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Bayreuth den 16 ten April
1826.

Mein bester Herr von Falkenstein!

So hat sich ist meine Besorgnis welche mir manche lange Stunde gemacht, auf die schönste Art gelößt, und Ihr lieber gar zu guter Brief hat mir eine Freude gewährt gemacht , die nur der ermessen kann, welcher den Werth wohlwollender menschlicher Gesinnung sich , als das höchste Gut der Erde betrachtet. Warum fiel mir auch nicht eine Reise ein, als ich unter allen Möglichkeiten Ihres Schweigens sogar auf Krankheit rieth! Allein die trübe kalte Jahreszeit sei meine Entschuldigung, und ich bewundere nur Ihren Muth und . Ihre Ausdauer, für ein Unternehmen dieser Art!

Haben Sie unendlichen Dank für alles was Sie mir Gutes sagen, und wofür mein Herz ein dankbarer Boden ist, in welchem kein Sandkorn der Liebe und Güte verloren geht. Ich aber danke Gott, der so viel unter den Verhältnissen und Irrwegen des Lebens in einer Menschenbrust, rein und warm erhielt; möge Gott Er Ihnen das Himmelreich Ihrer Menschenliebe, ewig ungefährdet erhalten. Geben Sie |2 mir von Ihrem Vertrauen so viel als Sie Sich im Innern geneigt fühlen, wohl habe ich ein Mutterherz für alle Anliegen der Menschheit und wenn ich je anders, so betrachte ich seit dem Tode, eines unvergeßlichen Sohnes , alle jungen Leute, als seine Repräsentanten und Brüder die auf meine Hülfe Anspruch haben.

Daß Sie meine Wünsche in betreff so überschwenglich erfüllen würden konnte ich nach Ihren früheren Briefen voraus sehen, allein vergessen Sie nur nicht mein Lieber, Guter! daß dieß nur bedingungsweise war:, wenn Sie bei näherer Bekanntschaft s S ich ganz von ihm angesprochen fühlen würden. Ein so edles Gemüth wie das Ihrige wäre wohl der höchsten Selbstverleugnung fähig, um nur den Wünschen geachteter Freunde zu genügen. Als Sie mir von Richards Erscheinen auf der Bibliothek schrieben, kannten Sie nur den äußern Eindruck seines Wesens auf Sie, wie wird aber sein Innres bei Ihrer ersten Unterredung auf Sie gewirkt haben? Sein Sie offen wie zu einer |3 Mutter gegen mich, sagen Sie mir was Sie an ihm tadeln, Ihr Urtheil ist mir das eines Erziehers eines Menschenkenners, und als ich Sie zu seinem Schutzengel anrief, hatte ich keine andere Absicht, als durch den milden Einfluß humaner Gesinnung die ihn freundschaftlich ihn aus seiner Erstarrung weckte, ihn mit den Annehmlichkeiten seiner Geselligkeit zu überschütten und dadurch Veredlung und Beglückung für ihn vorzubereiten. Das ist die Gränze über die hinaus, nur Ihr eignes Herz , Ihr unwillkürlich entstehendes Interesse an ihm selber , Sie tragen kann; nicht ich, nicht meine Wünsche.

Vor allem bitte ich Sie, mein Theurer! ihm meine Briefe an Sie nicht mitzutheilen noch ihn . die an mich gerichteten zur Besorgung, anzuvertrauen unsere Mittheilungen würden sonst genirt sein. Einst kann ich Ihnen vielleicht meine Gründe sagen.

Der junge Spazier hat das Zeugniß meines geliebten Mannes, des hohen Jean Paul für sich, daß er ein vortreflicher Kopf sei. In der That ist seine Vielseitigkeit bewunderungswürdig, |4 allein theils hat er durch einen Kampf gegen lauter ungünstige Schicksale nie so großes Selbstbewußtsein, und eine daraus, und auch aus edelm Stolz eine solche entspringende Gleichgültigkeit gegen fremdes Urtheil gewonnen, daß er wenn er in diesen Ansichten beharrt, niemals mit Glück in der menschlichen Gesellschaft Anspruch machen kann. Darin ist er nun ganz das Gegenbild der Gesinnungen unserer Familie die durch den göttlichen Anhauch der Liebe ihres Hauptes, nur in dem Elemente derselben lebt, und Demuth als die höchste Krone des Verdienstes achtet. Mir konnte es der Nähe unseres Verhältnisses wegen nie gelingen unserem Richard diesen Geist der Liebe einzuflößen, allein fernerstehende edle Menschen haben vielleicht diese Gewalt über ihn, und dann kann er einer der Herrlichsten Menschen werden.


