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Dresden den 10. ten Febr.
1821.

Eine wahre Freude, ist es für mich, jetzt in diesem Augenblick zu wißen, daß Sie, meine vielgeschätzte und geliebte Freundin, durch die mir zwar nie gnügende Feder, recht bald wieder mit wohlwollenden Gefühl Nachricht von mir vernehmen werden, und mir es sodann sagen werden; die Sehnsucht darnach, macht endlich den Uebergang des immerfort im Andenken, lebendig sich vergegenwärtigenden Daseyns der Personen, die man liebt, auf die Leere eines Bogens Papier, der mich sonst gar nicht anruft, wenn ich mich im Bewußtseyn des Reichthums sehr lieber Verhältniße meines geistigen Lebens, umfaßender glücklich fühle als die Reihefolge geschriebener Worte aufnimmt; daß Ihr lieber Mann und Ihre lieben Kinder mit Ihnen auch hierin vereinigt sind, wißen Sie, meine theure Freundin, Sie alle sind immer in einem Gedanken mir gegenwärtig der liebe Max in Heidelberg gar wohl mit inbegriffen; ich freute mich ihn vom K. R. Schwarz in seinem |2 letzten Brief "Ihren vortrefflichen Sohn" genannt zu sehen und einen freundlichen Gruß von ihm zu erhalten; ganz fühle ich Ihr Gott zu verdankendes Elternglück den entfernten lieben Sohn so im Gedeihen zu wißen, Gott erhalte es dabey! Dies wünsche ich von ganzen Herzen.

Recht herzlich danke ich Ihnen für Ihrem lieben Brief vom 20.sten Dec. v. J. wenn nur die Briefe die einem recht freuen nie eine letzte Zeile hätten, denn das Ende dieser, schneidet einen großen Genuß ab, man möchte so gern immer noch mehr von den süßen Worten der Freundschaft hören, welche der Grundton jeder Zeile solcher Briefe sind.

Was die Aufschrift dieses Briefes: "Gedruckte Sachen" betrift, verhält es sich damit folgendermaaßen. Man brachte mir nehmlich heute Bänder zum Verkauf, die ich nicht beachten wollte, allein eine mir neue Art Pariser Band zog durch seine hübschen zu jeder Kleidfarbe paßenden Farben meinen Blick so an, daß ich welches davon nahm, und nun dachte ich, daß etwas so e E infaches und durch seine Dünne einen Brief nicht zu sehr Beläßtigende r s , in so freund- |3 lichen Farben, die Ihnen zum baldigen Eintritt des Frühjah [...] r 's, mancher hübschen Blume Farbe, die Sie dieses Jahr erfreuen soll, im Voraus in Verein neben dem weißen Felde zeigt, Ihnen und Ihren lieben Töchtern vielleicht gefallen [...] könnte , und daß es mich recht freuen würde, beym Tragen dieses Bandes das Gleiche auch bey Ihnen zu wißen, bereicherte ich mich sogleich mit mehreren um es diesen Brief es, für Sie und Ihre beyden lieben Töchter mit beyzufügen; nur war die Frage, wie es am wohlverwahrtesten, jedoch nur in Briefform, abzuschicken wäre und da verband sich denn bald die Erreichung dieses Endzweck's, mit der Erinnerung daß ich neulich, als mir der Stadtrichter D. Volckmann in Leipzig, einige Exemplare seines Aufsatzes zur Feyer des ersten Stiftungs-Festes des evangelischen Mißions-Vereins in Leipzig, zuschickte, so lebhaft wünschte, diesen intereßanten Aufsatz Ihrem lieben Mann mittheilen zu können und hier erfolgt nun der Aufsatz, mit dem Bande umwickelt, Sie werden Ihn gewiß aller- |4 seits nicht ohne Intereße lesen, auch "des Verein's Wollen" wie es in den 6. Sätzen am Schluß ausgesprochen ist.

