Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Worms, 23. April 1818, Donnerstag

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Worms d. 23. April 1818.

Indem ich diesen Brief, liebe Freundin, in Worms schreibe, so ist es doch ein Heidelberger Brief, denn wir verließen diesen lieben Ort, erst diesen Vormittag und die, Gott Lob! unendlich frohen Erinnerungen unseres 14. tägigen Aufenthalts sind also noch ganz frisch auch der Zeit nach. Täglich nahm ich mir vor, das Vergnügen vor, mit Ihnen mich zu unterhalten, nehmlich schriftlich, denn in Gedanken geschah es immer und wie oft mit den dortigen Freunden Ihres lieben Mannes in denen Sie auch ganz die Ihrigen finden werden, wenn Sie einst nach Heidelberg kommen! aber zum schreiben wollte schlechterdings keine |2 Zeit kommen; man hat wirklich in diesen 14. Tagen uns so mit Güte überhäuft, daß ich sagen würde beschämt, wenn Bezeigung von Liebe, nicht ein zu beglückendes Gefühl gewährte. Die Haupt-Eil dieser Zeilen, welche ein sehr müder Kopf schreibt, ist, daß Ihr lieber Mann, den ich auf's herzlichste grüße, erfahre, daß der nun zum Hellsehen gekommene, Magnetisierte, der gewiß ein Gegenstand seines Intreßes seyn wird , vielleicht kaum noch 2. Monate in diesem Zustand bleiben wird; ich habe ihn 3. Mal in der Crise gesehen und sogar (so wir auch mehrere Personen,) über meine Gesundheit durch den Prof. Schelver befragen laßen, die Ausführlichkeit und Bestimmtheit mit welcher er Mittel verordnet, ist auffallend, und um so mehr, da sie helfen und neulich ein bey einem Kinde angewendetes von ihm verordnetes Mittel, sogleich half. Der Clairvoyant ist ein nach langer Krankheit |3 blind gewordener armer Jünger, der nun aber schon wieder anfängt einen Schein zu bekommen und seine Genesung bestimmt vorhersagt, er sprach von 42. Tagen, hat aber seine eigene Rechnung, Schelver meint, sie würde ohngefehr 2. Monate betragen. Die vielen Ungläubigen am Magnetismus in Heidelberg, finden nun doch ihre Neugierde etwas aufgeregt , und die sich schon in Intereße mitunter zu verwandeln scheint. Dem Kirchenrath Paulus bewog ich, mich vorgestern dahin zu begleiten und er war jene Paar Stunden ganz Ohr und Auge und ich freute mich, daß sein Forschen keinesweges durch den Vorsatz zu verwerfen, an seiner Lauterkeit verlor. Schelver behandelt den Kranken mit edler und zugleich kluger Schonung, keine Frage der Neugierde wird an ihn gerichtet und fast alle, blos ins Gebiet der Heilkunde beschränkt, auch läßt er den Kranken seinen außerordentlichen Zustand ignoriren, er glaubt jedesmal nur geschlafen zu |4 haben und sieht allzeit beym Erwachen höchst erquickt aus. Fr. v. Krüdener die Heidelberger durch welche der Kranke magnetisirt wird, nehmlich indem Schelver in einer andern Stube über einen Gang weg, dieselbe magnetisirt, bekomt heftige Krämpfe wenn ein Fremder den Kranken angreift; die Erscheinungen bey dieser ganzen Sache, sind so reichhaltig , daß ich viele Briefe Ihnen beyden lieben Freunden darüber schreiben könnte, wenn ich es heute, auch der Zeit nach, vermöchte, aber das konnte ich nicht Aufschieben, daß Sie wenigstens nun so viel davon erfahren.Ich war in Weinheim, dies wird Prof. Voss schreiben; was deßen mir zeither so unhold gewesene Mama betrift, muß ich Ihnen erzählen, daß diese mich nun auf einmal mich um Vergönnung eines meiner Abende höflichst ersuchte, worauf ich denn mit wahren Wohlgefallen erwiederte, daß ich alle Abende dieses kurzen Aufenthalts schon denen zugetheilt hätte, die während meines dreyjährigen mich so freundlich behandelt hätten, Punktum. Aber nie Punktum wenn die Rede ist, von meiner und meines Sohnes herzlicher Liebe zu Ihnen und Ihrem uns so theuren Manne.

Zu Pfingsten gedenken wir, so Gott will, wieder in Leipzig zu seyn, wir reisen nach Maynz, Coblenz, Wetzlar, Giessen, Marpurg, Cassel, Göttingen. Gott erhalte Sie, theure liebe Freundin, mit allen die Sie und auch wir, lieben. Äußerst billig war unsere Rechnung im Carlsberg. [...] ich wohl bald die Freude [...] den Brief von Ihnen in Leipzig zu lesen.
Immer die Ihrige Ende.

Ich besuchte in d gieng in Manheim zu Ihrer Freundin Sternberg, traf Sie aber leider nicht.

Zitierhinweis

Von Henriette von Ende an Caroline Richter. Worms, 23. April 1818, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0781


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.