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Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 5. April 1805, Freitag

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Baireuth den 5ten April 1805.
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Mein geliebter Vater,

Es that mir unendlich weh, daß ich Ihnen am Dienstag nicht gleich antworten konte, da ich Ihren lieben Brief mit dem Gelde und den Worten Ihrer gütigen Frau nebst dem Neßelgarn erhielt. Er war so reich an erfreuenden Nachrichten für mich, und besonders traf mich die Ihres erhöheten Gehalts ganz eigen, das hoft hoffe ich, Ihrem Alter, noch mehr Bequemlichkeiten, und Lebensgenus zuführen wird. Genießen Sie es aber auch recht eigentlich, mein guter Vater, das ist das mein innigster Wunsch, so wie es mich freut, daß Sie dabei der armen Minna denken, die jezt leider auf die Unterstüzung edler Menschen, und auf ihre eigne Kraft angewiesen ist. Ihre liebreiche Sorge, ihr die Tante Merzdorf zu schiken, und deren Güte wie eine Mutter an sie zu handeln, war wohl das Wohlthätigste was der Verlaßenen wiederfahren konnte, und Gott segne Sie Beide dafür! Minna hat mir mit sehr vieler Rührung davon geschrieben wie mütterlich die gute Tante sich ihr und ihrer Kinder angenommen hat, daß ich Ihr selber einmal danken und an Sie schreiben werde.

Das Schönste was der Minna wiederfahren konnte war wohl die Nähe des edeln unglüklichen Mahlmanns der mit so großer Aufopferung seiner Zeit, und seiner Neigung, ihr eine jährliche Einnahme von 400 rth. sichert . Ich gestehe, daß mich diese fortwährende Aufopferung |2 von ihm tief rührt, und mit Ehrfurcht erfült, so wie eine Quelle derselben die nichts anders ist, als die ewige Nachfeier des heiligsten Andenkens . ich liebe diesen unseren Bruder, und Ihren Sohn jezt unendlicher, als ich sonst glaubte, es ist mir als haben wir eine doppelte Verbindlichkeit jezt, ihn zu schonen, und zu lieben, weil ja sein guter Engel dis in einem Maße that, wie nicht leicht eine Frau gegen ihren Mann! O in dieser Hinsicht war das theure Herz, das heiligste Vorbild eines jeden Weibes.

Sie haben, mein Vater, wie Sie mir sagen für mich gezittert als wenn ich das Schreckliche hören würde! Doch habe ich es ertragen! Ach, der Mensch kann mehr als er glaubt – und der hartnäckige Widerstand unserer Naturkräfte gegen unsere Sehnsucht muß wohl sein Gutes haben – und ich bin noch Frau, und Mutter, das Leben fodert noch so viele Pflichten von mir! aber nie hätte ich geglaubt, daß die Hälfte meines Wesens mit der ich von Kindheit an, das einigste Ganze ausmachte, ohne mich untergehen könnte ! mein jeziger Zustand ist stumpfe resignation gegen Alles was ich noch verlieren kann. In meiner ehemaligen Ansicht hat sich alles geändert. das künftige Leben scheint mir nicht mehr so fern – ich erwarte den Tod aller meiner |3 Geliebten, meines Mannes, meiner Kinder, nicht mehr wie ein Unglük sondern wie eine Begebenheit, die mich erwartet – ich kann mir sogar nicht denken daß der Tod eines Kindes mich in Verzweiflung sezen würde, im Gegentheil, könnte ich in der Vorstellung daß es der schweren Aufgabe zu leben, nun entgangen sei – einen großen Trost finden. –

Wann ich mir denke, daß unsere geliebte Tine tief im Herzen einen großen Kummer trug, den kein andres Glük ersezen konnte, ich meine ihre Sehnsucht nach einem Kind – so kann ich mich fast freun daß Gott sich des Engels erbarmte, und ihm Ruhe gab – Wir werden sie wiedersehen!

