen; ich bin unaussprechlich habsüchtig nach jeder Art Beyfal und finde, daß wenn der Beyfal von werther Seite natürlich besonders befriedigend ist, auch jede Art des Beyfal's stets wenigstens ein Körnchen Wohlwollen bey sich führt und um dieses Körnchen's willen, finde ich immer ihn sehr |8 erwünscht.Da ich das bunte Papier liebe, habe ich mir ein allerliebstes Büchel binden laßen, von grünen, lila, gelben, blauen und rosenfarbenen Papier und es ist mir eingefallen, darin fest zu halten was durch irgend eine Veranlaßung mir in die Gedanken kommt und noch nicht in denselben war und nun schreibe ich auf das himmelblaue was dem Himmel angeht, auf's grüne was die Natur angeht, auf's lila das ernste, auf's gelbe was Gleichnis ist und auf's rosenfarbene was von Andern mir besonders aufzunotiren intereßant ist, es sey gedruckt, geschrieben oder gesprochen freylich in Rücksicht auf den sehr beschränkten Raum eines halb Octav Büchelchens. Dann habe ich einen Bogen mit goldenen Punkten auf welchen ich mir zu angenehmerer Erinnerung für die Zukunft, die Besuche Colonnenweise aufmerke, die ich hier auf den Garten erhalte; nahe einst fern von der Heimath, ist der Blick auf einen solchen Bogen gewiß anziehend und mit manchen Dank verbunden den Besuch der Herzogin von Curland, die den 11.ten von Carlsbad hier ankommt, erwarte ich i [...] hr er Anmeldung nach, den 12.ten.

Den 5.ten Gestern hatte ich den Besuch der Herzogin von Sagan, welche mit ihren Mann, mit den sie GottLob sehr glücklich ist, hier einen Tag zubrachte bey der Rückkehr von Leipzig wo sie auf |9 ein Paar Tage den Fürst Schwarzenberg besucht hatten, der täglich beßer wird, in der Cur des D. Hahnemann; wenn man deßelben Organon der Heilkunde ließt, wird man recht erfreut, ein so Naturgemäßes, vernünftiges Raisonnement zu lesen.Mein Sohn trägt mir die herzlichsten Empfelungen an Sie, so wie wir beyde am lieben Mann und an die lieben Kinder auf. Erfreuen Sie mich doch ja recht bald wieder mit einen Brief; sie verschwenden nicht ihre Zeit dabey, denn Sie erfreuen dadurch Herz und Geist Ihrer

innig ergebenen

HvEnde.

Zitierhinweis

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Dresden, 3. und 5. Juni 1820, Sonnabend und Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0575


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl., 1 Bl. 8°, 8½ S.