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Möchten Sie doch den Katalog der deutschen Bäder aufschlagen, und dieses in Ihrer Gegend vielleicht wenig bekannte Bad Ihnen mit allen seinen Eigenschaften empfohlen werden , um es des Versuchs für die Herstellung Ihrer lieben Tochter werth zu achten. Das könnte uns ein sehnlich erwünschtes Wiedersehen verschaffen. Schwerlich wird mein Mann eine Rheinreise machen, wenigstens gehören wohl mehrere Jahre dazu, um das schmerzhafte der Erinnerungen einigermaaßen zu schwächen was dort die väterliche Brust durchstechen würde. Mann kann nicht immer die lebhafte Überzeugung festhalten, daß dort, wo Er der geliebte Entflohene jetzt ist, schönere Paradiese ihn umgeben, als je die Erde besitzen kann und wenn man nun die erhabenen und blühenden Paradiese der Erde, denen er so nahe war, durchstreifte – müßte da nicht jeder entzückende |2 Anblick, einen Pfeil durch das Herz bohren? Zwar habe ich viel schmerzliches unternommen bin so gar dem lebendigen Grabe des Theuern nachgereißt, habe Schritt vor Schritt die Schmerzen und die Sehnsucht nachempfunden die den armen Kranken auf seiner letzten Reise von Heidelberg zu den Eltern einnahmen – ich begreife es jetzt nicht wie ich es konnte, aber ich würde es doch wieder thun – aber es war im Dienste des Schmerzes – im Dienste der Freude, könnte ich nimmer, nimmer Heidelberg wiedersehen. Dieser Zauberort kömmt mir wie süsses Gift vor – hätten wir ihn nie gekannt!

Doch, Vortreflichster warum soll ich Sie mit den Ansichten einer beschränkten Seele bekannt machen, die viel zu einseitig urtheilt? Wenn diese daraus entspringenden Gefühle eine Zeitlang in meiner Seele vorgeherrscht habten, dann kann sie sich auch zu der des Geistes würdigen Ansicht unserer |3 großen Bestimmung zur Geisterwelt erheben und schöpft daraus die einzige Beruhigung die Allen werden muß, die sich dazu erheben könnenin diese großen Ideen vertiefen.

Sie werden gehört haben, daß unsre jüngste Tochter Odilie in Würzburg bei Herrn Heine in der Kur war. Sie ist jetzt wieder in unserer Mitte. Ein sich vor wenigen Jahren erst bildendes Übel in der rechten Seite, machte eine kräftige Gegenwirkung nothwendig. Das erst kürzlich bekantgewordene orthopädische Institut des Herrn Heine bot die schnellste und zweckmäßigste Hülfe dar – wir konnten nicht zaudern, und trennten uns auf 10 Monat lang, von dem geliebten Kinde. Es ging ihr dort wohl, sie war in der Mitte liebenswürdiger junger Mädchen, worunter sich eine Tochter des Präsidenten Pagenstecker aus Wiesbaden sehr auszeichnete. Doch |4 legte es meinem Herzen vielfache Sorgen und Kummer auf. Es war ein hartes Jahr das, [...] da es noch als Zukunft vor mir lag, mir als eine der bängsten Lebens Catastrophen vorschwebte welches folglich nach seinem Zurücklegen und mit günstigem Erfolge gekrönt, meine unbegrenzteste Dankbarkeit und Demüthigung gegen Gott erheischte. Mir ist, als wenn ich an einen tiefen verschlingenden Abgrund vorbeigegangen wäre. Doch habe ich noch zwei Jahre der gewissenhaftesten Wachsamkeit auf diese Cur zu widmen damit der erworbene Vortheil nicht wieder in sich selbst zerfalle, denn es ist natürlich, daß der zur Unregelmäßigkeit sich neigende Körper, nur durch Zwang kann der Regel gehorchen. Dann aber werde ich die Freude haben die sonst so schlanke Gestalt des lieben Kindes ohne Besorgnis den Stürmen und Pflichten des Lebens, aussetzen zu können. Der edle zweite Vater meiner Kinder wird diese vertrauliche Mittheilung im Herzen behalten aber dürfte ich etwas was das Wohl oder Unwohl der Meinigen betrift, dem edelsten Manne verschweigenVerzeihung, meiner Weitschweifigkeit, ewig verehrend Ihre

Caroline Richter.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Franz Wilhelm Jung. Bayreuth, nach dem 31. Januar 1823 In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0686


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl., 4 S.


Korrespondenz

Zu Datierung: Nach Odilie Richters Rückkehr von ihrer orthopädischen Kur in Würzburg am 31. Januar 1823.