Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen an Johann Ernst Wagner. Bettenburg, 20. August 1809, Sonntag

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Bettenburg, d. 20. Aug. 1809.

Ich wurde in manche Zerstreuung wider Willen hineingezogen, gab mich auch mancher selbst hin; daher die Verspätung meiner Antwort ob mir gleich mein lieber, lieber Ernst sehr oft gegenwärtig war.

Mein "Gott sei gelobt!" über die Wiederkehr Ihrer Gesundheit wird Ihnen Antonie überbracht haben, und Sie konnten es aus keinem würdigern, reinern, mitbetenden Munde erhalten.

Jetzt, liebster Ernst! nehmen Sie meinen innigsten Dank für mehrere höchstgeniale Stellen des 2ten Theils Ihrer "Reise." Auch im "Walde von Myra" weht mich hier und da Shakespear's Geist an, ob mir gleich das Ganze nicht gefallen konnte, und Sie auch schwerlich darüber einem Lobe von mir entgegen sehen. Erst dann danke ich Ihnen für diesen 2ten Theil mit Kopf und Herz, wenn Sie – noch einen 3ten schreiben . In demselben begleiten Sie, – sofern mein Rath etwas gilt, – Klotilden durch Italien, lassen sie viele Klöster, nicht blos von der gleißnerischen Außenseite, sondern so recht im geheimsten Innern, beschauen, und dadurch zur Erkenntniß kommen: "daß es ein reineres, höheres Christenthum gebe, als eines, das sich im Widerstreben gegen die heiligsten Bande der Liebe empört." Klotilde kehre in diesem Gefühl zurück, mit Abneigung erfüllt gegen alles Unwesentliche und Unheilige, was die Hierarchie in das Ur-Christenthum hineinpfuschte, und gebe dem Geliebten, zum Ersatz für die Freuden, welche ihm die schändlich geopferte Lydia hätte geben können, die frei gewordene Hand. Und wollen Sie sich den edleren, besseren Theil des Publikums noch mehr verpflichten, so führen Sie dann den Leser noch eine gute Strecke weiter ins häusliche Leben der Gattin und Mutter. So wird das Halbe ganz und ein geprüfter, aber in der Probe bestandener weiblicher Charakter steht in seiner Tüchtigkeit vor uns da.

Ich meines Theils stehe noch immer bei meiner Vernunft-Religion, gegründet auf Liebe, fest , und mag einer andern Grundlage nimmer vertrauen. Nur dadurch wurde meiner Ueberzeugung nach Jesus ein Christus, – nicht durch blos Uebersinnliches, auf ein dunkles Ahnungsvermögen Gegründetes. Gerade das hat auch Luther aus dem Schlamm und Unrath einer verdunkelten Zeit wieder herauszuziehen versucht; und was Er mit Riesenkraft begonnen, dabei sollen wir nicht stehen bleiben, sondern mit Geist und Liebe, immer in Demuth, weitergehn. Das war sein Wille; und eben deshalb muß ich Sie nochmals bitten, den noch nicht nach Würden von Ihnen geschätzten Villers aufmerksam zu betrachten , und das geprüfte Gute daraus zu behalten. Er wird Ihnen sicherlich kein Hinderniß bei dem Werk, was Sie mit Lob, Dank und Preiß begonnen haben, wie mir Antonie sagt. – Hier mag ein Punktum statt der wärmsten brüderlichen Umarmung stehen.

Was sagen Sie zu dem Fragment aus den Dämmerungen von unserm Richter ? Wir drei, Mosengeil mit uns, müssen das einmal zusammen genießen! Nach der ersten und zweiten Ueberhörung war eine heilige Rührung über mich ausgegossen, die noch wohlthätig fortwirkt.

Grüssen und küssen Sie die Ihrigen recht väterlich von mir. Es that mir wohl, zu erfahren, daß der ehrliche Knabe, den Sie uns im 2ten Theil vorführen, Ihr Anton ist. – Vor dem Winter sehen wir uns schwerlich, aber dann mit der alten wahren, und immer wachsenden Herzlichkeit.

Tr.

Zitierhinweis

Von Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen an Johann Ernst Wagner. Bettenburg, 20. August 1809, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0908


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Textgrundlage

D: Briefe über den Dichter Ernst Wagner, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 2, Schmalkalden: Varnhagen 1826, S. 132-135.

Überlieferung

D: Ernst Wagner’s sämmtliche Schriften, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 12, Leipzig: Fischer 1828, S. 160-162 (minimal abweichend).


Korrespondenz

B: Von Johann Ernst Wagner an Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen. Meiningen, 13. Juli 1809