Könnte ich doch Ihre Bemühungen wegen des Privilegi in etwas vergelten! könnte ich Ihnen sagen, wie leid es mir ist, daß Sie meinetwegen so viel Zeit geopfert haben! |5 Allein Gott scheint Sie mir ordentlich wie durch ein Wunder zugeführt zu haben, indem ich ja früher Ihre nähere Beziehung auf das Einsiedelsche Haus nicht errathen konnte. Gewiß haben Sie nun gehört, daß ich selbst noch einmal mich an Sr Excellenz gewandt habe und unsere übereinstimmende Anfrage kann nicht ohne Nutzen gewesen sein. Ich wurde eben damals durch eine Klage so sehr bedrängt welche ein Herr Klein auf eine mir von allen Seiten zur Pflicht gemachte Protestation gegen seine angekündigte "Auswahl aus meines Mannes Schriften in 6 Bänden" bei der Bücher kommißion in Leipzig eingereicht hat; und wirklich kenne ich keinen anderen Schutz gegen dieses unrechtmäßige Unternehmen, als das K. Sächs. Privilegium. Nach allem was Sie mir von dem persönlichen Charakter des Herrn M. sagen wird er gewis die Güte haben, meine Bitte zu erhören. Thun Sie aber keinen Schritt deshalb weiter, mein bester Herr von Falkenstein, es ist nun alles geschehen, und Gott wird mir ja aus dieser Noth helfen.

Was Sie mir über Ihre Familie sagen freut mich sehr. Fast lebte ich auf, da ich |6 Sie als einen Schweitzer zu betrachten hatte denn im Vertrauen gesagt, das gebildete Dresden faßt wenig warme Herzen von tiefem Menschengefühl in sich, wenn es nicht Ausländer sind. Darin ist glaube ich sogar mein Berlin vorzuziehen, wo mein liebender Vater geboren war, und ich mit meinen Schwestern im Cirkel der innigsten würdigsten Freundschaft heran wuchs. Noch vor wenigen Jahren sah ich meine Jugendfreunde , die Beschützer meiner Kindheit wieder, und fand sie eben so versammelt, als vor 25 Jahren da ich meinem Engel folgte. Unter den Dresdner Freunden steht mir die einzige Recke oben an; der gediegenste Charakter, die Seele voll Himmelshuld und weiser Besonnenheit; fast-liebend wie ihre hohe Gestalt, und aller Menschen, Freundinn, ohne Ausnahme des Standes und Ranges. Der gute, gute Vater Tiedge der mir mehrmals wie ein treuer Verwandter erschienen ist, der mit wahrhafter und ernster Theilnahme alle Leiden der gedrückten Menschheit anhört. Nie vergesse ich seinen Antheil an dem Schicksal meiner Schwester und ihrer Kinder, als ich vor 2 Jahren dort war.

|7 Daß Baggesen, der edle Baggesen so sehr leidend ist, thut mir unaussprechlich weh. Sagen Sie ihm, daß die Gräfin Giech nebst ihrer Tochter, welche in Carlsbad im Cirkel der Gr. Recke ihn kennen lernten, innig um ihn bekümmert sind, und ihn herzlich grüssen lassen. Ach ich weiß von meinem Engel, wie wohl in den Minuten, des Leidens, und des herannahenden Untergangs, Erinnerungen entfernte Freunde an uns, thun. Sagen Sie ihm, wie gern ich zu seiner Pflege beigetragen, wenn er hier in Bayreuth damals geblieben wäre . Gott wie muß uns nicht der kleinste Dienst für einen Kinder und Gattinlosen, beglücken , der den Werth solcher Umgebung so fühlet als Baggesen! Es ist ein ungeheures Schicksal alles verlieren, was dem Herzen theuer ist. Möchte Gott seinen leidenden Zustand bald mildern. Das Feuer seines Genies foderte noch eine lange Thätigkeit, wenn die körperliche Natur aushalten wollte. – – –

Möchte eine Reise nach schönen Gegenden Sie doch einmal nach Bayreuth führen, allein sagen Sie diesen Wunsch eben so wenig an Richard als wie so vieles andere. Gern sähe ich |8 Sie, und nach Dresden werde ich schwerlich kommen, es wohnen auch dort so viel schrekliche Erinnerungen für mich, denn es ist das Grab einer sehr leidenden heißgeliebten Schwester. Warum haben wir Beide Sie vor 2 Jahren nicht gekannt, warum hat ein so edler Mensch nicht die Leidensstunden erhellt die ich dort an ihrem Krankenbette aber oft in höchster geistiger Entzückung über ihre Seelenhoheit und unendliche Liebe zu mir, zubrachte. Ach auch da lernte ich die allgewaltige Zerstörbarkeit der armen Menschennatur kennen, und staunte über die Gewalt eines durchdringenden Geistes der dem Untergange seines körperlichen Theiles zusah. Damals ahnete ich nicht, daß ich diese erhabene Metamorphose zum zweitenmale an meinem Beschützer meinem Erhalter wiederholt sehen würde.

Antworten Sie mir recht bald, mein verehrter Freund, wenn anders das Amt eines Bibliothekars es zuläßt, aber wie glücklich sind Sie im Tempel der Gelehrsamkeit Ihre Wohnung aufgeschlagen zu haben.

Nehmen Sie auch Grüße von meinen Kindern freundlich an.

Ihre Freundinn Caroline
Richter.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Konstantin Karl von Falkenstein. Bayreuth, 16. April 1826, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0802


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Textgrundlage

H: SBB, Autogr. I/2988
4 Bl. 8°, 8 S.