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Heidelberg
am 6 Januar
1821.

Theuerste Mutter!

Gott segne Dich, gute Mutter. Hast Du mir eine Freude gemacht? wirst Du vielleicht fragen. Ach die größte u noch größer wäre sie, wenn der Brief allein sie mir ausdrücken ließ. Im Augenblick, wo ich alle die Sachen bekam , erstaunte ich u war weniger froh, allein bald besänftigte ich mich u dachte, du bist ja noch ein Kind u zu jener Zeit, wo dir noch christlich bescheert war, wußtest du auch Freude u Dank nicht auszudrücken. Ich hatte nun lange nicht geschrieben, aber daran ist blos eine innere Zerstreuung schuld gewesen u viele ärgerliche Hindernisse. Wenn etwas wichtiges vorgeht, ist es mein erstes, euch Alles zu beschreiben. Seid ihr alle doch recht gesund? Das Wetter ist hier gelind u frühlingmäßig und die Gegend ist auch im Winter himmlisch. Hast Du wohl den Vater wieder gefragt, wie es mit der Reise nach H. aussieht? Alle Leute sind darauf gespannt u der gute Voss will es sich nicht aus dem Sinn treiben lassen; in Kreuznach trifft er beinahe schon jetzt Anstalten bei seinem Bruder. Ich will nun ein wenig von den Heidelberger u Heidelbergerinnen sprechen, soweit ich sie kenne. Die Dapping [...] stelle Dir vor wie die Gräfin, die das schöne kleine Kind hat , ich weiß nicht gleich, wie sie heißt; sie ist Hofdame gewesen u Hofsitte herrscht also noch fort; daher ist es mir sehr übel genommen worden, als ich ein Gedicht ein paar Tage länger als nöthig behielt. Die Lesegesellschaft besteht noch, aber ich habe mich davon losgemacht, denn von einer solchen unausstehlichen Freigeisterei, die ich hier nicht erwartete, mag ich nichts wissen. Abgerechnet, daß über jeden Schriftsteller, er sei so groß wie irgendeiner, in Gesellschaft von erwachsenen Mädchen fein, in zierlich gesponnenen Redensarten ein Lob, das dann |2 jedes Mädchen ergreift, ausgesprochen wird, werden jede Stellen, die eben zufälliges Einnehmen haben, einem in die Ohren durch hundertfaches Lobpreisen eingeprägt; die Herren müssen dann ihr Schärflein beitragen u ein bischen Gelehrsamkeit mit einmischen. Das findet buchstäblich bei der Dapping so statt u eine Steifheit in der Gesellschaft nimmt sich hier am allerlächerlichsten aus, wenn man sogenannte feine Menschen neben sogenannten plumpen oder unbeholfenen sieht. Besonders ist mir hier die Tochter zuw ie i der, die die Schönheiten der freien Natur an allen Ecken u Enden in der Teegesellschaft lobt. Daher sind auch alle Mädchen, die in das Institut gehen, geziert u steif. Nimm u glaube das so von mir, wie ich es eben erzähle, ich will nicht zu viel sagen. Daraus erkläre ich mir auch, warum Voß u Dappings nie zusammenkommen, auch der Heinr. Voss war, so lange ich hier bin, noch kein einzigesmal bei ihnen; alle Leute, nicht ich allein, beurtheilen sie so. Das Gegentheil finde ich bei der Paulus , wo eine Zurückgezogenheit auch im Reden sich kund thut u tausendmal lieber bin ich bei diesen; neulich weinte die Tochter u Mutter, als ich hinkam; es war der Abend im letzten Jahr u von dem Kometen wollen sie weiter nichts wissen; ich glaube kaum, daß sie den 2ten Theil noch lesen werden; der alle Paulus sucht immer einige Laune in die Rede zu bringen u dann fangen Mutter u Tochter auch zu saterisiren an. Jene liest jetzt Herders Leben [...] zum erstenmal u "lernt " i hn" auf einer andern Seite kennen, als damals, wie sie noch in Weimar war; die Tochter wartet, bis die Mutter es gelesen u dann liest sie auch. Wenn ich einen Gruß überbringe, sind beide selig; der alle Paulus wird von manchen Studenten bis in den Himmel gehoben, von andern nicht. Religiosität, die man ihm sonst immer abspricht, hat