Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
Sonnabends den 4 ten Mai
1822.

Meine beste Odilie!

Eben erhalte ich Deinen Brief , und da diese ganze Woche schon mein Herz voll davon ist, Dir zu schreiben, so will ich es in der ersten Minute thun. Du wartest sonst so lange, wie wir auch immer so lange auf Dich warten müssen, denn meinen Erwartungen nach, hätten wir schon am Mittwoch einen Brief haben müssen. Ich war in einer erschrecklichen Unruhe wegen Herr Heine , und nur durch, Arbeiten, meinem gewohnlichen und wirksamsten Zerstreuungs Mittel in trüben Stunden habe ich eine Zuflucht in meiner außeren deutlichen Angst, finden konnen. Dank ist es dem Ewigen, daß der gute Mann noch erhalten wurde. Innig bitte ich Gott, daß Er sein Leben beschütze und segne und Er noch viel Freude und Lohn für sein segenvolles Wirken, empfange. Möchte Er auf Erden schon ganz glücklich werden, und nicht blos seinen Lohn, im Himmel suchen. – Grüße auch die gute Auguste recht sehr von mir, und danke ihr für ihren guten Brief . Denn bei ihren vielen Sorgen ist es eine große Güte wenn sie jemandem schreibt.

|2 Schon vorigen Sontag, wo der Vater einmal von der Rollwenzel aus – dawo er aaß – den Nachmittag auf der Eremitage zubrachte, hörte er durch die Vetterlein von Dir. Also glaube ja nicht, daß man nicht an Dich denkt. Im Gegentheil wer auch zu mir kömmt oder zu wem ich gehe, Du bist der Hauptgegenstand von dem gesprochen wird. Die Empfehlungen von Jedermann kann ich nicht ausschreiben, es nähme mir zu viel Zeit. Nur der Klara Ranzow will ich erwähnen die es jedesmal thut, da sie Emma sieht – gestern Abend waren sie zusammen bei Weldens – Also nicht nur denken, sondern auch im Allerbesten Dich loben und rühmen thut man – wie ungerecht ist es daher von Dir, das Gegentheil zu glauben. Die Vetterlein sagte dem Vater unter vielem Guten, das Du so liebenswürdig wärest wie es Briefe von Würzburg versicherten . Darüber hatte der gute Vater eine gar große Freude, und es beseeligte uns recht sehr. Nur Eins thue: schreibe an Emma, und lasse sie wenigstens in jedem Briefe grüßen, sie weinte darüber und sie hat Dir doch recht viel geschrieben . |3 ich weiß wohl, daß Du sie liebst, und gerade das Hinweggehen über dergleichen Attentionen ist ein Beweis davon, aber, thue es doch. Schreib aber ja mit Bleistift, ich weis nicht warum Du auf meine Ermunterung dazu nicht achtest – da Herr Heine es Dir empfohlen hat, .

Nun wisse, daß der liebe Vater am Donnerstag früh nach Dresden abgereißt ist. Heute Abends kommt er an und ich bin ganz seelig in dem Gedanken der Vereinigung meiner guten Schwester und deren Kinder – mit Ihm. Die unendliche Freude, welche diese empfinden wird, den Vater einmal wiederzusehen, welches eine so lange und weite Entfernung als etwas "Unmögliches" ansehen ließ, ist mir selbst, Entzückung. Nun erwarte ich sehnsuchtsvoll die Briefe die alles genauer melden werden, und werde sie Dir dann mittheilen. Ich danke Gott, daß der gute Vater endlich |4 einmal diesen großen Genus einer solchen Reise an einem so reichhaltigen Orte wie Dresden ist, hat, wo er vor Überfülle an Natur, Kunst, und Menschen nicht zu sich selbst kommen wird. Er wohnt in einem Privathause für 12 rth. monatlich. Ob er gleich nur 1 Monat bleiben will so erwarte ich unter 6 Wochen ihn nicht wieder, und ob ihn dies gleich auch länger von Dir entfernt, meine Odilie, so traue Dich mehr, als wenn Du ihn bei dir hättest. Denn hauptsächlich ist es doch sein Herausgehobensein aus allen schmerzlichen Erinnerungen , was wir wünschen müssen. Ja wollte er 1 Jahr in Italien zubringen, mir wäre es recht. Da ich Dich glücklich weiß, gratuliere ich Dir zu Deinem Aufenthalt. Ich fühlte es selbst, damals als ich vom Hause entfernt, bei Dir war, wie ein fremder Schauplatz des Lebens, vom gewohnten alten Leben selber scheidet, daß man sich ordentlich manchmal besinnen muß, wo man hingehört, und sich schnell an die neue Lage attachirt. |5 so ist das frei Sein, von hauslichen Sorgen und Verdrießlichkeiten die mich bei meiner Rückunft gleich recht hart anpackten, gewis auch eine große Hülfe für Deine Gesundheit, und das erkenne dankbar, und klage unter so lieben gutmütigen Menschen, wie über Entfernung von Deinen Verwandten. Du glaubst nicht wie verstimmt damals der Vater immer war, wie empfindlich – doch hatte es kurz vor seiner Abreise sich wieder verloren – so daß ich das ruhige Asyl in Heine’s nicht allzuheitrer Stube die wir damals bewohnten, für etwas beneidenswürdiges hielt. Auch wie die Grosmutter hier war , mußte ich viel leiden, welches dieser nicht entging, und ihr Mitleid mit mir, machte sie mir noch lieber. Aber glaube ja nicht, daß ich zu ihr klagte, nein sie fühlte es selbst – aber den letzten Tag und Abend kam alles wieder in die schönste Harmonie, und sie reißte mit den angenehmsten Eindrücken von uns insgesamt ab. Noch hat sie mir nicht geschrieben. Aber sie versprach es.

