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Korrespondenz

Von Ernestine Mahlmann an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 2. und 6. Februar 1805, Sonnabend und Mittwoch

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Leipzig. den 2ten Februar. 1805

Um Ihnen, mein geliebter Vater, zu schreiben, stehle ich dem kleinen Richard, den mein Mann, so lange Minna am Scharlachfieber krank liegt, die Güte hatte, in sein Haus zu nehmen die Minuten. – Das kleine Wurm kann meiner nicht lange entbehren. –

Der Himmel will eimal alles Elend über die arme Minna ausschütten. Darum mußte nun noch eine so böse, allen menschlichen Trost verschmähende Krankheit über sie kommen. Doch ist das Fieber, nach Versichrung des Arztes nicht bösartiger Natur, und keine Gefahr zu befürchten.

Die ältern Kinder, Julius, Emma und Minona waren schon beym Ausbruche von Spaziers Krankheit , in die Häuser theilnehmender Menschen aufgenommen! – Wie wir denn überhaupt in diesem Leiden, wieder den Glauben an Menschen gestärkt erhielten. Minna hat Theilnahme erfahren, wo sie kaum zu erwarten war, und diese Teilnahme, und diese ist wohl er einzige Trost, in ihrem Unglück. Noch jetzt sind die Kinder nicht wieder zu ihrer Mutter |2 zurückgekehrt – an dem Tage wo es geschehen sollte, legte sich Minna. Es ist daher die Meinung in der Stadt allgemein, als wären die Kinder, in jenen Familien völlig als Eigenthum angenommen. – Aber, obgleich einige andere Familien würklich ein solches Erbieten, auf die zarteste Weise an Minna richteten, namentlich Herr Voß, der sein Pathchen Minona haben wollte, und außerdem die Gattinn eines hiesigen Buchhändlers Madame Reclam , welche sehr geneigt war den kleinen Richard zu behalten da sie reich und kinderlos ist – so wird sich doch gewiß Minna ihrer Kinder nicht entäußern, solange sie noch irgend Brod für sie hat. – und – träte je eine so traurige Alternative als nothwendig ein, so sind ja noch ihre nächsten Verwandten am Leben! –

DenDas Julius, von seinem sterbenden Vater der Fürsorge des Profeßor Tillich übergeben ward , hat Ihnen mein Mann schon geschrieben. Die Augenblicke, in welchen Spazier diesen seinen lezten Willen hinterließ, waren |3 nach langer Zeit die ersten in welchen er Zeichen des völligen Bewußtseyns von sich gab. Denn bis zwey Tage vor dem Tode , lag er im völlig bewußtlosen Zustand, doch umschwebten ihn die heitersten Bilder und kein Gedanke der Gefahr, des nahen Todes, der traurigen Zukunft seiner Hinterbliebnen kam über ihn. Bis er endlich an einem Morgen, wie aus einem langen Schlummer mit der Frage erwachte: "es stehe wohl sehr schecht mit ihm"? In der Nacht dieses Tages, wo der Profeßor Tillich bey ihm wachte, sprach er zuerst Worte, über die nahe Trennung von seinen Kindern. Er verlangte den Julius zu sehen, so wie die andern Kinder ; aber man suchte ihn diese Idee auszureden, weil noch immer in der Hoffnung auf Rettung, jede Gemüthsbewegung vermieden werden sollte. Er sprach gefaßt und ruhig darüber, wie er wünsche daß der Profeßor Olivier für die Erziehung seines |4 seines Sohnes sorgen möge. Tillich, der braveste edelste Mensch, den es auf der Erde geben kann, gelobte ihm in Oliviers Seele, treu sich des Sohnes anzunehmen. Nur da ward Spazier weich – als er seiner Feinde gedachte – und Tillich bat – nach seinem Tode – an diese zu schreiben. Merkel war der einzige de auf den er namentlich hinwieß. Sonst gegen Niemand, selbst nicht seiner Gattinn, die flehend ihn bat, auch ihr einen lezten Willen zu hinterlaßen, sagte Spazier ein Wort des Scheidens. Nur in Mienen und Blicken, in der zartesten Sprache der Liebe, äußerte sich bis zum Tode, die unendliche Liebe zu Minna; und er hat vielleicht durch diese lezte höchste Besonnenheit und Schonung gegen diese Minna, eine Reihe von Unbesonnenheiten seines frühen Lebens – die er ach! nur zu hart büßen mußte – wieder gut machen wollen! –

