Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Ernestine Voß an Caroline Richter. Heidelberg, 4. Februar 1819, Donnerstag

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Heidelberg, den 4 Febr. 1819.

Es wird Ihnen nicht gestattet, die Freude die mir Ihr freundlich traulicher Brief gemacht, nach den ewigen Ausbleiben der Antwort zu beurtheilen. Gewis meine Liebe, meine Gedanken waren in der Zeit oft bey Ihnen, und ich erfreute mich daran, daß sie nun nicht mehr so unbestimmt herum zu flattern brauchten, wenn ich Ihnen gleich zugeben muß, daß ich mir Ihr thun und Leben unter Mann und Kinder ganz anders baue, als ich es vieleicht in der Wirklichkeit finden würde, wenn ich einmal hin gelangen könnte! Wie herzlich wünsche ich dies! weil ich mir fest einbilde wir zwey würden einander nicht blos erfreulich, sondern auch nüzlich sein können! Was ich von ihnen lernen möchte daß sage ich Ihnen nicht so grade ins Gesicht, denn die Weiber dürfen sich untereinander noch weniger loben, als es die Männer thun dürfen. Was Sie von mir annehmen dürften, darf ich grade heraus sagen, weil es den Grund meines Lebens Glüks ausmacht, und mir fast möchte ich sagen angebohren ist. Dies ist mein leichter Sinn, den ich übrigens nicht mit dem was man im Leben Leichtsinn nennt zu verwechseln bitte, den ich bin, im Grunde recht ernsthaft, und Wort Arm. Sie haben wie ich einen hohen Begriff von Ihren Pflichten als weib und Mutter, und sehen einzig Ihr Glük in treuer Erfüllung dersel |2 ben, doch will mirs scheinen, als streuten sie sich selbst Dornen unter Ihre Rosen, wenn es Ihnen trübe Stunden macht, daß sie [...] immer die äusern Zeichen der Anerkennung von Opfern und Anstrengungen sehn. Darüber hüpfe ich gar leicht hinweg, und streichle und lobe mich selbst in meines Mannes Namen, wenn es mir scheinen will er hätte es thun sollen, und daß ich ihn diese Treue in der Liebe beweise, ist ihn ganz Recht, wenn er merkt daß ich es gethan habe. Die Lebens Gefährtin eines berühmten Mannes hat einen hohen Beruf! Wenn sie sich in seine Eigenthümlichkeiten hineinstudirt hat, so hat sie auch für Welt und Nachwelt gewirkt, denn sie ist ein Mittel geworden ihn seinen Weg zu ebnen, und viel Pflichten für ihn zu übernehmen, die der gewöhnliche Mann selbst erfüllen muß, hirzu zähle ich alle kleine Lebens Pflichten, die gewöhnliche Männer vereint mit ihren Weibern tragen. Stolz kann uns ein solches übernehmen nicht machen, weil innre Freude an sich selbst keinen Stolz aufkeimen läßt. Unser Lohn an den hebenden und stärkend Gefühlen unserer Männer Theil zu nehmen, hebt uns ja auch mächtig über unser ich hinaus, wenn es bey uns Stunden giebt, wo es uns scheinen will, als wären wir glüklicher wenn wir mehr bemerkt, und anerkannt würden. |3 Recht Wortreich würde ich sein, wenn ich alles aussprechen wolte, was über diese Gefühle mein Leben glüklich macht, aber dies konnte nur geschehen, wenn Sie in meinen Blumenstübchen neben mir auf den Soffa säßen, und bey solchen Gespräch meine ich wollten wir ein ander recht nüzlich sein –. Seid ich Ihnen zulezt schrieb, hatte ich schwere Sorge der Freundschaft auf den Herzen, die Gott lob jezt ein Ende erreicht hat. Unser Freund Overbeck hatte eine Tochter 32 Jahr alt, der Liebling seines Herzens, liebend, und treu in Erfüllung jeder ihrer Pflichten. Es warb ein Witwer um sie mit drey Kindern , ein brafer Mann, nach den Ausspruch aller die ihn kannten, und eine Vorsorgung fürs Leben. Ihr Herz sprach nicht mit lebendigkeit für ihn, aber fühlte daß dem Zuspruch des Verstandes, und den Worten aller die sie liebte nichts entgegen zu setzen sey, und sie gab ein freudiges amtliges ja! Durch vorhergehenden Schreck waren Krämpfe bey ihr aufgeregt, und es stellten sich Gewissens Vorwürfe bey ihr ein, daß sie Pflichten übernommen die sie nicht erfüllen könne, sie fiel in tiefe Schwermuth, hatte aber in hellen Zwischen Stunden keine Abneigung für ihren Gewählten. Die Arzte bestimmten eine Reise, und wohin konnte unser Freund lieber Eilen als in Freundes Arme, weil auch gegen mich die Tochter Kindes Liebe hatte. Trostlos und abgezehrt kam die Tochter, in tiefen Gram versunken der herrliche Vater hier an, und es waren auch für uns drey Nacht harte Wochen; weil alle angewandte Mühe, Trost in Ernst und |4| Scherz gehüllt wenig würkte. Unser Rath den der Vater befolgte, sie völlig frey zu erklären that einige Wirkung, weil sie nun zur bestimten Gewißheit gelangte, sie wolle nicht frey sein, und ihr alle Klagen über eine unglükliche zu Kunft abgeschnitten waren. Etwas getröstet, und etwas beruhigt entliesen wir sie, weil sein Amt nicht zuließ länger zu bleiben. Wir hatten daß Glük gleich nach ihrer Abreise einen Arzt zu treffen, der alle seine Kräfte auf Heilung von Gemüthskranke wendet, der traf sie noch in Frankfurt, und hat daß Glük gehabt wohlthätig für sie zu sein. Sie ist jezt völlig ruhig, und sieht mit Heiterkeit vorwärts. Beschäftigt sich auch wieder wie sonst. Dies bezeugen alle jubelnde Briefe aus Lübek. Dies war es was uns die lezten fünf Monate ausschliesend beschäftigt, und vorzüglich mich, die es auch körperlich fühlt, daß dergleichen nicht widerkehren darf. Das schwerste was ich zu tragen habe ist der wenige Schlaf, den die oft sehr heftigen Bein und Rückschmerzen immer unterbrechen. Aber auch hier hält mein leichter Sinn mich aufrecht, und ich freue mich daß ich Tags weniger Leide, und daß ich ein liebes Nichtchen habe, die mir das alles selbst im Hause zu besorgen abnimt. Dabey habe ich einen heitern rüstigen Mann, der gewaltig arbeitet, und Abends noch recht heiter und theilnehmend ist, und einen heitern und rüstigen Sohn , der so viel arbeitet, auch gern spaziern geht, und kräftig anklingt am Geburtstag der Mutter der Seele, zum 69 wohl wiederkehrte

Mein Blatt ist voll ehe ich es wußte. Herzlichen Gruß meinen Lieben J. P. und den guten Kindern. E.V.

Zitierhinweis

Von Ernestine Voß an Caroline Richter. Heidelberg, 4. Februar 1819, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0799


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

D: Nerrlich, Nr. 167, S. 280 (stark gekürzt).


Korrespondenz

B: Von Caroline Richter an Ernestine Voß. Bayreuth, 8. September 1818