Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Karl Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 26. Dezember 1804, Mittwoch

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Leipz. 26 Xr. 4.

Es war mir unmöglich Herrn v Geiersberg noch einen Brief an Sie mitzugeben, mein allerköstlichster Falk. Aber ich muß geschwind mit meinem Dank fürs Erste hinter drein. Sie haben mich ja überaus reich gemacht u meinen Greifen Futter auf lange gegeben, u recht nahrhaftes! Ich finde den Gang, den Sie nehmen, sehr gut u ich denke, unsere Opposition soll dadurch an Kraft gewinnen. Ein paar Erinnerungen möchte ich mir nur zuvor noch erlauben. Die erste betrift den elenden Freimüthigen. Sie legen seinen Worten, die doch nur Saulsbeckerungen sind, viel zu viel Einfluß bey u erzeigen ihm durch die hier vorkommenden Beziehungen eine Ehre, der er gar nicht werth ist. |2 Ich habe die bestimmtesten Nachrichten von allen Orten u Enden, daß das Mißvergnügen darüber in Deutschland ganz allgemein ist, u daß die Anzahl der subscribenten mit diesem neuen Jahre vielleicht über die Hälfte einschmelzen wird. Schon mit Kotzebues Abgange ist ein sehr großer Theil abgetreten, u jezt ist dies ganz unvermeidlich. Nichts will der Magister aus dem Norden mehr als bemerkt seyn. Uberdem so gehen ihm seine Leute ab. Der Mußjeh –dt (Reinhardt) den ich vor 2 Jahren hatte laufen laßen, hat sich mir jezt demüthig genähert u er ist auf immer mit M. entzweyt: Dieser hat nehmlich (wie so öfters schon) die Schändlichkeit begangen, seine ohnehin erbärmliche Recension von J. Pauls Vorschule , gänzlich in pejus zu entstellen u zu verfälschen, u, der ihm lästigen Nichtswürdigkeiten lange überdrüßig, springt er |3 jezt völlig ab. Ein Herr Engelmann Frft. a. M. hat auch seine Dienste anbieten laßen; von ihm sind mit die besten Aufsätze im Freim. Ich dächte also wir deuteten blos die Parthey an, u nähmen auf den Wicht selber gar keinen Bedacht. Dies kann ich auch wohl nicht, da ich consequent bleiben u fortan das Thier, den Hamster, ganz ignoriren will.

Meine zweite Bemerkung ist vom Platze hergenommen. Wenn ich die Anhänge aus der älteren Liter. jedesmal mitgeben soll, so nehme ich anderen Sachen zu vielen Raum weg. Ich wünschte also, Sie gestatteten mir, daß ich diese Anekdoten pour la bonne bouche zwischendurch gäbe, wie ich es convenabel fände. Die Chiffre will ich darum doch immer darunter setzen .

|4 Das kleine Gedicht von Göthe , wovon sie sagen, haben Sie beizulegen vergessen. Schicken Sie es doch eiligst nach, damit es in die ersten Blätter des neuen Jahres komme.

[...]

Das charmante Geburtstagsangebinde muß ich ja wohl bis zum Februar versparen; oder darf ich daraus den Januar machen? Ich wünschte gern bald Ihren Namen zu produciren.

Ihre Winke, des Ganges der Literatur wegen sind sehr allarmirend. Es wäre doch ein fataler Streich, wenn die Jenaische L. Z. nicht fort käme . Aber Sie haben recht, man ist nicht kalt nicht warm, u nichts schadet mehr als Halbheit. Ich habe vor 3/4 Jahren Eichstädt schon ernstliche Vorstellungen ähnlicher Art gemacht; |5 aber er hat sie mit großen Komplimenten u dem Beisatz, daß man ganz allmählig zu Werke gehen müsse, von sich gewiesen. Und nun die Wendung am Hofe zu W! Man möchte sich dem Teufel ergeben. Unterdeß soll mich das wenigstens das nicht abhalten, bey der Stange zu bleiben u das franz. Unwesen herzhaft persifliren zu laßen. Ich habe Kopf einen treflichen Kopf gewonnen, von dem der Aufsatz ist, den ich Ihnen ebenfalls beilege. Der hat Energie. Auch noch zwey gescheute Leute sind dazu getreten, so daß ich hoffe, es soll dieses Jahr recht straff angezogen werden. Auch einige mir zur Zeit noch unbekannte Berliner (trefliche Menschen), haben mir Beistand zugesagt, u ich habe jezt die Halle reiner als je. Dem Freim. habe ich zulezt durch wiederholte Beweise, daß seine Mitarbeiter meist Jungens sind, einen Hauptstoß versezt, |6 u sein Keiffen wird nun nichts mehr helfen. Überhaupt wird man mir nachsagen müssen, daß ich mich diese 2 stürmischen Jahre hindurch mit ziemlicher Kraft u Klugheit durchgebracht habe.

Der Kredit meines Blattes ist jezt mehr als je etablirt, u ich kann nun schon sicherer etwas wagen. Dazu kommt, daß ich mir ein wenig moralischen Kredit bewahrt habe, wofür die Menge immer einige Achtung behält.

Mahlmann habe ich den Brief geschickt, aber ihn in diesen wirrigen Tagen noch nicht gesprochen. Jezt sitze ich bey dem verfluchten Jahres Register.

Vom N. Jahr an erhalten Sie, versteht sich, allwöchentlich die Z. durch eine dortige Buchhandlung.

Nicht wahr Schütze ist ein treflicher Kopf? Seine Neujahrs-Rhapsodie ist ganz allerliebst.

Meine Frau grüßt herzlich wieder. Sie haben einen guten Stein bey ihr im Brette.

Adieu, liebster Falk. Viel Glück i. N. Jahr!

[...] Immer u ewig Ihr Sp.

Zitierhinweis

Von Karl Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 26. Dezember 1804, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0687


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Textgrundlage

H: GSA, 15/II,1D,13
3 Bl. 8°, 6 S.