So ist denn endlich der Zeitpunkt da, vor welchen |5 vor welchem jedem der Spaziers Lage genauer kannte, längst schauderte; – die traurige Zukunft die man so gern recht weit hinausrücken mogte.

Wenn Sie nach Minnas Verbindungen fragen – und besondre darunter meynen, so kann ich Ihnen versichern, daß gar keine solche existiert. Minna hat in den lezten Jahren, wirklich Alles gethan, zum die Kränkung, die Spaziers Herz, meist durch sie erfuhr, wieder gut zu machen. Und in ihren Kindern, und in den Beschäftigungen, die ihrem Geist neue Nahrung gefunden gaben – Stoff gefunden die Unruhe, die sie immer zu etwas Neuem treiben möchte, so viel als möglich zu stillen.

Was die Idee eines zu errichtenden Erziehungs-Instituts betrift, so ist mein Mann mit mir darüber einig, daß Minna nicht für ein solches Unternehmen paßt. – Auch weißt sie selbst diese Idee mit Wiederwillen zurück.

Welch ein Glück ist es, daß Minna in meinem Manne, doch ein Wesen gefunden |6 daß sie so treu mit Rath und That unterstüzt. Wer würde sich ihrer wohl annehmen – wenn er nicht wäre! Wenn ich dieß, und ich hoffe auch Minna, sehr dankbar erkenne, so kann mir es doch auf der andern Seite nicht erfreulich sehnyn, auch nur in der Idee, meinen Mann mit Sorgen beladen zu seynhn, die um meinet – und meiner Familie willen. Die heiterste sorgenfreyeste Existenz, die ihn von Kindheit an zu Theil ward – gaben ihm das Recht und das Bedürfniß auf keine Störung derselben – und ich möchte sie ihm um keinen Preis schmälern. wollen. Auch wird Minna gewiß nicht mehr verlangen als was in seinen Kräften steht; da es ihr bekannt ist, daß er selbst Familie hat, – eine Schwester mit drey Kindern, die über kurz oder lang auch in dem Fall seyn werden Erleichtrungen ihrer Lage von meinem Mann zu erwarten. Und für mich, wenn ich auf das |7 sehe was Klugheit und Pflicht gebieten kann wohl die Entscheidung nicht schwer seyn, auf welcher Seite ich mich neigen muß. –

Jetzt, mein geliebter Vater, habe ich wohl Alles erschöpft, was Sie zu wißen wünschten. Wollten Sie die Güte haben der Tante Merzdorf, aus diesem Briefe das mitzutheilen, was sich hierzu eignet – so würden Sie mir einen Gefallen erzeigen. Ich muß ihr noch selbst schreiben, doch habe ich zu einem ausführlichen Briefe nicht mehr Zeit.

Ich höre von Madame Cray , daß Ihre liebe Frau noch immer kränkelt! Wollen Sie die Güte haben, sie meiner Theilnahme zu versichern? Leben Sie wohl, mein geliebter Vater, und so glücklich als das Leben es zuläßt. Ihre

treue Tochter
E'. M.

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Am 6ten Februar. 5.

Da mein Brief bis heut liegen geblieben ist, so kann ich geschwind noch hinzufügen daß meine gestrigen Unpäßlichkeit, gewiß vorüber gehend seyn wird. Ich befinde mich ungleich beßer.

Zitierhinweis

Von Ernestine Mahlmann an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 2. und 6. Februar 1805, Sonnabend und Mittwoch. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0754


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 7¼ S.