Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Johann Ernst Wagner an Karl August von Wangenheim. Meiningen, 3. Februar 1811, Sonntag

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Wann Ew. Excellenz diesen Zeilen den ersten Blick werden geschenkt haben, so bitte ich, weder nach der Unterschrift zu sehen, noch weiter zu lesen, sondern vor allen Dingen das kleine, hier beifolgende, Gemälde auspacken zu lassen und dessen lebendes Original gütig zu errathen. –

Nun also, mein Verehrtester!

Er war drei ganze liebe Wochen lang hier, – täglich bei mir – und mein, und will es ewig bleiben! Ehegestern , als er fortging, habe ich ihm bitterlich nachweinen müssen.

Ich habe zwei liebe, zu Malern bestimmte Jungen. Der Eine, ein 12 jähriger Portraitmaler , hatte das Glück, daß unser herrlicher Truchseß ihm saß; Anfangs zu einer Kreidezeichnung, die unsre Herzogin behalten hat; dann noch zu diesem Pastellstückchen. Ich wollte dies an Cotta schicken und ihn bitten, einen kleinen Steinabdruck (denn in Stein muß eigentlich das Konterfei dieses romantischen altritterlichen Gränzsteines gegraben werden!) dem Morgenblatt für seine Freunde beilegen zu lassen, da in jenem nicht nur schon öfter von ihm die Rede gewesen , sondern seine Freunde auch, besonders durch Kesslers Briefe , gewiß im t. Publikum sehr vermehrt worden sind. Aber nein! dacht' ich nachher; Schade was für die öffentlichen Freunde: ich schenke es lieber seinen Stuttgarter Privatfreunden! Denn über diesen hielten wir in den Tagen der Vereinigung auch einige Sitzungen. Er versetzte mich mit seiner hohen Menschenwärme so ganz mitten in ihren klassischen Abendzirkel , daß ich armer gelähmter Krannich mich dennoch plötzlich gehoben und dorthin getragen fühlte, wo Wangenheim sich mit Hartmann, Hauch , Weisser etc. zu gemeinsamen hohen Genüssen vereinigt hat.

Und so seid mir denn gegrüßt ihr Trefflichen! Er hat Euch mit schönen Nachklängen der Erinnerung von Neuem als edle teutsche Männer anerkannt. Nehmt auch meinen Handschlag, und mit ihm ewige Achtung, Freundschaft und Treue. Verschmäht mich nicht! Bin ich gleich nicht so groß, vornehm, geistreich, gelehrt wie Ihr – nicht so gut und stark, als Er, so bin ich doch auch eine gute teutsche Haut; ein gutwilliger Mensch, dessen Herz auch aus dem Blüthenstaube von Gottes Herrlichkeit gemacht ist, wie Eure schönen Herzen. Und da habt Ihr sein Bild! Aber zürnt und lächelt nicht über den armen Knaben, der Euch noch kein Kunstwerk zu reichen vermag, sondern nur den schwach, – aber höchsttreu, – aufgefaßten Schattenriß eines Edlen, von dessen Herzen sich ehegestern der liebende Knabe mit so großem Jammer losriß, daß selbst der gute Ritter zu Thränen gerührt war. Habt Nachsicht für ihn, der zufällig einen elenden, ganz zerfezten Pergamentrest zum heiligen Bilde benutzen mußte, – noch in keiner Lehre war, sondern nichts hat, als das, was ihm Gott zur schönen Ausstattung für diese Welt mitgab: die himmlische Gabe, das Menschenantlitz zu lieben und in liebender Treue seinen Brüdern wiederzugeben in Zug und Farbe. Nehmt seinen Gruß und das kleine Bild seines Geliebten freundlich an, Ihr holden, gastfreundlichen Südländer! Und ziehen einst die Brüder, auf ihrer Kunstwallfahrt durch die weite Welt, auch zu Stuttgarts gastfreundlichen Thoren ein – o dann denkt des kleinen Geschenks noch gütig, und helft ihnen zu einer guten Arbeit; gebt ihnen auch ein Abendbrod und laßt sie einen Becher mit Euch leeren zum Andenken eines ehrlichen teutschen Burschen, der dann ganz sanft bei den Brüdern des Staubes ruht, während sein befreiter Geist dankend zu Euch herüber blickt.

Sie verzeihen dem alten Schwärmer, der sich auch endlich fröhlich in sein Grab hineinzuschwärmen gedenkt; – ja, Sie verzeihen ihm! . . . etc.

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Karl August von Wangenheim. Meiningen, 3. Februar 1811, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0949


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Textgrundlage

D: Briefe über den Dichter Ernst Wagner, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 2, Schmalkalden: Varnhagen 1826, S. 147-150.

Überlieferung

D: Ernst Wagner’s sämmtliche Schriften, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 12, Leipzig: Fischer 1828, S. 250-253.


Korrespondenz

Zur Datierung: Wie aus Johann Ernst Wagners Brief vom 3. Februar 1811 an den Truchseß von Wetzhausen hervorgeht, wurde vorliegender Brief am selben Tag verfasst. Der Truchsess war nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in Meiningen am 1. Februar1811 zurückgereist. Aus Friedrich Haugs Brief in Gedichtform vom 9. März 1811, der sich direkt auf vorliegenden Brief bezieht, lässt sich vermuten, dass Brief und beiligende Pastellmalerei direkt an den literarischen Zirkel im Hartmannschen Haus in Stuttgart gerichtet war.