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Dresden d. 25. Dec 1822.

Schon längst hätte ich Ihnen, geschätzte Frau, geschrieben, wenn das Schreiben gleichen Schritt mit dem Gedanken an entfernte liebe Freunde hielte; dieser ist nicht der Zeit, mit ihrem allmäligen Aufrollen deßen was wir zu thun haben, unterworfen und wenn endlich die Feder zum Brief in der Hand ist, eilt doch der Gedanke immer voran und erst am Schluß dieser Zeilen ist ausgesprochen, was ich schon in diesem Augenblick im Geist Ihnen sage; so werthen Freunden, möchte man gar zu gern, Dank, Theilnahme und Mittheilung, gleichzeitig aussprechen, zumal wenn ein langer Zeitraum zwischen den Briefen mit diesem allen noch auszufüllen ist. Ihr und Ihres lieben Mannes freundschaftliche Gesinnung für mich, hat mir, hoffe ich, schon abgefühlt und aufgenommen, was ich meine und so ist denn also schon Vieles unter uns abgehandelt. Ihr lieber Brief und die an demselben befindlichen Zeilen Ihres |2 lieben Mannes , haben mir viel Freude gemacht und ich danke herzlich dafür; letztere waren mir ein recht willkommener Nachhall, des großen Vergnügens welches ich hatte und noch habe, daß er in Dresden war; es gereicht zu einiger Zufriedenheit, einen so geschätzten lieben Freund, im heimathlichen Hause gesehen zu haben und dadurch daselbst seine Gegenwart in Gedanken r z urückrufen zu können und seiner Theilnahme sich zu erfreuen; wie oft hätte ich gewünscht, ihm die wunderschöne Winterlandschaft von meinen Fenstern aus, zeigen zu können! nun die ganze Ebene mit Schnee bedeckt ist, macht die Sonne, zumal bey ihrem Aufgang grade an der Felsen-Ferne, die ihm so wohl gefällt, einen Effect der mich an die schönsten Natur-Momente, die ich auf meinen Reisen in Auge und Herz bekam, erinnern. Dies gehörte noch der frohen Erinnerung an Ihres lieben Mannes Aufenthalt in Dresden an, aber nun spreche ich mit Ihnen Beyden, vor Allem, von des guten Heinrich Voss Tode; er verdient so sehr, noch gefeyert zu werden, wenn Ihre Freunde mit Ihnen reden, denn wie herzlich |3 liebte er Sie Beyde! Friede sey seinem unsterblichen Geiste!Er bleibt eine theure, eine schöne Erinnerung in des lieben Jean Paul's Leben: Wenn ich nicht an die Aerzte überhaupt und an die blinde Huldigung ihrer Aussprüche ohne die noch nöthigere Rücksicht auf das Ganze der Lebens-Oeconomie dächte, so wäre mir der so schnelle Tod dieses trefflichen Mannes unbegreiflich; es verlangt mich, noch recht viel von ihm zu hören und besonders auch durch Sie Beyde. Schwarz und die Paulus schrieben mir mit vielem Bedauern, er sey tödlich krank an der Waßersucht und bald darauf las ich die Nachricht seines Todes, als es nur ein Jahr war, daß ich ihn munter und wohl in Heidelberg sah, wo er mich zu meiner Freude oft besuchte und auch denen die ihn bey dieser Gelegenheit genauer kennen lernten, so geistreich erschien. In jedem Freundschaftsbrief in das liebe Jean Paulsche Haus verdient er fortwährend jedes Mal erwähnt zu werden; reichlichen Stoff hat er treu dazu geliefert; ich meiner Seits be- |4 halte seine Erwähnung fortan so bey.

Daß ich Ihnen nicht einige Tage eher schrieb ist mir, stellen Sie Sich dies vor! lieb; es würde mir recht leid gethan haben, wenn der Brief fort gewesen wäre, ohne daß er die Mittheilung der vorgestern zum WeinachtsAbend gehabten Freude, enthalten hätte; mein Sohn der sich Ihnen allerseits herzlich empfielt gab mir auf den Weinachtstisch, auch des lieben Jean Pauls höchst ähnliches Bild in Kupferstich, welches eben vor ein Paar Tagen in der Rittnerschen Kunsthandlung erschienen war , beym Kauf hörte mein Sohn, daß es in der nehmlichen Stunde bereits das dritte Exemplar wäre, daß man holte; wir haben uns beyde schon recht sehr über die Aehnlichkeit dieses Bildes gefreut, die nicht wie oft auch gelungene Bilder, nur diesen oder jene s n Geistes-Moment darstellt, sondern so umfaßend ist, daß sie sich höchst befriedigend zu allen bekennt, welche Erinnerung oder Schriften in so vielfachen reichhaltigen Seiten darbieten; es ist gestochen von C. Müller nach einem Gemälde von Fr. Maier; wir glauben beynah, daß es nach dem in Ihrer Wohnung befindlichen Bilde gemacht ist mit Weglaßung der Fehler des Colorits jenes Bildes, welche störend für den Ausdruck waren.Daß mein |5 jüngerer Bruder das Vergnügen gehabt hat, bey seiner Durchreise durch Baireuth ihren lieben Mann zu sehen, hat mich sehr gefreut und er selbst erinnert sich sehr dankbar der freundlichen Aufnahme, aber recht leid hat es mir gethan, daß er die Frage ob er auch Sie und die lieben Kinder gesehen ? verneinend zu beantworten hatte. Mein älterer Bruder, ist vor Kurzem glücklich Gott Lob! von seiner im vorigen Sommer angetretenen Reise nach London, zurückgekommen. Die liebenswürdige bayerische Prinzeßin, die nun unserm Hofe angehört, gefällt sehr; die mehrtägigen Feste am Hof zu ihrer Vermählung, waren durch die Annehmlichkeiten des Gegenstandes, um so intereßanter; gleichzeitig fiel auch die Anwesenheit des liebenswürdigen Prinzen Oscar von Schweden.Schelver in Heidelberg ist Gott Lob! wieder hergestellt, doch findet man ihn stiller als sonst.

