Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Heidelberg, 30. Oktober 1821, Dienstag

Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
Heidelberg d. 30. Oct.
1821.

Recht herzlich danke ich Ihnen, liebe Freundin, für Ihren lieben Brief , der mir die Nachricht Ihrer glücklichen Zurückkunft und so V v ieles mittheilt, was mein Intereße lebhaft anspricht und meinen Wünschen entspricht; Gott Lob! es können noch viele Wünsche für Sie Alle erfüllt werden, wenn gleich einer in Gottes Willen unerfüllt bliebt, nehmlich so, wie wir Sterbliche ihn erfüllt sehen wollten; zum Seelen-Seegen in innigem Besitz; ist der liebe Max nicht verloren und um keinen Preiß würden Sie Alle und alle Ihre Freunde für Sie, nicht sein Daseyn unter Ihnen, nicht unterblieben gewesen wünschen, da es in der irdischen Erscheinung, nur auf so kurze Zeit, Ihnen geschenkt war. Bey mir, wie bey allen Ihren wahren Freunden, wird Er fortleben und genannt oder ungenannt, denken Sie Sich dieses liebe Wesen, in treuen Andenken behalten, in dem Grundton jedes gegenwärtigen oder entfernten Zusammenseyns von mir mit Ihnen.

Hier finden Sie eingeschloßen, einen Brief des guten H. Voss ; auch von mir, sagen Sie Ihrem lieben Mann, das herzlichste, Freund- |2 schaftlichste, und wie viel ich im Geiste bey ihm bin und wie gern ich dem seinigen und seinem Herzen, jetzt alles das wieder zugeben zu können wünschte, was er so vielfach aus der reichen Quelle seines Geistes und seines Herzens, andern und auch mir schenkte. Sagen Sie Emma, daß Sie mich nicht so liebt wie ich es wünschte, da ihre Feder noch erst an sich und an mich dächte und der Ungewohnheit wegen schwieg, wenn gleich der Weg von Herz zu Herz unter uns gebahnt ist. Immer noch thut es mir leid, die liebe Ottilie nicht hier gesehen zu haben. Dem lieben guten Schwarz, hat es sehr wehe gethan, so wie seinem ganzen Hause, das in wahrer gemüthlicher Liebe, Ihrem lieben Max mit dem Herzen umfaßte und in welchem er auch kindlich frohe Stunden verlebte, obgleich seltner, als man ihn mit offenen Armen erwartete und empfieng, daß man Sie da, wo sie waren, verhinderte, am Wiedersehen; denn Ihre Heiserkeit wäre doch nicht gefährdet gewesen, wenn man Schwarzen vergönnt hätte, dorthin zu Ihnen zu kommen, oder noch des morgens vor Ihrer Abreise; seinem Herzen lag noch so viel daran, Sie zu sehen und nicht sowohl mit, als zu Ihnen zu sprechen, weil er nicht Trost, denn diesen hatten Sie in Sich, aber einige Stärkungsworte, gewiß war, Ihnen sagen zu können, sowohl [...] durch den Umgang seiner Söhne mit dem lieben Max, als auch durch den letzten Besuch, den er selbst, bey ihm machte, als er erfuhr, daß er krank sey und wo er sehr ausführlich mit ihm sprach. Mit unendlicher Liebe spricht Schwarz von dem lieben Max, er sagt, daß so wie viele Jünglinge ihren Tod beschleunigen, durch praecipitiren des körperlichen Lebens, so hätte er den seinigen herbeygeführt, durch praecipitiren des geistigen inneren Lebens. Aber wie sehr, geliebten Freunde, müßen Sie nicht bey allem trauern, einen heitern hellen Blick auf einen Sohn werfen, der so war, wie, er! Die H. R. Dapping war zu zart um unsre Zusammenkunft zu stören, erblickte Sie aber mit inniger Liebe bey Ihrem Eintritt. Ich gedenke so Gott will, noch 10. bis 12. Tage in dem lieben Heidelberg zu bleiben und dann über Frankfurth meiner Schwester bey Gotha einen Besuch zu machen und auf dem Weg nach Hause, mit meinem guten Otto zusammen zu treffen, von dem ich Gott Lob recht gute Nachrichten von seiner intereßanten Reise in Schottland vom 14. d. M. erhalten habe; zu Ende dieses Monats, gedachte er mit Gottes Hülfe wieder nach |3 London zurück zu seyn und dann die Heimreise anzutreten. Ich verlebe hier unaussprechlich, Gott Lob glückliche Tage und spürte die innige Zuneigung meiner hiesigen vielen befreundeten Seelen noch in neuer Beziehung, bey Gelegenheit eines unerhörten Verdrußes, durch dem unverschämten Carowé; Tags darauf nachdem er gegen meine Erlaubnis in meine Stube, Sie begleitent, treten wollte, obgleich ich seinen Besuch früher schon verweigert hatte, sehr dazu berechtigt, durch sein Betragen gegen meinen