Die arme Gräfin Vitzthum, mit herzlicher dankbarer Liebe Ihrer eingedenk, ist immer noch nicht am Ziel; nachdem sie das Anerbieten eines ansehnlichen Jahrgeldes von ihrem Mann, unter der Bedingung, auf ihr ganzes Vermögen auf immer Verzicht zu leisten, nicht eingehen konnte, denn wenn ihr Mann starb was seiner Gesundheit nach bald geschehen kann, hatte sie gar nichts, denn von ihren Kindern konnte und würde sie, das Ausgemachte jährlich nicht erhalten haben; in fünf Wochen ist ein Vorbescheid angesetzt, jetzt geht sie wieder nach Leipzig, denn der Aufenthalt in Dresden paßt jetzt nicht für ihr unausgesprochenes Verhältnis; während ihres Hierseyn's habe ich mich herzlich ihrer Besuche bey mir gefreut; bey Gelegenheit der Besuche, nehme ich recht gern in diesen Zeilen an Sie, eine Erwähnung auf, eines Besuches den ich diesen Nachmittag von einer Familie erhielt, die ich sehr lange nicht gesehen hatte, der Vater erzählte mir, von den Drangsalen des Krieges, die er auf seinen Gütern ausgestanden, als die Retirade durch dieselben |5 gieng und wie seine Angst und Sorge natürlich am Meisten seine nun seit vorigem Jahr verstorbene würdige Frau und seine Töchter betraffen, daß aber eben diese, jeder Gefahr entkamen, weil gewöhnlich, die wild in das Haus eindringenden Krieger, die fromme Mutter kniend im Gebet mit ihren Kindern in dieser großen Angst, antrafen, ja sie verstanden sich sogar dazu, die Mutter mit den Töchtern in den benachbarten Ort, in Sicherheit zu bringen, aber der Vater als Guthsherr, ward gezwungen zu bleiben.

Recht weit bin ich schon in meinen Brief und noch steht kein Wort des Dankes, [...] in demselben, für das so schöne Wort "Freundin" mit welchem Ihr lieber Mann meiner in seinem Aufsatz über Löbichau gedachte , sagen Sie ihm aber, daß ich nicht eitel genug bin, um mich über diese ehrenvolle Bezeichnung mehr zu freuen, als ich mich schon längst wahrhaft geehrt durch den Besitz seiner Freundschaft finde, Sie fragen mich, nach meinem Urteil über diesen Aufsatz? mit innigen Vergnügen ergötzte ich mich an der so lieben |6 Jean Paul's Feder, aber ein Paar Aber, wegen den Vergleich mit den Loretto-Häuschen-Engeln , mit den Löbichauern und dann wegen den in Spas und Scherz aufgestellte Erndtefestpredigt-Tittel und Gewand , würde ich schon geltend zu machen, wenigstens versuchen, wenn ich den lieben Verfaßer vor mir sähe. Aber (und zwar ein ganz andres als die vorigen Aber) wo könnte meine Feder Worte finden, den ganz unvergleichlichen Aufsatz im Komet, "Traum über das All" genugsam zu preisen, im wahren Himmel, war da seine Feder getaucht, als er dies schrieb; ich war ganz durchdrungen von F E rbauung und Freude darüber und über den herrlichen Uebergang und Jemand den ich diesen Aufsatz bey mir zu lesen gab, war so entzückt darüber, daß er dieses Aufsatzes wegen, das ganze Buch sich zu verschaffen beschloß; das Buch selbst, habe ich erst, zu lesen angefangen.

den 11. ten. Indem ich heute meinen Brief fortsetze, habe ich Ihnen und Ihrem lieben Mann, |7 recht herzliche Grüße von Tiedge auszurichten, er erfreute mich diesen Nachmittag wieder mit seinem Besuch, nachdem er lange an der Rose krank gewesen; mit Begierde nahm er die Mittheilung des Ansatzes "Traum über das All" von mir an und mit sich fort, da er denselben nicht gleich bey mir lesen konnte und dadurch werden noch v V iele mehr, den Genuß dieses herrlichen Aufsatzes haben, der andern nicht zu gedenken, die zugleich auch so sehr erhebend und erfreulich sind.

Mein Sohn empfielt sich Ihnen allerseits auf's Angelegentlichste; er thut diesen Monat den Dienst als Kammerjunker, bey unsrer Königin, nachdem er ihn im vorigen gleichfalls beym König gethan, dies und die seinem Alter angemeßene Theilnahme an den Winter-Vergnügungen, veranlaßte, daß er ein Quartier in der Stadt selbst haben mußte, aber jeden Tag, mit seltenen Ausnahmen, bringt er mehrere Stunden bey mir auf den Garten zu, was auch Gott Lob seiner Gesundheit sehr zuträglich ist, bey den vielen Wachen und Tanzen des Stadtlebens und dann findet er zwey Mütter |8 beysammen, mich und die Natur. Ich bin meiner ruhigen Lebensart treu geblieben und wenn ich auf einige Stunden die Hofbälle besuche, genieße ich das Zusammentreffen mit vielen Bekannten, mit desto frischern Sinn und bin dann fast die ganze übrige Woche zu Hause und freue mich, in der mich umgebenden Stille der freundlichen Besuche die da kommen. Heute früh hörte ich eine sehr schöne Predigt von Ammon "Ueber die Stunden der Verklärung, in dem Leben guter Menschen."