Ein Kompliment von der kleinen Babet . Wie der Vater am Morgen um 6 Uhr abreißte hat er noch einen gerührten Abschiedsblik auf Dein Bild geworfen ich sah den Vater abreisen als meinen Freund, jeder ehemalige Schmerz ist verschwunden, um irdische Liebe da ich nur eine himmlische habe . |6 Daß es so gut mit deinem Rücken geht, setzt mich ganz in Erstaunen. Ich kann es nicht begreifen. Ich möchte nur wissen, welchen Zustand Dein Knochengebäude eigentlich hat, vielleicht erklärt sich einmal Heine darüber. Sollte Dein Wuchs ganz wieder gerade werden, o wie viel Dank sind wir dann dem Allmächtigen schuldig! Diese Nacht träumte mir: in 1 Monat kämest Du wieder – so unsinnig das ist so ist doch eine Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit darin. Ich nehme es indessen noch nicht als gewis an, daß Du in 6 Monaten überhaupt so weit sein kannst, das Institut zu verlassen und verlange es auch nicht. Je gewißwahrscheinlicher Deine wirkliche Heilung sein kann, je grundlicher muß sie sein – und mehrere Monate darüber machen in einer so wichtigen Sache nichts aus. An die Kosten denke nur gar nicht – erstlich haben wir es – zweitens kann wohl Geld und Gut schöner angewandt werden, als zu solchem Zwecke? Ich schicke Dir hier das zweite |7 Monatsgeld, für den Mai, und bitte Dich es sogleich an Herr Heine und Auguste mit dem größte Danke zu übergeben. Es soll immer pünktlich erfolgen. Schreibe ja einige Zeit vorher ehe Dein Taschengeld zu Ende geht, um „Neues“ damit Du nicht in die geringste Verlegenheit kommst. Ich dachte es wohl, daß Du außer der Wäsche nicht viel ausgeben würdest. Das ist ein großer Vortheil des Sommers das gewisse Ausgaben gar nicht vorfallen. Allein mache Dir alle Vergnügungen die Du wirklich dafür achtest, und glaube daß ich Dir eher dafür dankbar, als unzufrieden sein werde. Du gutes Kind, bist ganz so wie ich mir Dich gedacht habe, in der Treue gegen Deine Kur – Gott wird Dich schon dafür belohnen. Dir sind also die Pastellfarben lieb? Nun ich will sehen, was Du damit machst, und wenn Du Glück damit hast, kannst Du Herrn Menna fragen, was ein ganz vollständiger wie Er ihn hat, kostet, denn bei dem unsern fehlen doch wohl viele Farben, oder sind zerbrochen.

|8 Jetzt wird es bald an ein Renoviren bei uns angehen. Das lang beabsichtigte Weissen und Malen meiner Stube und des Vaters seiner (zum Theil) muß nuun geschehen – auch einen neuen Ofen lasse ich dem Vater setzen, am Mitwoch kommt der Töpfer. Bis dahin sitze ich ruhig, und nähe die auf dem Brand. Markt gekauften Sachen fertig. Die Stein war am Donnerstag mit uns auf Riedels Berg. Gestern Abend kam sie ganz spät um 7 ½ Uhr. Bei Weldens war ich wenig, weil ich mich gern zurückhalte aber die trefliche Frau ist jetzt etwas wohler. Möchte es von Dauer sein! Luise besucht Emma recht herzlich und fleißig, sie ist gar gut. Ihre Industrie aus alten weggeworfenen Hüten Neue zu machen, ist außerordentlich. Otto’s sind wohl, ziehen aber erst in 4 Wochen aus. Ich habe Amöne jetzt zweimal gebeten seit ich zurück bin. Von selbst kömmt sie nicht, und das ist mir schon recht. Sie und Otto lassen Dich immer grüßen. Emanuel zieht in dieser Woche zu Fischers, grüßt natürlich auch ganz unendlich. Bachs ziehen Montag auf den Markt. Emma füttert die Vögel pünktlich. Marie wusch den Ponto der sich gewis nach Dir sehnt. Adieu, Adieu schreib ja gleich wieder. Gott behüte Dich, und gebe Dir Frieden und Freude Du lieber Engel!

Deine
Mutter.

Du must immer am Montag Vormittag Deine Briefe auf die Post schicken, dann kommen sie am Mitwoch an. Der Deinige ist erst am Sonnabend den 4ten angekommen. Ich werde doch wohl den goldnen Rahmen um Dein Bild wovon Herr Menna das Maaß gewis hat, brauchen. Wenn eine Gelegenheit ist, wo er behutsam eingepakt werden kann. Denn der vom Grosvater paßt nicht!

Tausend Empfehlungen an Herrn Heine , Auguste , Falks , und Küsse an den kleinen Edmund , der wie immer vor Augen schwebt.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Odilie Richter. Bayreuth, 4. Mai 1822, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0669


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 8 S.