Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Paul Emile Thieriot an Caroline Richter. Bayreuth, zwischen 1. und 15. November 1803

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Nachmittags nach 4.

An die Lustpartie werd' ich gedenken!

Vorhin da ich noch auf meinem Sofa sitze und meiner Fagotistin nachdenke, kommt Emanuel und schlägt mir einen Spaziergang vor. Ich schlage ein, weil ich nichtsnie etwas abschlagen kann, steke nur noch den Damenkalender v. Ottos zu mir, und einen Bleistift für Einfälle, und so gehn wir fort. Draußen geht mir der Wind so scharf ins Gesicht, daß ich zu nichts kommen kann und schon halb verdrießlich nachschleiche jage – denn Emanuel rennt. Bald macht er Chassés links, bald rechts, tanzt sinnend über lange Feldwege quer durch Furchen, immer ohne sich umzusehen, so daß ich nicht nachkomme und mich mitten in einem Dorfe durch das wir gehen auf der Landstraße verirre.Da kommt |2 er endlich zurük u. holt mich, und nun zieht er mich im windigsten Novemberwetter etliche Meilen weit ( englische ) bis Tenzenlohe, wo er einen Bekannten, Namens Dörfler hat, deßen Frau die Dörflerin heißt und eine Bauersfrau ist. Drin in der Stube setzen wir uns nieder, ich ziehe meinen Almanach heraus, der Dörfler sägt an einer Sauerkrautschneidemaschine, u. Emanuel scherzt mit den Leuten, ich glaube, über mich. Während ich nun dasitze und den etwas Nachdenkenfodernden Polymetern Ihres Mannes nachsinne, und Emanuel mich so vertieft sieht: zieht der sonst verdienstvolle Mann das Halbhemd hervor aus der Tasche und erzählt den aufschauenden Leuten, doch halb |3 verschämt, nämlich meinetwegen: [...]Da hab ich heute etwas geschikt bekommen – da fühlt einmal – das ist Leinwand, nicht? –

Ich setze nichts weiter hinzu. Unser Heimgang war ruhiger.

Beschluß.

Abends.

Als mir eben Emanuel sagte, er wolle Ihnen schreiben: so sagt' ich zu ihm:

"Höre, schreibe Du kein Wort davon dem bewußten; ich wills erzählen. Ich sehe ja, Du sprichst nicht gerne darüber."

Und nun möcht' ich ins im Ernst wissen, was unser Em. nach diesen Annalen über diese Sache noch besonders schreiben könnte, das nicht lächerlich herauskäme, weil sichs gewißermaßen schon verstünde.

|4 Bloß durch diese Hofnung hab ich mich auch nur bis jetzt zu dem Bericht überwinden können.


Thieriot


Leben Sie wohl, Caroline und haben Sie den Dank für solche Brieflein , wie Sie mir geschrieben – d. h. die Güte, bald mehr zu schreiben.
Zitierhinweis

Von Paul Emile Thieriot an Caroline Richter. Bayreuth, zwischen 1. und 15. November 1803 In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0774


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 3½ S.


Korrespondenz

Zur Datierung: Thieriot spricht vom Novemberwetter, also muss der Brief aus der ersten Novemberhälfte 1803 stammen, als er bei Emanuel in Bayreuth war. Am 15. November 1803 war Emanuel bereits in Regensburg, vgl. seinen Brief an Emanuel vom 16. November 1803.