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Bettenburg, den 21. April 1817.

Seit beinahe vierzehn Tagen hause ich bei unserm verehrten Truchseß auf seiner traulichen Ritterburg, und genieße täglich des Guten und Schönen in reichlicher Fülle. Unter dem Auserlesenen, welches wir uns mit sorgsamer Auswahl zu gemeinsamem Genusse aus Schriften zu bereiten pflegen, stand diesmal, neben zwei Shakspearstücken, obenan Ihr Alethes von Lindenstein. Truchseß hörte ihn zum drittenmal, ich zum erstenmal – noch vor dem Schlusse des Jahres wird es auch bei mir heißen: zum drittenmal – und o welch ein Genuß ward uns! Ich drücke Ihnen ehrerbietig und dankend die Hand – o daß ich's in der Wirklichkeit könnte! – und preise das Schicksal, oder besser die Vorsehung, daß sie dies beinahe verlorene Kind Ihrer Muse der liebenden Mutter zurückführte. Ich fühle mich gegenwärtig nicht aufgelegt, Ihnen ein Urtheil über dies Werk zu sagen, ich könnte es auch nicht, nach Einmaliger Durchlesung; nur so viel darf ich getrost sagen – und der wahre Kenner wird einstimmen – der versöhnende Schluß wirkt herrlich auf das Gemüth, und er ist nicht aus Vorliebe angesetzt, sondern er entspringt nothwendig aus dem Ganzen. Die acht- oder gar zehnjährige Unterbrechung des Verfassers hat im Geringsten nicht den Organismus des Stückes zerstört. Hätten Sie meinem Truchseß in sein feuchtes Auge geschaut, er wäre – wenn es anders möglich ist – noch mehr der Ihrige geworden, als er es nunmehr Gottlob! schon seit drei Jahren ist . – Zu meiner eigenen Erquickung gab mir Truchseß schon vor acht Tagen ein ganzes Päckchen Briefe von Ihnen auf mein Zimmer. Ich habe mich täglich daran gelabt, gestern Abend noch um 12 Uhr. In mehreren Briefen finde ich zürnende Worte über mich , daß ich so lange gegen Sie stumm war, an einer Stelle über meinen Vater. Für beides danke ich Ihnen, mein edler Fouqué; denn wahrlich es enthält eine rechte Seelenlabung, weil es besagt: "da verstummt einer, dem ich doch so gut bin, von dem ich doch so gerne ein treues Wort des lebendigen Andenkens vernähme!" – Nun, was meinen Vater betrifft, der wird Sie bald in Nennhausen persönlich begrüßen; und sollte er wirklich bis dahin – wie leicht möglich ist – gegen allen bessern Vorsatz geschwiegen haben, dann die Antwort mündlich aus vollem Herzen nachtragen. Glauben Sie es mir, er hatte über Ihr letztes Geschenk eine gar herzliche Freude, nicht minder meine theure Mutter. Umständlich zu antworten, war sein schnell gefaßter Vorsatz, aber nach seiner Gewohnheit ist es von Tage zu Tage verschoben worden. So macht er's allen, die mit ihm im Briefwechsel stehen; so machte er's mit mir, und all meinen Brüdern, als wir von ihm getrennt auf der Universität lebten. Nach oberflächlicher Rechnung wird er in etwa drei Monaten bei Ihnen sein, vorher aber von Neubrandenburg aus Woche und Tag seiner Ankunft melden. Seine Reise geht über Göttingen, Hannover, Itzehoe, Kiel, Rendsburg, Berlin u. s. w., überall aber wird er sich bei alten Freunden aufhalten, und noch einmal, vor dem letzten Athemzuge, alte Freuden erneu'n, leider! aber auch manches zu früh gegrabene Grab wehmüthig vorbeigehen. Mein Vater ist Ihnen bekannt aus der Luise, und aus manchem Kerngedicht; meine Mutter soll Ihnen schon lieb und werth werden, sobald Sie ihr in das unbeschreiblich