Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Johann Siegfried Wilhelm und Henriette Mayer an Caroline Richter. Berlin, 19. bis 21. März 1810, Montag bis Mittwoch

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Berlin d. 19. März 10

Meine liebe Caroline!

Es ist nicht Deine Schuld, wenn ich Dich heimlich über Dein langes Schweigen anklagte. Minna hat Deinen Brief vom 8. Febr. nahe an drey Wochen liegen lassen, und sich durch Vergeßen deßhalb entschuldigt. Es hat mich daher sehr beruhigt, als ich Deinen Brief empfing. Denn so sehr es auch in der physischen Welt in der Ordnung ist, daß mit Abnahme des Tages die Schatten immer länger werden; so soll es doch unter uns nie so seyn, so wenig als es dürfte ich mich daher auch nie mit der Außicht schmeicheln, uns wieder einmal in die Arme zu fallen, so wird doch das durch Natur und wechselseitig bisher durch Sympathie geknüpfte u unterhaltene Band der innigsten Liebe nicht, und nie, und durch nichts zerrißen werden.

Die Entschloßenheit Deines Mannes seine Unab- |2 hängigkeit nicht aufzuopfern, ehre ich, da sie mit der Sorge für Dich u die seinigen gleichen Schritt hält. An bedrükende Bedingungen für den Verkauf seiner Freyheit ist ohnehin nicht zu denken. On vit ici du jour á la journée . Bleibe also alles beym Alten. Bin ich einmal bezahlt (ich habe über 4000 zu fordern; u schon 1200 rth Schulden bezahlt) so habe ich gewiß die Kosten einer Her u Rückreise für Dich nach Berlin übrig; u das soll mir ein freudiges Opfer seyn.

Daß ich Dir über die Familie A. nichts gesagt habe, wirst Du begreifen, da hier kein Mensch etwas von Verstimmung derselben weiß.

Minna ist sehr glücklich durch Deines Mannes Urtheil, der sie nach M me Staehl rangire . Mag sie dahin streben, deren Celebritaet nicht nur zu erreichen, sondern auch zu verdienen. In der Ubersetzung der Briefe der Dame Lepi- |3 nasse habe ich ihr selbst Glück gewünscht. Die Probe in der eleg. Zeit. ließt sich wie ein Original.

Sollte ich in meinem vorigen Briefe den Dank an Emma für ihren kleinen Brief vergeßen haben, so sage ihn ihr noch. Er hat mir viel Freude gemacht.

Julius fährt fort brav und fleißig zu seyn, u sollte ich es zwingen können, so werde ich ihn studieren laßen. Er ist voller Talent, u application, u wird sich selbst als Cantzley Mensch aus zeichnen.

Meine Zeit erlaubt mir nicht mehr zu schreiben.

Grüße Deinen Mann u küße Deine Kinder.

Dein
treuer Vater
Mayer

d. 21.

Eben habe ich den Geheimen Rath Klein mit zu Grabe begleitet. Er ist in der Nacht vom 16 -17. an Entkräftung gestorben. Friede sey mit seiner Asche. Er war bieder u brav.

Sie sagen in Ihren letzten Briefe an mich ."Wenn Sie mir gut sind, so schreiben Sie mir bald wieder."

Dieser Aufforderung kann ich nicht widerstehen; Es ist ein Irrthum von Herrn Braudin , wenn er meint, ich hätte darüber geklagt daß Sie nicht fleißiger schrieben, das war Ihr Vater, dem Ihr letzter Brief sehr spät anlaufte weil er in Leipzig vergeßen war, und sich über Ihr Stillschweigen ängstigte;

so sehr ich mich auch auf jeden Ihrer Briefe freue, so wäre es doch unbescheiden wenn ich über ihre Seltenheit klagte, da ich nicht fleißiger im Schreiben bin, und mir wohl denken kann, daß Sie dazu wenig Zeit übrig haben.

Leben Sie wohl beste Caroline und zweifeln Sie nie an der Liebe

Ihrer treu ergebenen
Freundin. H. Mayer

Zitierhinweis

Von Johann Siegfried Wilhelm und Henriette Mayer an Caroline Richter. Berlin, 19. bis 21. März 1810, Montag bis Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0751


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 3 S. von Johann Siegfried Wilhelm Mayer, 1 S. von Henriette Mayer