Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Johann Ernst Wagner an Friedrich von Müller. Meiningen, 4. März 1808, Freitag

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Meiningen den 4n März 1808.

Mein verehrtester Freund!

Die Vergangenheit, welche zwischen dem Zeitpunkte als ich Sie zum letztenmal in W. ans Herz drückte , und der Gegenwart liegt, scheint mir in diesem Augenblicke wieder in gar mancher Hinsicht so groß und merkwürdig, daß ich sie nicht weiter zu berühren wage. Ich war übrigens, ach, sehr oft bey Ihnen, reiste mit Ihnen fort , betrat mit Ihnen den Louvre und war an Ihrer Seite entzückt und traurig. – O mit welchen grossen Momenten hat sich unsre Zeit gefüllt! – Sed transeat!

Ganz warm aus der Presse erhalten Sie hier, Verehrtester, den ersten Band meiner Reisen, den der Verleger mit meinem in der That wohlgetroffnen Bildnisse [...] aus der Müller'schen Werkstatt in Stuttgart) geziert hat, und dem hoffentlich Michaelis der 2te und letzte Band , an dem ich jetzt arbeite, nachfolgen wird. Nehmen Sie mich und alle meine Fehler und meine Verzeihlichkeiten freundlich auf!

Lesen Sie in einer heitern Stunde den von S. 405. an dem Werke angehängte Kunst-Schul-Plan. Mißfällt er Ihnen nicht – dann, Bester, lesen Sie ihn mir zu Liebe noch einmal, und dann auch den nun folgenden Theil dieses Briefes, der Ihnen jetzt noch unverständlich seyn müsste. – Und dann, Trefflicher, bitt' ich um Ihre Theilnahme.

Das Werk wird mit den von heute an folgenden Posten nun postfrey in alle darinn angegebene Welt versandt, und die ganze Sache kann mich, mit dem Buche, wohl auf 200 rth. und mehr zu stehen kommen, da ich über 100 Exemplare kaufen und versenden muß, ohne gegen Jemand eine Indiskrezion irgend wagen zu dürfen. Wenn gleich mein Honorar mir dieses abwirft, so sind doch meiner Kinder drey, und mein Leben ist kurz. Allein – wer handelt nicht gern für die Kunst?

Weimar ist für meine Hoffnungen ein wichtiger Ort. Mit dem nächsten Posttage sende ich an die dortigen Gelehrten und den in der Folge auch an den Herzog die nöthigen Exemplare ab. Aber jene gelehrten Männer – sie sind schwerlich meine Männer. Ich bedarf eines Mannes, der Gelehrter, Dichter, Staatsmann, liebenswürdiger Mann, warmer ästhetischer freundlicher Mensch zugleich ist, und einen selbstständigen, sich selbst vertrauenden |2 freyen Unternehmungsgeist besitzt. Und diesen – verzeihen Sie, edler Freund, daß ich dieß Ihnen selbst sage – diesen glaube ich an Ihnen gefunden zu haben. Und die Welt glaubt ja dieß mit mir.

Ja, Ihr schönes Menschenbild steht in diesem Augenblicke wieder so lächelnd, in so jugendlicher Frische und Thätigkeit vor mir, daß ich nicht zweifle, Sie werden in Weimars schönen Kreisen eine so grosse Sache freundlich vertreten, sobald Sie Selbst sie gut gefunden haben.

Es wäre höchst überflüssig, wenn ich Sie um etwas Specielles bitten wollte, da der Plan hierüber alles enthält – auch wenn ich Ihnen meine übrigen Hoffnungen und Versprechungen hererzählen wollte, die mich muthig machen. Sie wissen schon, wie fest alle Inspirirte (wozu auch ich freylich in dieser Sache des seligen Glaubens gehöre) auf den Ausgang ihrer Plane bauen. – Nur eine Bemerkung erlaube ich mir zu machen.

Ich wage es nicht, Sie um direkte oder eigentlich öffentliche Verwendung für sie Sache zu bitten. Denn eine schöne, längstgemachte Reputation ist mir so ehrwürdig, daß ich es für unzart halte, die Verwendung zu erbitten, wo man – falls der Unternehmer scheitert, doch gar leicht auch für den über den öffentlichen Verwender die Achseln zucken könnte. Allein mündlich, in der Gesellschaft (ich möchte sagen: im Scherz oder Spaß, wenn mir selbst nicht die Sache außer allem Scherze wäre!) könnten Sie sehr viel für das Unternehmen thun.

Und wirklich ist die eigentliche erste Anlage zur Realisirung des Unternehmens doch in der That – nemlich bis zu dem Grade von Theilnahme, worum im Plane selbst gebeten wird – in jeder Stadt höchst leicht, angenehm und unbeschwerlich, weil ein redlicher Verwender wohl überall einen braven Mann finden wird, der – Geld annimmt – und weil auf der andern Seite 1 ggl. Revenüen- und 10 ggl. Gründungsbeytrag (und weniger!) hier im Grunde die allgemeine Theilnahme eben so sehr befördern können, als dort 10 ggl. und hier 10 rth. – Die Hauptsache bleibt mir vor der Hand: das wirkliche Handeln für die Unternehmung, (die wirkliche |3 Anstellung eines Empfängers, und dieß wo möglich durch einige kleine Beyträge) und die baldmöglichste öffentliche Anzeige davon durch den Druck.