treue Seelenauge schaun. Sie wird Ihnen erzählen, mit welcher Sehnsucht wir Sie vor drei Jahren in Heidelberg erwarteten, und wie wir, in der Gewißheit, Sie kämen, alles anwendeten, Sie in unser Quartier zu bekommen. Nun sollen bei Ihnen die Gesundheiten getrunken werden, die an unserm Tisch ausgebracht wären. Ich armer aber werde ferne sein. – Mein theurer, hochverehrter Fouqué, wie konnte ich doch so lange gegen Sie stumm sein! – Nach Ihren letzten so freundlichen Zeilen! – Freilich war ich das Jahr über ungewöhnlich beschäftigt, aber zu einem Briefe an Sie durfte mir doch die Zeit nicht fehlen. Doch nichts zur Entschuldigung, und von einer Selbstanklage auch kein Wort mehr! – Daß ich schreibe, haben vielleicht öffentliche Blätter Ihnen gesagt. Ich glaubte damit viel schneller fertig zu werden; aber dergleichen hat seine eigene große Schwierigkeit: die kleinste Anmerkung ist oft der Ertrag tagelanger Nachforschungen, und manches wird auch durch die glücklichste und scharfsinnigste Combination nicht in's Reine gebracht. Mit sieben Stücken bin ich fertig ; vier sind noch ; zu Michaelis – wenn ich in meinem eisernen Fleiße fortfahre – muß die Sache gethan sein; dann, hoff' ich, soll mancher durch mich in den Stand gesetzt sein, den ungezogenen Liebling der Grazien wenigstens an den gezogenen Stellen zu verstehn, denn manche Ungezogenheit ist der Art, daß ich den guten Aristophanes auf die Gefahr, nicht verstandenzu werden, sich selbst überlassen muß. Daß wir Brüder den theuren Vater in den Shakspeare hineingezogen haben , wissen Sie bereits. Es kostete viele Mühe, und manches gründliche und eindringliche Wort der Ueberredung, bis wir ihn dahin brachten; jetzt sind wir sicher, daß er sein Versprechen erfüllt, zum ganzen Shakspeare zehn Stücke beizusteuern . Daß wir Schlegeln in's Gehege kommen, legt mancher aus als Uebermuth; mancher dagegen glaubt, nach Schlegel könne nur schlechteres, nicht besseres gegeben werden. Ich behaupte dagegen: Shakspeare kann noch in ganz anderm Sinn übertragen werden, als Schlegel es gethan; und sind dann zwei Uebersetzungen neben einander nicht wahrer Gewinn für die Literatur? Auf jeden Fall entspringt die neue Uebersetzung aus recht warmer Begeisterung für Shakspeare, und wo die ist, ist der Segen Gottes nicht fern. Shakspeare aber ist so groß, so unerreichbar, so unerschöpflich, daß es wohl die größeste Anmaßung wäre, wenn wir glauben, und unser liebes deutsches Volk bereden wollten, durch uns drei sei nun alles abgethan. Nicht so, mein edler Fouqué: Schlegel soll seinen wohlverdienten Kranz behalten, auch der alte Eschenburg und Wieland, wenigstens stellenweis; und für Nachlebende wird noch mancher Uebersetzerkranz durch Shakspeare zu erringen sein. Humboldt hat vollkommen Recht, daß "ein Autor dieser Art erst in mehreren Uebersetzungen so recht könne erkannt werden." Heinrich IV. wird mir zufallen , und ich werde ihn in dem Sinn übertragen, wie ich's bereits an den lustigen Weibern versucht habe, nämlich mit Beibehaltung der shakspeareschen Wortstellung, und zwar nicht auf Unkosten der ächten Deutschheit. Auch, hoff' ich, soll die Quelle der deutschen Sprache von nun an noch weit ergiebiger sprudeln, als sie es bisher im Shakspeare gethan, wobei uns die jetzige Begeisterung für deutsche Sprache recht zu Statten kommt.