Fr. v. d. Recke die Sie beyderseits so wie Tiedge herzl. grüßt habe ich kürzlich, zwar etwas leidend wie gewöhnlich, doch am Geiste recht munter gefunden, so wie |6 auch Tiedgen ob er gleich viel an Reißen im Kopf gelitten hat; er hat sich als er mich das letzte Mal besuchte, sehr gefreut über ein Blumen-Cabinet, daß ich in der einen Ecke meiner Wohnstube habe bauen laßen und deßen Unterwände, (außer dem ist alles Glas) mit großen Bouquets unter Glas von getrockneten Blumen die ich von meinen Reisen mitgebrachte, habe. geschmückt habe; da ist eines aus Harlem , eines aus Hyères und Vaucluse, eines aus dem Chamouny Thal und eines aus Italien und eines aus Heidelberg, unter welchem sich mehrere Blumen-Andenken von meinen dortigen Freunden befinden; es nimmt sich sehr hübsch aus, die frischen Blumenstöcke machen eine Blumenhecke, fast bis an die Decke, blaue Luft mit leichtem Gewölk ist im Hintergrund gemalt, die Thüre des Cabinets coupiert die Ecke quervor; ein Stuhl hat sehr gut Platz in diesem Cabinet, in welchem sich die Blumen vortrefflich befinden und nach Maasgabe der Temperatur, bey offenen Fenster oder bey offener Thür in die warme Stube, gedeihen; der Einfall darauf, kam mir durch das Verwelken der Blumen- |7 stöcke im Winter in der Stube. Da von den getrockneten Blumen, jedes Bouqet aus einem andern Lande ist, hat jedes ein auffallend verschiedenes Ansehen und es ist für den Blick angenehm, so nachbarlich Kornblumen vom Fuß des Montblancs, einen Lorbeerzweig von Petrarcas Lorbeer in Vaucluse , Zweige von Virgils Grab bey Neapel u. s. w. zu sehen; es freut mich nun recht, die kleine Mühe nicht gescheut zu haben, so viele Blumen mitzunehmen.Die Gemälde an meiner Gartenwand, haben sich sehr gut gehalten und nehmen sich jetzt beym Schnee, auch recht gut aus; Ammon als er mich besuchte, verweilte noch ehe er mich im Garten erblickte, mit erfreulicher Erinnerung, an den lieben Jean Paul, an den Ort daselbst, wo wir damals saßen ; er befindet sich wohl, ich habe ihn gestern in einer sehr schönen Predigt die er hielt gehört, so wie nachher bey einem Diner gesehen und gesprochen.

Ihre liebe Ottilie ist hoffentlich nun längst wieder bey Ihnen und ganz hergestellt, was ich herzlich wünsche, so wie alles |8 was Sie beglücken und erfreuen kann. Es freut mich recht, daß Herr Heine sich meiner noch so freundlich erinnert; meine Schwester wollte auch zu ihm reisen, um ihn wegen einer Pflegetochter zu consultieren. Die arme Gräfin Vitzthum kämpft immer noch, mit ihrem schrecklichen Schicksal und ist jetzt in Berlin; die Erinnerung an das so freundlich und wohlthätig ihr bezeigte Wohlwollen von Ihrer Seite, gereicht ihr oft noch, zur Erquickung in dankbarer Rührung.Herzlich umarme ich im Geiste, Ihre lieben Kinder und bitte Sie, mich in das freundliche Andenken unsrer gemeinschaftlichen lieben Bekannten in Baireuth zurückzurufen. Das Ihrige, meine theure Freundin, nebst dem Ihres lieben Mannes erbitte ich mir so oft es seyn kann, so wie die Freude der schriftlichen Versicherung deßelben, welche durch die besten Nachrichten von Ihrem allerseitigen Befinden die Gott verstatten möge! sehr vermehrt werden wird.Rechnen Sie stets auf die aufrichtigen Gesinnungen

Ihrer ergebenen Freundin

Henriette Ende.

P. S. Walter Scott kömmt künftigen Sommer hier her und hat da ein Rendé-vous mit dem Nord-Americanischen Romane-Dichter Irwing, welcher bereits schon hier ist.

Glückliches Neujahr! sey der Schluß.

Zitierhinweis

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Dresden, 25. Dezember 1822, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0766


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 8 S.