Eine Ausnahme gedenke ich, wenn nichts dazwischen kömmt, für den 5.ten März zu machenwo ein sehr brillanter Maskenbal in einem uns befreundeten Hause gegeben werden soll, es freut dem Herrn vom Haus, mich da zu führen und dadurch selbst nicht sogleich errathen zu werden, da unsre gemeinschaftlichen Bekannten, mich nicht dort vermuthen werden, weil ich noch keine solche Ausnahme gemacht habe; ich habe mir ausgedacht, das hübsche Costume einer römischen Frau vom Lande, zu nehmen. Das arme Neapel in seinem jetzigen so bedrohten Zustand dauert uns sehr und der Krieg mag anfänglich nur jene fernen schönen Gegenden betreffen, so sind seine Folgen |9 doch gewiß nicht zu berechnen; die berühmte Le Normand in Paris , hat diesen Sommer, einen meiner Bekannten, sehr auffallend zutreffende Dinge über ihn selbst gesagt und daß wir in diesem Jahre, sehr viel Außerordentliches sehen würden, aber im Jahr 1823. würde alles drunter und drüber gehen und alle gegeneinander.

(Auch ich sagt' es längst)

Ich muß Ihnen noch sagen, warum ich Ihnen auf dieser Farbe schreibe, sie soll so die beste für das Schreiben bey Licht, zur Schonung der Augen seyn und wirklich habe ich es bisher bewährt gefunden. Nun setze ich gleich noch eine gemachte Erfahrung hierher, nehmlich welchen wohlthätigen Einfluß auf die nächtliche Ruhe, eine niedrig über das Kopf-Drittheil de s r Bett e - Länge befestigter Teppich ist, welcher auf den Wandseiten an denselben befestigt und an der schrägen Seite, über ein ihm zur Stütze dienendes Holz herabhängt, aber nur ohngefehr eine Elle hoch über dem Kopf, und zwar schräg, vorn niedriger, muß dieser Teppich seyn; so unangenehm ein Vorhang-Bette in vieler Rücksicht ist, so angenehm ist jenes Asile welches die |10 Aussicht frey läßt und über den Kopf besonders beschirmt, wie ja auch die kleinen Kinder in der Wiege es werden und wie fast jedes Geschöpf im Freyen sowie in Gebäuden es aufsucht, wenn es ruhen will; ich bin zu dieser Wahrnehmung, die zum deutlichsten Bewußtseyn bey mir gelangt ist, dadurch gekommen, daß ich mein Bette auch im Winter nicht von dem Fenster durch welches ich von demselben aus, eine herrliche Aussicht in's Freye habe, wegsetzen laßen wollte und doch der Läden und Vorhänge ohngeachtet, Zugluft befürchten mußte, und da ward ich denn sehr bald gewahr, daß die dazu gemachte erwähnte Vorkehrung, noch in ganz andrer Beziehung so wohlthätig ist und es trift zusammen mit der längst aufgestellten Bemerkung, daß im geschloßenen Raum, die Höhe der Luftsäule die auf uns ruht, uns, nachdem sie groß oder klein ist, mehr oder weniger belastet und unmerklich drückt; ich gedenke bey dieser Gelegenheit des scherzhaften Einfalls, den eine meiner Freundinnen hatte indem sie jene Bemerkung gehört und mich derselben beypflichten sah, indem |11 ich ihr versicherte, daß ich viel lieber in dem niedrigen Zimmer, worin sie sich gewöhnlich aufhielt, als in den sehr hohen, wo wir auch miteinander zuweilen waren, mich befände; sie sagte nehmlich, wir könnten ja, wenn wir in den hohen Zimmern auf den Sopha säßen jede einen aufgespannten Regenschirm in der Hand, über uns halten, um die Luftsäule zu erniedrigen.Ich habe meinen Thé ganz allein getrunken, beym Schreiben dieses Briefes, aber ist es nicht, als ob wir zusammen, an Ihrem traulichen Thé-Tisch säßen, so nahm meine Rede freyen Lauf.Ich bitte Sie, der Fr. v. Welden recht herzlich in meinem Namen zu danken für das freundschaftliche Andenken, das sie mir bewahrt.

Montag, d. 12. ten. Nun sage ich Ihnen und allen Ihren Lieben, ein recht herzliches Lebewohl und nochmals wie theuer mir Ihre Freundschaft ist und wie sehr ich mich freuen werde, bald wieder ein Wörtchen von Ihnen zu erhalten. Auf ewig

Ihre Ihnen herzlich ergebene

HEnde.

Zitierhinweis

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Dresden, 10. bis 12. Februar 1821, Sonnabend bis Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0749


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
3 Dbl. 8°, 11 S.


Korrespondenz

Ursprünglich war das Paket mit der Aufschrift "Gedruckte Sachen" versehen.