Unter den Briefen von Ihnen, mein edler Fouqué, fand ich auch eine Skizze von Bemerkungen unseres geliebten Truchseß, Ihren Sintram betreffend. Darunter waren zwei ( zu Sintram S. 29 und S. 39 ), die mir ein groß Bedenken machten, einen kleinen Streit zwischen uns veranlaßten, und mich jetzt bewegen, Sie als den Verfasser, zugleich in Truchseß Namen, zu befragen, wem von uns Sie Recht geben. So oft ich Ihren Sintram las, dünkten mir (bei vielem Andern, worüber ich jetzt schweige) zwei Dinge von vorzüglicher Schönheit: 1) der Umstand, daß Sintram, nachdem ihn seine bösen Träume verlassen, er als ein kaum in's Leben zurückgerufener vom Tode einen Besuch empfängt, der sich (Sintr. S. 26) mit ihm auf's Pferd setzt, und gleichsam einen Leonorenritt mit ihm macht. Ich war entzückt über die – wie soll ich's nennen? – symbolische Darstellung dieses Ritts, die, in die allerplatteste Prosa aufgelöst, ohngefähr so viel heißen würde, als: "Sintram war nach dem Verschwinden der bösen Träume ein halb Genesener; er saß noch halb in dem gewahrsam des Todes, der erst allmählig von ihm ließ, wie sich seine physischen Kräfte allgemach wiederherstellten." Ich fand nun das Gespräch (S. 27), daß der Tod mit dem Jünglinge hält, so charakteristisch, so todesmäßig, so grausenvoll, wie es die Sache erfordert, und dabei den Contrast so lieblich, den mit dem Tode der Wallbruder, des Todes im Aeußeren ähnlicher Zwillingsbruder, macht, daß ich Sie im Herzen gar nicht genug ob dieser Dichtung zu preißen wußte. 2) Zweitens labte es mich in der Seele, daß der Wallbruder, wie er des Sintram zuerst ansichtig wird, sich so unendlich zu ihm hingezogen fühlt, und, sich alles Wahnsinns entäußernd, zum liebenswürdigsten Menschen verklärt. Es war ja auch der liebe Sohn seiner geliebten Verona; es war ja – wenn es Gott so gewollt hätte – sein eigener Sohn, zu dem ihn jetzo die Sympathie mit all ihren unsichtbaren aber kräftigen Banden hinzieht. – Nun behauptet mein theurer Truchseß: "nicht der Tod, sondern der Wallbruder selbst habe sich (Sintr. S. 26) dem Jünglinge hinten auf's Roß gesetzt." Er führt mir für diese Meinung zwar gehaltvolle und sinnreiche Gründe an, aber gleichwohl Gründe, die mich höchstens nur überreden könnten, nicht aber überzeugen wollen. Sagen Sie uns doch in Ihrem nächsten Briefe an Truchseß: Haben Sie den Tod oder den Wallbruder als den Reiter zu Roß gemeint? oder, wenn Sie zur Antwort geben: Der Tod und der Wallbruder sollen hier identisch sein: haben Sie in diesem identischen Wesen die Seite des Todes oder die Seite des Wallbruders als die überwiegende gedacht? Hat aber mein Truchseß Recht, und ich muß fernerhin des Labsals entbehren, daß ich bisher aus dem Sintram schöpfte; o so bitte ich Sie, sagen Sie zugleich: 1) warum gaben Sie dem Wallbruder einen "erfrornen Odem?" ich bekenn, er ist mir, beim Wallbruder gedacht, völlig so anstößig wie Truchseßen; 2) warum der Zweifel Sintrams an der Aechtheit des wirklichen Wallbruders (S. 38 u. 39)? eine Frage, die Truchseß von seinem Standpunkte aus mir mit eben so großem Rechte aufzuwerfen scheint; 3) warum solche Aeußerungen im Munde des Wallbruders, wenn er zu Sintram redet, wie z. B. S. 176: "Redet nur nicht immer von den Dingen, die zwischen euch und mir vorgefallen sein sollen. Das entsetzt mich jedesmal so sehr. Denn, Herr, entweder bin ich toll, und habe das alles vergessen, oder euch ist der im Walde begegnet, der mir vorkommt, wie mein sehr mächtiger Zwillingsbruder." Vergl. S. 36 in den Worten: "der Wallbruder .... entgegnete kopfschüttelnd: daß ich doch eben nicht wüßte." – Da haben Sie einen breiten Erguß; Sie, verehrter Mann, können mit wenigen Antwortsworten davonkommen.

