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Korrespondenz

Von Caroline Richter an Anna Margaretha Fanny von Reitzenstein. Bayreuth, 30. Mai 1826, Dienstag

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Bayreuth, d. 30. Mai 1826.

Geliebte Freundin!

Endlich ist mein Glück entschieden, und Förster hat sich gegen Ema erklärt. Sie ist sein für Leben und Tod. Der treuen Freundinn und zweiten Mutter meines Kindes eile ich zu sagen, was auch Sie mit jubelndem Entzücken vernehmen wird. Gestern Abend brach ihm das Herz wie ich mit ihm allein war. Die Kinder waren auf einem Spatziergange, er sollte mitgehen, allein Ermüdung von Morgenvisiten die er gemacht, bewog ihn später nachgehen zu wollen und wir Beide tranken den Nachmittags Kaffee zusammen. Er hatte einen Brief an Göthe geschrieben, ich bat ihn mich ihn lesen zu lassen. Kindlich gefällig überließ er mir ihn, und ich weiß nicht wie es kam, da sagte er noch ich glaube wir bleiben für das ganze Leben zusammen! Da strömte mein und sein Herz aus, und ich sagte ihm mein Entzücken – und er eilte nun hinaus, sie fragen und der Zufall wollte, daß die Unwissende ihm einen schönen Platz zu zeigen sich erbat – allein sie forderte dazu zugleich eine Freundin auf, die aber nicht wollte – nun folgte sie ihrer gewöhnlichen Unbefangenheit die ich nie gestört habe und beide suchten nun einen schönen Platz, aber mit wie anderen Absichten? im Angesicht der Abendsonne fragte er sie, nachdem er vorher gesagt nicht wahr Emma, wir beide sind uns herzlich gut? und sie, nichts ahnend, einfach Ja antwortete, ob sie sein Weib werden wollte, und sie verbarg sich nicht, und offen gab sie sich ihm. Denke Dir mein Gefühl an jenem Abend. Ich war allein zu Hause, und erwartete nun die heimkehrenden Kinder , süßer Schauer und des Verklärten heiliges Andenken durchbebte mich, der letzte liebste Wunsch meines Lebens war erfüllt. –

Sie werden glücklich sein – wie nahe sind seit jenen 4 Tagen wir uns gekommen! F. fühlt Emmas Wert immer mehr, und die allgemeine Theilnahme welche sie vor den Ausgezeichnetsten genießt, erhöht sein Gefühl für sie unbeschreiblich. Er scheint durch alle Punkte beseeligt, und wir sind schon so weit, auf die Details ihres künftigen Hausstandes einzugehen. Zu dem Winter will er sie schon nach München als Weib an seiner Seite haben, vorher aber wenn er das schöne Gemälde vollendet, eine Reise nach Florenz machen. Geliebte: ich weiß, niemand nimmt mehr Teil an ihrem – unserm Glück! – Emmas Zukunft war ja immer Deine gütigste Sorge. Sie liebt, sie ist geliebt von dem geistvollsten und liebenswürdigsten Menschen.

Für das erste Jahr werde ich Ihnen 800 fl. geben, und er äußerte daß er auf eine gleiche Einnahm rechnen dürfe. Fast kann ich dies nicht für gewiß annehmen, allein fehlt es, so schieße ich schon nach. Nur müßen sie die Idee des Einschränkens haben, was im ersten Jahre auch einen so süßen Reiz hat.

Ich habe nun viel zu thun, allein wie gab es eine liebere Arbeit. Dein Vorschuß hat ihn sehr glücklich gemacht, allein da er das Uebrige erst nach Vollendung des Gemäldes zu seiner Reise gebraucht, so ist Dein neues gütiges Anerbieten erst bis dahin anzunehmen, und, er ist ja jetzt mein Sohn, dem ich zu geben habe.

So weit war ich als Dein Brief kam Du Herrliche! Wie hat uns Dein Andenken glücklich gemacht! Die 4 Vergißmeinicht auf Försters Couvert ließen uns beinahe glauben, Du wüßtest schon Alles. Ich konnte leider nicht Zeit gewinnen meinen Brief zu schließen denn wir machten sogleich das frohe Ereignis den Menschen bekannt um keine Gêne unterworfen zu sein. Allgemein hatte man ohnehin dasselbe vorausgesetzt. Die freundlichen Verhältnisse die uns zu Theil werden wirken angenehm auf seine jugendlich heitere Stimmung, und es thut mir außerordentlich wohl, Ihm auch damit Freude zu machen. Genug es ist ein schönes heiteres Leben so von keiner Wolke getrübt, daß man fürchten muß, etwas schlimmes könne dazwischentreten. Verzeihe meine Geliebte! daß ich Dein anvertrautes Papier nicht wiedergegeben. Nach Emanuels Ansicht ist es so vollständig und gut als es nur sein kann, aber ich muß auch Otto darüber hören. In wenigen Tagen erhältst Du es gewiß unter der Adresse D. Reichel. Verzeihe mir! Aber Du glaubst nicht wie sehr ich gedrängt bin. Emma gehört jetzt gar nicht mehr mir an. Den ganzen Vormittag muß sie bei ihrem Ernst sein, sie schreiben gemeinschaftlich ihre Briefe, sie lesen zusammen, und – sie küßen sich auch, und das Trennen ist schwer. Die Mutter muß nun für Alles Alles sorgen.

Das Dir und sogar Deinem edlen Gemahl Förster so gefällt, rechtfertigt meine Ansicht und mein Gefühl. Dein Brief , den er für einen der schönsten hält, die er je gelesen, hat ihn mit Dank und Bewunderung erfüllt. Heute nimm mit der Anzeige vorlieb welche den ganzen Inhalt seines Briefes ausmacht.

Doch ich muß hier enden weil die Post drängt. Seegen, Dank Dir, Geliebteste. Emma, Ottilie grüßen Dich mit unendlicher Liebe. Bleibe vereint mit uns, wie wir mit Dir, seid unserer neulichen Begegnung, und lasse bald uns eine solche Freude wieder erleben.

Ewig

Deine Karoline.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Anna Margaretha Fanny von Reitzenstein. Bayreuth, 30. Mai 1826, Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0595


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Textgrundlage

D: Jean Paul-Blätter, 1. Jg. 1926, H. 1, S. 11-13.