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d. 3. August 16.

Meine innigst geliebte Caroline!

Seit fast zwey Monathen durch mein Ubelbefinden von meinem Schreibe Pult entfernt, bin ich heute dahin gehinkt, um Dir von mir Nachricht zu geben. Daß mein Haupt Übel beseitigt ist, weißt Du, aber noch leyde ich an einer bis jetzt unheilbaren, noch immer schmertzhaften Fuß Wunde (ein Knöchel der innern Seite des rechten Fußes) und harre seit einer vor 3. Tagen wieder geänderten Cur Methode auf endliche Befreyung von meinen Schmertzen, und der mir zu dem Ende obliegenden möglichsten Enthaltung von aller Fuß Bewegung.

Da indeßen meine Fuß Wunde durch die an der leidenden Stelle obwaltenden Gicht verschlimmert ist, und ich dagegen ein mineralisches Bad, auch innere Mittel aus Spießglaß bestehend, brauche, so hoffe ich endliche Erlösung von meiner mir aufgedrungenen Unthätigkeit; und werde Dir darüber sogleich Nachricht geben.

|2 Einige meiner angenehmsten Stunden verdanke ich Dir durch Einführung des Professor Köppen aus Landshut , in mein Hauß. Er hat mich zweymahl besucht, u mich im höchsten Grade interressirt, so daß ich (wenn er nicht wiederstrebte) alles anwenden würde, um ihn hier bey der Universitaet angestellt zu sehen. Aber auch bloß seine Bekanntschaft wird mir immer eine der angenehmsten Erinnerungen seyn. Seine Frau haben wir nicht kennen lernen, eben wegen meiner Krankheit. Daher er auch bloß Thee bey uns getrunken hat. Jetzt ist er nach Lübeck gereiset, u es stehet dahin, wie bald ihn seine Geschäfte daselbst erlauben werden, nach Landshut zurük zu gehen, u Dich gelegentlich, auch von dem Eindruk zu unterhalten, den ich auf ihn gemacht zu haben mir schmeichle.

Daß Minna mit ihren Kindern hier gewesen ist, weißt Du. Besonders hat mich Minona (Dein anrührendes Ebenbild) interressirt. Ubrigens ist Minna nach Strelitz u Emma in Rügen zurück, u alles wieder in seinen |3 alten Stande.

Zu den Seegnungen des Himmels rechne ich einen sehr treuen u gutmüthigen Bedienten, der mich mit hertzlicher Anhänglichkeit pflegt.

Ferner u hauptsächlich die nach langem Hader, unter großen Anstrengungen von meiner Seite, zu Stande gekommene Einigung mit meinem Bruder über unsere Vermögens Verwickelungen; u hoffe ich nur von dieser Seite, bald, obgleich als ein geschundener Marsyas aufs reine zu seyn, u meinem Tode mit Ruhe entgegen zu gehen.

Vorläufig bin ich mit dem Verbrennen aller Papiere beschäftigt, die sich bey mir angehäuft haben, und meinen Erben nur zur Last seyn würden. Auch das beruhigt mich immer mehr, obgleich die Auswahl ein sehr lästiges Geschäft für mich ist. Andere Hofnungen eines verbeßerten Wohlstandes liegen auch noch in der Ferne; u werden eben darum als ungewiß vorjetzt übergangen.

Du wirst mir Freude machen, wenn Du mir bald |4 schriebst. Auch wünschte ich eine Zeile von Ottilien . Denn Emma habe ich persönlich kennen lernen, von Max aber habe ich ein in seiner Kindheit geschriebenes Zettelchen; von Ottilien aber noch nichts, es sey denn daß sie an den Arbeiten Theil genommen, die Du mir jährlich geschickt hast, u [...] woran ich mir mit Vergnügen, einen Antheil der Emma u Ottilie denke.

Grüße Deinen Mann, u Deine sämtliche Kinder; von meiner Frau hast Du seit kurztem selbst Nachricht erhalten; u grüßt sie Dich hertzlich.

Dein
treuer Vater
Mayer

Zitierhinweis

Von Johann Siegfried Wilhelm Mayer an Caroline Richter. Berlin, 3. August 1816, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0715


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 3 ¾ S.


Korrespondenz

B: Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 28. Juni 1816, Freitag