er gewiß; auch glaube ich, daß |3 viele paradoxe Sätze in der Theologie jetzt nicht mehr vom Katheder spricht. Seine Tochter kann sehr viel gewinnen u viele Menschen einnehmen; aber sie passte z.b. am allerwenigsten zum H. Voss, der von der Welt noch wenig erfahren hat u auch bei seiner himmlischen Liebe Niemanden Arges zumuthet. So ein Mann, wie Göthe, muß von ihr begrif ergriffen sein; aus ihrem Auge leuchtet der hellste Verstand u ein wiederfahrnes Leben, eine Menschenkenntniß; die Mutter würde vielleicht aus Gram nicht lange mehr leben, wenn di jene nicht immer aufheiterte. Die Schwarz ist eine herrliche Frau in Hinsicht ihres Charakters; allein der Stilling steckt ihr noch im Kopf; ihre Eintracht mit dem noch bessern Manne ist segensreich für die Kinder, die die herrlichsten Menschen von der Welt sind; die älteste Tochter ist möchte ich mit der Emma vergleichen; sie weiß eben so das Lächerliche jedem wirklich Lächerlichen abzugewinnen u so jede Eigenschaft gründlich zu wissen; ihre Häuslichkeit u Wirthaftlichkeit ist, wie bei allen Heidelbergerinnen, Muster für andere. Leider zieht mich ein feindlicher Dämon zu Menschenmenge hin u ich besuchte vor kurzem die Gesellschaft bei Bre Heinz ; der alle Daub war zugegen u erkundigte sich recht freundlich nach unserm lieben Vater. Mehr will ich von diesem dem Vater erzählen. Die Häuslichkeit schmeckt einem hier ganz herrlich; alles ist recht freundlich; Ich glaube kaum, daß in B. Vel Veilchen im Januar zu finden sind; hier blüht Alles; u rechten Zwang wird es kosten, den Sommer geistig so zu benutzen, wie den Winter. Die alle Voss ist Gottlob jetzt gesund, ich war recht beängstigt; ihr Sohn aus Offenburg bei Straßburg ist mit seiner Frau schon abgereist d.h. sie braucht solch eine Hülfe u Pflege nicht mehr. Die Rechnung will ich gleich nächstens ablegen; die Zeit eilt u dieser Brief muß so bald als möglich zu Euch. Das Wetter ist immer noch frühlingmäßig. |4 Kommst Du etwa zu Ostern hieher? Ach! wie gern wollte ich Dich u den Vater hier sehen; ihr fändet gewiß die höchste Freude an den Neckar u Rheinbergen . Kannst Du mir wohl einmal den Brief von Julius mittheilen, ich ermuntere mich so gern durch fremder Leute Tugenden. Ist die liebe Gros mutter jetzt in Berlin? Sag mir doch, wo sie wohnt. Ich möchte den Thüngen einmal hinbringen, der auch hinter Folianten vergraben scheint. Wie lange blieb Welden in Baireuth? Bei solchen Fragen kann ich ja auch wohl durch Euch erfahren, wie Schelling in Erlangen lebt. Ein Professor Kastner kommt aus Bonn dahin. Kürzlich sah ich ein herrliches Schauspiel. Der Rhein brachte bei einem Thauwetter ganze Berge von Eis auf seinem Rücken entlang u das sah majestätisch aus. Eben so der Neckar. Sage doch der Emma, sie soll mir lad einmal wieder schreiben u ich verkünde ihr, daß ich nichts von ihren Sachen u Arbeiten mitgenommen habe, wohl thäte es mich freuen, wenn ich etwas bekäme. Seid ihr Alle recht vergnügt? Die Stiefel meines geliebten Grosvaters thun mir noch recht gute Dienste. Hat die Welden etwa hier eine Anverwandte? Ihr bekommt doch die Briefe, die vom Mittwoch datirt sind, immer am Sonnabend? Du siehst, ich eile gewaltig; Leb nun wohl u grüße meinen Otto u Emanuel so, wie meine geliebten Schwestern . Ich will bald neues geben. Wenn Du an die Ende schreibst, so sei auch ein Gruß von mir eingeschlossen; hier ging er durch Schwarzens Brief zu ihr. Voss u Andere, wie Paulus, grüßen Euch Alle.

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline Richter. Heidelberg, 6. Januar 1821, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0685


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Bl. 8°, 2 S.