Sohn der so wenig, als auch Ihr lieber Mann, als wir in Baireuth davon sprachen, es für möglich hielt, daß er mir hier unter die Augen treten würde, erhielt ich von ihn einen Brief , durch den er nicht nur bey mir sondern auch bey allen Männern von Gewicht an Geist und Herz, seinen Character auf der unvortheilhaftesten Seite darstellt, unter andern führt er die verkehrtesten Beweggründe an, warum er den Dolch nicht zurückgab , selbst wiederholend, daß ihm mein Sohn endlich gesagt, "er möchte den Dolch wiedergeben wenn er seine Freundschaft nicht verlieren wolle". Verwundert habe ich mich, daß Sie dasjenige was Gewißenhaftigkeit mir gebot, nehmlich nach den ungemeßenen Empfelungsbrief an Carowé , Ihnen sogleich auch bekannt zu machen, daß sein gutes Betragen sich verwandelt hatte , anstatt für sich allein wie es treue Freundschaft bestimmte zu behalten, Carowéen so zu Ohren kam [...] daß es wie ein Scherz wurde; er schreibt mir in seinem Brief erst später habe er erfahren welche Wendung die Sache genommen und gebraucht dabey die Worte "ich reißte ab und der Steckbrief (wie ihn Frau Legationsräthin Richter scherzend nannte) welcher mir nach Baireuth und von dort nach München nachgeschickt wurde" Warlich hätte ich nicht geahn det et d aß Sie so, eine Sache behandeln würden welche Freundschaft Ihnen heilig seyn laßen sollte. Carowés Brief an mich unter der Bemühung ihn zu beantworten anzusehen und zu laßen, fanden die Mitleser deßelben angemeßen, ich meinte aber, es bedürfe doch einer Berichtigung sowohl seiner Angaben, als auch seines Beschwerens daß ich ihn nicht sehen wolle und schrieb ihn einen Brief, der, als ihn gleich er mir ihn mit einen impertinenten Billet wieder zurückschickte, von allen die ihn laßen den ungetheiltesten Beyfall erhielt; in diesem Billet sagt Carowé, daß er [...] das e rste Mal nur allein deshalb zu mir gekommen sey um ein Mißverständnis zu lüften (niemand erblickt bey dieser sehr klaren Sache ein Misverständnis), und das zweyte Mal, nur um Sie, "Ihrem |4 Wunsche gemäß, zu begleiten" – dies ist der wörtliche Ausdruck seines Billets.Ich kann Ihnen nicht genug sagen, wie dieser ganze Vorfall als [...] häßlicher Meteor in der wohlwollenden Atmosphere in welcher mein Gemüth hier so vielfach und reichlich beseligt wird und in welcher ich überall Mitfeyer des Andenkens an meinen geliebten so weit entfernten Sohn finde, in meine glückliche Stimmung wie ein Riß in einen klaren Spiegel eindrang, aber Dank sey es der Liebe die mich hier von so vielen Gemüths seiten umgiebt, es war bald wieder in mir verarbeitet und das auch von den verschiedenartigsten Seiten her bekräftigte eigene Bewußtseyn, daß ich durchaus recht, mich in dieser Sache benommen habe entfernte den Herrn Carowé bald wieder in meinen Gedanken, so weit als es sein Betragen verdient.Daß ich Ihnen dies alles sagte, ist sehr natürlich; wißen mußten Sie es doch, dies war ich mir selbst schuldig; also dieser letzte Theil meines Briefes ist für Ihr Wißen; der erste aber war und sey Ihrem Gefühl bestimmt, diesem sage ich noch als Schlußwort, daß ich bey alle dem glaube daß Sie mich lieben und nie im Stande sind, mir wißentlich einen Verdruß zu veranlaßen.Alle von Ihnen mir aufgetragenen Grüße, habe ich Ihnen vielmals zu erwiedern. Wenn ich wieder die Freude haben werde Nachrichten von Ihrem allerseitigem Befinden, das ich recht gut wünsche, zu erhalten, bitte ich Sie, den Brief nach Ichtershausen bey Gotha, abzugeben, bey der Fr. Gräfin von Werthern zu adressiren. Von dem letzten 4.ten des M. Nov. an werden mich aber wahrscheinlich Ihre Briefe wie gewöhnlich in Dresden antreffen. Allen denen die in Baireuth freundlich meiner Gedenken bitte ich viel freundschaftliches von mir zu sagen und Sich Selbst nochmals

Henriette Ende

Zitierhinweis

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Heidelberg, 30. Oktober 1821, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0746


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S. Text auf S. 4 über und unter der Adresse: An | Frau Legations-Räthin Richter | geborne Mayer | zu | Baireuth | frey. Poststempel: H.1 HEIDELBERG ; Siegelreste