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Berlin d. 28. 7ber 1807.

Liebe Caroline!

In der Hofnung, daß Du den Brief Deiner Mutter mit dem Neßelgarn bekommen haben wirst, melde ich Dir nun noch, daß Dein Zeug aus der Farbe zurük, aber nicht gantz so gerathen ist, wie es der Färber versprochen hatte. Die Mutter meynt, Du würdest doch zufrieden seyn; u das will ich auch hoffen. An der sorgfältigen Bestellung hat es nicht gelegen, weil meine Frau das Zeug selbst zum Färber hingetragen hat.

In Bezug auf Minna wachsen die Verlegenheiten durch Mahlmanns Betragen ; u Minna ist so weit, zu wünschen, daß man ihr nur ihre Töchter abnehme, um als dann eine condition anzunehmen. Schon lange waren mir Vorschläge dazu geschehen, die ich aber aus vorausgefolgter Anhänglichkeit der Minna an ihre Kinder von der Hand wißß wieß. Jetzt muß man dahin zurükkommen; und ich denke die Minona zu mir zu nehmen; weil mich die älteste zu lebhaft an ihren Vater erinnert, gegen den der Wurm in meinem Hertzen nicht stirbt. Vielleicht findet Minna für die Emma eine Gelegenheit.ich habe jetzt |2 eine Quelle, gute Gelegenheiten zu conditionen zu erfahren, u wohin ich ein Verhältniß rechne, wodurch Minna als Gesellschafterin einer geistreichen Frau von Stande u Vermögen, Gelegenheit erhielte, ihr Talent zur Unterhaltung, u ihre Muße zur fernern Ausbildung zu benutzen. Zur Erzieherin taugt sie so wenig, als zur oeconome. Vom Erfolge gebe ich Dir Nachricht; und Du schweigst bis dahin, weil ich erst selbst von Minna erfahren muß, wohin sie zielt; und ob sie vielleicht aufs Theater gehen will, wie sie hier wohl geäußert hat; und wo gegen ich bey ihrem großen Talent dazu auch nichts hätte. Von Herrn Wagner höre ich nichts; u ich werde mich wohl hüten, ihn aufzumuntern, weil ich nicht nur wie Du, frage: Wird er glücklich seyn? sondern auch zum Voraus vom Gegentheil überzeugt bin. Denn Minna kann durch bloßes häußliches Glück nicht befriedigt werden. Über Herrn Apel bin ich übrigens darum ruhig , weil Minnas Erfahrungen von Folgen des Leichtsinns, verbunden mit dem Spiegel den man ihr über den Herrn Apel vorgehalten hat, sie außer dem Fall der Betrunkenheit nicht in seine Arme fallen laßen werden. Höchste Geld Noth könnte sie nur zur Verzweiflung bringen, und dahin wird |3 sie nie kommen; es wäre denn, daß ich selbst aller Hülfs Mittel auch für die Folge beraubt würde. Denn jetzt bin ich leyder in dieser Lage, die nicht bedeutenden Zinsen meiner Frau abgerechnet; so daß ich in der That außer Stande bin, der Minna jetzt auf den 1. 8.ber die gewöhnliche Quartal Pension zu schicken; und nur froh bin, daß ich ihr in diesen Tagen die in Rückstand gebliebene Hälfte der halbjährigen Wittwen Pension mit 54 rth habe schicken können. Sie hat aber Forderungen in Leipzig , wo bey Ihr Herr Apel behülflich ist, u ich hoffe, sie soll damit so lange reichen, bis unser Gehalts etat wieder realisirt wird.

Jetzt ärgerts mich, daß ich mit Herrn Mahlmann so genereux umgegangen bin, meinen Pflichttheil bloß vom Capital Vermögen der Ernestine , und nicht von ihrem übrigen Mobiliari, worauf sie beynahe 1000 rth verwendet hatte, zu fordern; mein Geschenk an Silber Zeug u Procellain nicht gerechnet . Wer konnte aber auch das von ihm erwarten, wozu ihn jetzt seine gereitzte Eigenliebe gegen Minna verleitet? Denn an seine übrige von Minna behauptete Schlechtigkeit will ich gar nicht glauben.

Doch ic breche ab, um meine Laune nicht zu verstimmen. Lebe wohl, grüße Deinen Mann, u küße Deine Kinder.

Dein treuer Vater Mayer

|4 ich denke Dein gefärbtes Zeug mit Meß Gelegenheit nach Leipzig zu schicken; u die Anstallt so zu machen, daß Du das Zeug mit Gelegenheit nach Bayreuth erhältst.

Madam Philippi hat gestern eine Carte an meine Frau geschickt; u ich werde sie nun selbst besuchen; um, wenn sie etwas von Dir weiß, von Dir mehr zu erfahren.

Die Tante Mertzdorff hat an der Ruhr krank gelegen, ist aber nun außer Gefahr und beßer. Sie trennt sich von der Sommern , mit der sie bisher zusammen wohnte. Gestern früh um 9. Uhr ist die gute Eichmann geborene Bamberger an der Schwindsucht verstorben. Sie hat lange mit dem Tode gekämpft; u vor 14. Tagen bin ich noch bey ihr gewesen. seitdem aber habe ich sie nicht wieder gesehen.

Zu der Befreyung von Berlin sind noch keine Anstallten. Seit 6. Wochen habe ich einen officier u Bediente zur Einquartirung der mir täglich über 2 rth kostet; und vielleicht den Winter über bleibt. – Und diß alles ohne andere Einnahme als Credit.

So bald Herr Richter Deine Zinsen zahlt, berechne ich mich mit Dir .

Die Mutter grüßt hertzlich.

 Wegen Sanne , und wegen der Hallischen Salzwerke bin ich jetzt französischer Unterthan! Sanne ist auf 6. Jahr gut verpachtet.

Zitierhinweis

Von Johann Siegfried Wilhelm Mayer an Caroline Richter. Berlin, 28. September 1807, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0615


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.