Nach meines Truchseß Willen soll ich noch meine besondere Meinung sagen über die Redeform: "Arnold lächelte u. s. w." für "sprach lächelnd." Es sei ferne von mir, diese Form tadeln zu wollen; sie ist lyrisch, drum aber doch dem Epos der Novelle nicht fremd. Nur glaub' ich, zu oft, d. h. allzu oft angewandt möchte sie leicht die Form von Manier annehmen. Aber freilich Fouqué's seelenvollen Gestalten im Zauberringe, in der Undine u. s. w. ist das Lächeln näher als das Zürnen, und Grollen: dies gehört zu des Dichters liebenswürdiger Persönlichkeit; und da nehme der Leser dankbar und mit heiterem Lächeln auf, was mit heiterem Lächeln dargeboten wird. Für jedes "lächelte" in Fouqué's Schriften möchte ein "sprach lächeln" ein kümmerlicher Ersatz sein. Ich glaube: wer hier den Ausdruck tadelt, möchte am Ende doch mehr die Sache zu häufig wiederkehre, und da hätte doch wohl kein Dritter darein reden.

Herr Issel in Darmstadt versprach mir und meinem Freunde Grimm ( dem Mährchenverfasser ) vor etwa vier Jahren eine Ritterrüstung, als Geschenk für Sie, verehrter Fouqué . Bald darauf ward er Maler, zog von dannen, ich weiß nicht ob nach Paris oder nach Rom, und ist noch nicht heimgekehrt. Vor seiner Zurückkunft ist wohl an keine Rüstung weiter zu denken. Kommt er, dann soll er erinnert werden. Ich kenne den Mann wenig, glaube aber keineswegs, daß er gewindbeutelt hat.

So viel in Eile. Ich werde hinunter berufen zum Nachmittagsessen. In einigen Tagen reise ich von hier nach Heidelberg zurück. Auch in Jena war ich auf dieser Reise, von wo ich den ältesten Knaben des Philosophen Hegel, meines jetzigen Collegen, mitgebracht habe, einen liebenswürdigen, talentvollen, muntern berührigen Knaben, den Truchseß herzlich lieb gewonnen hat, und wahrscheinlich nach meiner Abreise sehr vermissen wird; der niedliche Knabe war in einem Fraueninstitut in Jena , und soll jetzt, als zehnjähriger, unter des Vaters Aufsicht zur Reife gelangen.

Meinen Gruß der Ehrerbietung Ihrer Frau Gemahlin; Ihnen, vortrefflicher Mann, drücket mit ehrfurchtsvoller Liebe die Hand

Ihr
Heinrich Voß.

Den 23. April.

Etwas ganz Eigenes, aber recht Liebliches, weil es durch Freundschaft kommt: Ein alter Landjunker, der kaum eine eine einzige Sprache, seine Muttersprache, versteht, und nothdürftig selbst behandeln kann, will und soll einem gewaltigen Sprachforscher dictiren. Aber der alte Landjunker fühlt desto mehr; und dies wurde von so manchem Gelehrten erkannt, und auch von Voß, und von Dir, mein Fouqué. Und darum weiter

Gewaltig geschwind schreibt zwar mein jetziger Schreibbursche , und dies könnte mich etwas irre machen, weil es mich außer meiner Gewohnheit führt. Doch auch hier weiter.

