Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Ernestine Mayer an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 22. Januar 1801, Donnerstag

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den 22ten Januar 1801

Endlich, mein geliebter Vater, habe ich einen freyen Augenblick, den ich nicht beßer anwenden kann als mich Ihnen nach so langer Versaumniß einmal wieder zu nähern. Sie werden mich gewiß entschuldigen, wenn ich als den Grund meines langen unverzeihlichen Stillschweigens Ihnen anführe daß uns eine Reihe kleiner häuslicher Unannehmlichkeiten mich davon abhielten. Eine Haupt-Ursach war der kleinen Emma kränklicher Zustand der sich vor 14 Tagen damit anfing daß sie eine Menge Backzähne auf einmal bekam. – Diese Krankheit ließ [...] eine so bedeutende Schwäche zurück – so daß der Arzt jetzt mit aller Macht der englischen Krankheit deren Entstehung er befürchtet, entgegenarbeitet. Ich zweifle fast daß Minna das Kind groß zieht. – Es ist gar zu schwächlich und sbesizt eine an einem Kinde mir noch nie vorgekomne Reizbarkeit die freylich |2 aus Kränklichkeit entsteht so wie sie durch sie noch vermehrt wird in dem man aus eben dieser Rücksicht den Eigensinn des Kindes immer schont. –

Mir geht es sonst, mein geliebter Vater, recht wohl und glücklich. Ich sehne mich nur noch grade so sehr nach Berlin zurück daß ich fast die Tage zählen möchte bis zum Termin der Abreise – wenn ich ihrer nicht so viel zu zählen hätte.

Denn Minna erwartet ihre Niederkunft spätestens in 14 Tagen – die ersten 6 Wochen – wird die Mutter sie doch nicht verlaßen wollen und so werde ich vielleicht erst in 8 Wochen in Ihre väterlichen Arme und zu allen denen zurückkehren die meinem Herzen unendlich theuer sind. –

Es wird Sie befremden daß Mahlmann der in der Mitte [...] dieses Monats nach Berlin zu reisen willens war, noch nicht |3 seinen Entschluß ausgeführt hat. – Es war ihm bis jetzt ganz unmöglich da beym Schluß und Anfang des Jahres seine Geschäfte sich sehr häufen – er über dem jetzt an einer Schrift arbeitet die nothwendig zur Ostermeße fertig seyn muß – und er sich überall von der Zeit gedrängt wird. Dazu komt daß es uns beyden lieb seyn würde uns in Berlin, gemeinschaftlich zu sehen die ganz neuen Umgebungen die wir dort finden – würden uns einander gegenseitig aus einem andren Gesichtspunkt kenen lernen laßen – und unserm Verhältniß ein neues Intereße geben. – Mahlmann wird also nur wohl auf meine Abreise warten um die seinige danach zu bestimmen. – Mir ist sogar schon eingefallen, ob es wohl schicklich seyn würde diese Reise ganz gemeinschaftlich |4 zu machen – der Mutter würde eine männliche Begleitung ohnehin sehr notwendig scheinen.Doch ist dies nur ein flüchtiger Einfall den ich selbst noch nicht durchdacht habe, und deßen Entscheidung ich mir von Ihnen, mein bester Vater, zu erwarten habe.

Die Post eilt und ich kann Ihnen nichts weiter sagen, als daß ich mich auf den Augenblick des endlichen Wiedersehens sehr, sehr freue!

Leben Sie wohl, mein geliebter Vater und grüßen alle die sich meiner erinnern recht herzlich von

Ihrer
treuen
Tochter Ernestine

Minna grüßtempfiehlt sich Ihnen
recht sehr herzlich und
bittet um Entschuldigung
daß sie nicht selbst schreibt.
Sie ist eben damit beschäftigt
ihre Wochenstube zu arrangiren. [...]

Zitierhinweis

Von Ernestine Mayer an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 22. Januar 1801, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0815


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.