Sie nehmen Sich so thätig der Angelegenheit meines Mannes an, mein geliebter Vater , daß Er Ihnen nicht dankbar genug seyn kann, troz dem rechnen wir auf nichts – man wird ihn erst würdigen, wenn er nicht mehr ist, wie so viele große Menschen die von ihrer Mitwelt verkant wurden. Ich gestehe Ihre Versichrung von Beymes Eifer für die Sache , hat uns befremdet, weil die Cabinets-ordre so wenig hoffen läßt, indem sie eine ganze allgemeine Versichrung giebt. Doch solten Ihre Bemühungen belohnt werden, so wäre es mir lieb – wenn gleich uns kein Mangel drükt. Ich halte es für Pflicht Sie darüber zu beruhigen, mein guter Vater, indem Sie Sich vieleicht die Lage meines Mannes anders |4 vorstellen, als sie ist. Er wird so gut bezahlt als Göthe , und seine Einnahme übersteigt immer seine Ausgaben – obgleich, wie natürlich bei drei Kindern, unsere Haushaltung kostbar genug ist. Doch muß ich mich als Weib freuen, wenn mein Mann, ein freieres Dasein gewinnt, wenn ihm zum erweiterten Lebensgenus etwas übrig bleibt – und er nicht so anhaltend zu arbeiten braucht als er jezt thut – Er hat nie am Tage einen unbeschäftigten Moment – sogar die Kinder können ihn, in seiner Lebensregel nicht irre machen.

Der Brief von der Fr. v Berg den Sie meinem Mann geschikt haben , meint einen den die Königin gelesen haben soll – mein Mann wünscht zu wißen, ob es der vom Prinzen George gewesen sei.

Spaldings Besuch traf gerade in die unglükliche Zeit, wo der harte Schlag der uns alle gleich sehr trift, geschehen war, und ich noch nichts ahnete. Ich vergaß nachdem Ihnen von der großen Freude zu sprechen die sie mir und meinem Mann gemacht haben, eben so wohl durch ihr Erscheinen an sich; als durch ihre Erzähungen von Ihnen und Ihrer Frau, von der sie mit enthusiastischer Wärme sprachen. Ich freue mich, wenn sie auch einen angenehmen Eindruk von uns mitgenommen haben, wie Sie meinem Mann schreiben . Ich habe sie in Berlin wohl gesehen, doch nicht gekant |5 und hier muste mich ihr unbefangenes natürliches Wesen unbeschreiblich gewinnen. Übrigens höre ich öfter von Ihnen Beiden, durch eine Freundin eines Fräulein Knebel hier, dem Fräulein Altenstein , das wohl sehr liirt mit Ihnen seyn muß – ihre Freundin versichert mich das sie öfter auch von mir sprechen muß und ich habe mich also in Acht zu nehmen. Eben diese Frl. Knebel sagte mir auch, daß Minna nach Berlin ziehen würde. und dies überraschte mich, da ich von Minna das Gegentheil erfahren habe – ich möchte die lezte Schwester bei mir haben, und endlich einmal das Glük genißen mit einem Glied meiner Familie zu leben, was ich so lange entbehren muste. Freilich stellen sich auch mir die Schwierigkeiten dar, die in uns Beiden liegen – Minnas Verwöhnung an intereßante Menschen, an den Zerstreuungen des Orts – die in so kleinen Städten nur dürftig zu haben sind. Doch ist es hier wohlfeil und ich bilde mir ein daß Minna's Wünsche jezt alle getödtet seyn mögen, bis auf die für ihre Kinder, und denen würde im Spiel mit den meinigen, recht wohl seyn.

Nun leben Sie wohl mein theurer Vater, wenn Sie können, schreiben Sie mir bald – mir entgeht ja jetz so viel, und ich verdiene Ihr Andenken. Haben Sie noch einmal Dank für Alles, und Gott segne Sie mit Gesundheit, und Heiterkeit, daß Sie das Leben genißen können. Gott segne meinen Vater!

Ihre Caroline.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 5. April 1805, Freitag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0632


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl., 1 Bl. 8°, 5 S.


Korrespondenz

A: Von Johann Siegfried Wilhelm Mayer an Caroline Richter. Berlin, 14. April 1805, Sonntag