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Baireuth den 24 ten Nov.
1825.

Hochverehrter Freund!

So schnell nach Empfang meines letzten Briefes werden Sie nicht die Bestätigung meiner traurigen Ahndungen vorausgesetzt haben. Ach wie leid war es mir Ihnen damals keine erfreulichern Nachrichten mittheilen zu können! Ich zögerte immer mit der Absendung jenes Briefes an Einen so theuern theilnehmenden Freund, weil ich glaubte, bald könne ich Ihm beruhigenderes sagen, allein von Tage zu Tage gieng es schlimmer mit dem Unvergeßlichen seine köstlichen Lebenskräfte schwanden sichtbarlich, und ich mußte mich überzeugen nur ein Wunder könne Ihn dem ihn umschlingenden Tode entreißen. Nie werde ich diese Seelenleiden vergessen die ich bei |2 die ich bei dem allmählichen Hinscheiden dieses sonst so kräftigen und sonst allen äußeren Einwirkungen trotzendem Körpers empfinden mußte. Aber er wurde, der Herrliche! der schwächste der Menschen, nur nicht am Geist, denn dieser blieb bis zum 4 Stunden langen, letzten Schlaf so hell und scharf als er es immer war, nur daß die Sprache matter, schwerer zuletzt kaum hörbar wurde. Am Morgen 10 - 11 Uhr des am Abend 8 Uhr erscheinenden Todes sprach er noch kritisch über seinen Hesperus – ermunterte einen kommenden Freund , seine Gesundheit zu pflegen – aber der Körper fiel zusammen, er konnte sich nicht halten. Er begehrte Nachmittags um 2 1/2 Uhr aus meiner Stube wo er halb sitzend halb liegend auf dem Kanapee |3 sich befand, und wo ihm immer so wohl war, in sein Bette gebracht zu werden, was er am Tage aber während der ganzen Krankheit nie hüthete, und nach dem er hier behaglich gelegt war, fiel er in einen Schlummer der sich seit vielen Wochen häufig seiner bemächtigt hatte, jetzt aber tiefer und heftiger wurde, bis endlich leise der theure Athem stockte – und für diese Erde dis göttliche Herz zu schlagen aufhörte. Bis Andachtsvoll umgaben uns noch theure Freunde die in heißen Gebeten seine Seele zum Himmel geleiteten. Unter ihnen ist Emanuel, der Jude, sein ältester und geliebtester Freund mir besonders ehrwürdig und nie werde ich jene feierlichen Stunden vergessen wo das Theuerste und Höchste was wir auf Erden besaßen |4 den großen Uebergang in jene Welt machte. Sein edles Gesicht welches im Leben sich schon so sehr verändert hatte, nahm im Tode einen Ausdruck von Ernst und tiefem Nachdenken an, als wenn Er die großen Angelegenehiten der Schöpfung nun tief durchdächte, und diesen Ausdruck behielt es bis zum vierten Tage wo Er unter feierlicher Begleitung in die Erde zu seinem geliebten Sohne gelegt ward . Beide ruhen nun so in Ihrem Grabe beisammen wie sie jetzt gewis im Himmel vereinigt sind. Dieses wehmütige Glück ist der Trost meines Lebens. Nun hat mein Kind seinen Vater wieder den es so unaussprechlich liebte, für dessen Ruhm und an der Nacheiferung seines Werthes – Er eigentlich gestorben ist.

|5 Ich werde Ihm, den theuren Seeligen ein bescheidenes Denkmal der treusten Liebe setzen lassen. Wollen Sie mir dazu eine Innschrift machen, edler Dichter und Mensch. Gerührt werde ich dieses Zeichen der Theilnahme von Ihnen annehmen, und entzükt anwenden lassen. Hier dürfen nur die Gattin und Mutter und mit ihren Kindern sprechen, der Welt gehört es an den allgemeinen Werth des Dichters und Schriftstellers zu ehren.

Noch lege ich in Ihre Hände diesen Brief an den Großherzog von Hessen-Darmstadt weil man mir den Rath gegeben wie Göthe auch bei Diesem die Gunst eines Privilegiums zu erwirken, da der Nachdruck im Hessischen so stark sein soll. Da ich nun gar nicht bekannt bin mit den Verhältnissen der |6 dortigen Regierung bin, so bedarf ich eines gütigen Vermittlers um dieses Gesuch sicher an Seine Behörde gelangen zu lassen und könnte ich einen besseren erwählen, als Sie, mein Theurer! Und finden Sie es gerathen diesen Brief unmittelbar der Post anzuvertrauen, so thun Sie, wie Ihnen gut dünkt, denn oft gebricht es den Umgebungen eines Fürsten an Muth oder an guten Willen.

Die für den theuern Verstorbenen so wichtige Angelegenheit, der Herausgabe seiner sämmtlichen Werke schwebt noch unentschieden dahin, weil der Kontrakt zwischen Ihm und Reimer in Berlin , noch nicht untzerzeichnet war. Die Ertheilung der Privilegien um die überall nachgesucht wurde, kann |7 allein die Sache der Erben vor Beeinträchtigung schützen. und Niemand kann zweifeln daß die Fürsten nicht in der Gewährung einer so gerechten Bitte das Andenken eines von den vielen Großen geachteten Schriftstellers dadurch ehren würden.

Um Vergebung bitte ich nicht bei einem so theuern Freunde, wohl aber um Seine Liebe und Seinen Seegen für mich und meine Kinder, die ihres Vaters werth sind. Möge der Himmel Ihr und der Ihren Leben beschützen, und mit Freuden ohne Maaß bekränzen. So wünscht es die ewig Sie verehrende

Caroline Richter
geborene Mayer.

|8 Ein Freund gab mir den Rath an den in Darmstädtischen Diensten stehenden Herrn von Grolmann zu schreiben. Ich kenne seinen Titel und Rang nicht, sollte er aber ein Sohn des in Berlin stehenden Tribunals Präsidenten von Grolmann sein so wäre er der Sohn eines Freundes und ehemaligen Collegen meines Vaters, des Geheimen Ober Tribunals Rath Mayer und es könnte nicht ohne Wirkung auf ihn sein, wenn man ihm dies in Erinnerung brächte, vielleicht gelänge es Ihnen durch Ihre gewis sehr ausgebreitete Connexionen! Wenigstens geben Sie mir Ihren Rath.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Franz Wilhelm Jung. Bayreuth, 24. November 1825, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0736


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 8 S.

Überlieferung

D: Persönlichkeit, S. 372, Nr. 352 (unvollständig).