Also: ich sprach vom Spaß. – Angenommen, in einer Abendgesellschaft behauptete ein Mitglied: z. B. des armen Minchens Geschichte in meinen Reisen sey doch nicht so übel und habe ihm gefallen – und mein Plan sey doch wohl den heutigen Ertrag des Whist- oder Hombreabends werth. Man vereinigte sich, heute ein wenig zu hazardiren und Jedermann wollte wenigstens nichts gewinnen. Angenommen ferner, der Ertrag dieses Abends gäbe von allen Spieltischen z. B. 12 Laubthaler, so sendete man einen davon sogleich an einen schicklichen rechtschaffnen Mann; (i. e. man wählte dadurch einen Commissär der Stadt W., der nun gleichsam genöthigt wäre, sogleich die Eröffnung der Subscription öffentlich anzukündigen – und von diesem Augenblicke liegt dann W. ruhig vor meinem Blicke da, und 1/51tel meiner Sache ist vorerst in meinem Sinne so gut als gewonnen!) die 11 übrigen rth. (oder 9 – denn alle Einsendungen müssen ganz postfrey gemacht werden) liesse man jenen Mann an andre Städte versenden z. B. einen an Herrn Rath Becker in Gotha, einen an die Frau Canzlerin von Beulwitz in Rudolstadt, Frau Consulentin Bergner in Coburg, Herrn Leg. Rath J. P. F. Richter in Bayreuth, Herrn Engelmann und Banquiers Chiron Sarasin in Frankfurth u. s. w. – Angenommen endlich, das Spiel wäre bey Hofe, bey'm Punsch pp und ein gewisser Grosser thäte einen tüchtigen Griff in die Tasche, und es fände sich am Ende die ungeheure Summe von ZE. 70 rth. – dann könnte der W.sche Commissär an jede der übrigen 50 Mutterstädte (nach meinen, oder noch besser nach eignen dort bekannten Addressen) 1 rth. einsenden, dadurch aber wirklich die Eröffnung der allgemeinen Subscription bewürken, und den Rest in seine eigne W.sche Casse legen. – Wäre dieß – ich schwöre es bey Gott – so wird dieser hehre Lärm unser kunstfreundliches Volk aufrütteln! Und diese Sache wird wachsen – und auf dem eigenthümlichen Grund und Boden der Schule will ich mich noch hin auf die ersten Bausteine setzen und jubilirend singen und sinken und sterben!

Ist nun (in der Folge besonders) von Unterstützung der Sache im Ernste die Rede – da sey es fern von mir, jemand zu bereden oder zu bitten. Denn da muß jeder Mensch in seinen eignen Busen greifen, und fühlen, |4 ob ihm die Sache werth sey oder nicht.

Allein Bitten, wie meine obige, bey Ihnen zu wagen, dazu haben Sie mir durch Ihre eignen Wohlthaten ein schönes Recht gegeben. Ich habe noch in den 4 Wichti wichtigsten Städten des Norden und Süden treffliche Freunde. Aber doch – scheint mir Weimar eine der allerwichtigsten!

Ich lege Ihnen das Exemplar des Herzogs, nach besserem Überlegen sogleich an. Benutzen Sie es zu diesem oder einem andern Zwecke, je nachdem Sie die Fragen ob? und wann? zu entscheiden für gut finden. Bekommen muß er freylich eins, wenngleich die Sache als blosse Privat- und National-Sache gehalten ist. Er ist der allerkunstfreundliche Fürst Deutschlands.

An Ihre verehrungswürdige Gattin, meine theure, wunderfreundliche Wohlthäterin und an den lieblichen Adalbert meine wärmsten Grüsse. Lassen Sie mich, edler Freund, bald ein Wort der Hoffnung lesen!

Ewig in der glühendsten Dankbarkeit

Ihr

treuersterJEWagner

N. S.
Ich bin erschrecklich lahm – doch fidel, wie ein Eichhorn. Oft springt der Geist plötzlich lustig vom Stuhl auf, und – wirft schnell den irdischen Leib so hart an die Erde, daß Weib und Kind jammernd herbeyspringen, bis ich sie endlich wieder zu lachen mache.

(Unter uns gesprochen: die Zueignung des Buchs ist an die Fr. v. Werthern und mein August ist Studniz in G. – Der 2te Band wird fast bloß romantisch werden, wenn ich ihn zu endigen noch Kräfte behalte.)

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Friedrich von Müller. Meiningen, 4. März 1808, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0867


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Textgrundlage

H: GSA, 68/618, Bl 5-6
1 Dbl. 8°, 3¾ S.


Korrespondenz

A: Von Friedrich von Müller an Johann Ernst Wagner. Weimar, 23. Mai 1808