Wie ich mit Dir, mein Fouqué, beschäftigt war, sagte Dir mein letzter Brief , und ich blieb es nachher noch, durch die zwei Pilgrimme in einem der Taschenbücher gar gewaltig angezogen; aber nicht ganz von Deinen Beiträgen für den neuesten Almanach der Sagen und Legenden ; doch nehme ich die Götzeneiche aus. Auch stellt ein Freund von mir, dem ich vertraue, Deinen Richard und Blondel höher, als ich; zum zweitenmale hören kann ich freilich nicht , da ich diesen Almanach nicht behalte. Nun kam um die Petrizeit mein alter treuer Kumpan Schuler aus Hildburghausen zu mir. Wir waren größtentheils ganz allein, und Du warst so recht unter uns, weil Deine Corona mit uns war. Schuler las sie, ich glaube auch zum drittenmal, und ich hörte sie eben so; das zweitemal gab sie mir Rückert, und obgleich von diesem gegeben, und mit freudiger Willfährigkeit gegeben, wurde sie mir erst beim dritten Hören ganz verständlich. Doch halt! ich muß gegen einen treuen Freund wahr bleiben; den Philostrat weiß ich mir noch nicht ganz klar so zu deuten, wie nun alles Uebrige klar vor mir liegt. Beim ersten Hören störten mich die Einleitungs- und Schlußstanzen durch Unterbrechung der Geschichte in etwas; beim zweiten Hören schon weniger, und nun, da Schuler, der so recht in der Zeit mit fortgelebt hat, mein Vorleser war, und so recht alle von Dir berührten Zeitverhältnisse zu betonen wußte, nun geb' ich diese Vor- und Schlußoctaven nicht weg. Mein guter, lieber Voß, der strenge Formenmann, soll mir, da er meine Maschine wurde, niederschreiben, wogegen sich sein ideales Formenwesen sträubt. Schuler und ich, auch Wangenheim zähle ich dazu, weil er sich darüber einmal bei mir aussprach, wurden nie stärker und gewaltiger in Deiner Corona ergriffen, versteht sich auf mancherlei Art, als wenn Du Dich in Lyrik aussprichst. Schreibst Du wieder ein Epos, so laß Dich um Gotteswillen durch keinen Philologen stören, und nimm die lyrischen Silbenmaße, wenn die Octaven oder Hexameter, oder was für ein Silbenmaß Du sonst hast, Dir für das Schmelzende der Liebe, oder den gewaltigen Schlachtgesang, oder die demüthige und doch erhabene Anbetung Gottes nicht ausreichen. In dieser Zeit, als Schuler bei mir war, meint' ich, ich müßte einen Brief von Dir erhalten, so sehnsüchtig war Alles von mir zu Dir hingerichtet. Etwas später ward mir freilich diese große Freude, und so in recht hohem Maße, weil Du mir gewaltig viel gabst. Aber ich stecke nach meinen Verhältnissen in gewaltig vielen Geschäften. Die Einleitung zu meinem Kirschenwerke, die größtentheils Heims Sache ist, und nur Bearbeitung des Materials, mit mancher Zuthat von ihm, mußt' ich in ganz genaue Revision nehmen; dies nahm mir viel Zeit, weil ich mir sagte, es solle etwas für lange Zeit werden, und ich hoffe, es wird's werden. Dazwischen kam mir noch Besorgung von Familienangelegenheiten, und kaum wurd' ich vor dem grünen Donnerstage damit fertig, wo ich meinen Voß erwartete. Freilich mußte ich noch fünf Tage darüber hinaus warten. Aber wer kann in einer solchen Wartezeit einen vernünftigen Brief dictiren? Wie Du wieder unter uns warst, als Voß da war, dies sagte Dir Voß selbst. Ich muß aber dennoch hinzufügen: Dein Alethes wurde mir beim zweiten Hören wahrlich weit mehr. Beim ersten Hören glaubte ich, weil mich die Geschichte zu sehr mit fortriß, manche Motive hingen zu locker; aber dem ist wahrlich nicht so. Du hast so sicher und richtig motivirt, als in Deiner Undine, dem Zauberring und dem Sintram; und die beruhigenden Schlußscenen ergriffen mich noch mehr, als beim ersten Hören. Aber gutthun kann ich Dir dennoch nicht, daß Du Isidore beim ersten Erscheinen, als Volande auszog, Bertha zu retten, so gar verschrumpfst, alt, klein und widrig erscheinen lässest. Bei der zweiten Ausgabe, die gewiß bald kommt, mußt Du mir daran denken.

Der treue Freund spricht sich nun einmal aus, und er muß treu und wahr bleiben. Voß las mir auch die Pilgerfahrt vor. Beim ersten Hören achtete ich, wie ich jetzt glaube, zu viel auf Horns Vorrede. Voß leitet mich nicht in meinem jetzigen Urtheile: aber ich glaube, er wird mir auch nicht widersprechen. Wenn Du nicht die Mühe übernehmen wolltest, dies Stück noch einmal so recht zu retouchiren, so hätte Horn wohl besser daran gethan, es nicht so wie es ist, drucken zu lassen. Bitten möcht' ich Dich aber recht sehr, dieses Stück, das doch manche einzelne wunderschöne Scenen hat, noch einmal vorzunehmen, und daraus zu machen, was Du sicher daraus machen kannst.

Dein lieber Brief sei hiermit nicht beantwortet. Von mir sollst Du aber noch Einiges hören. Voß kam mit seinem guten Bruder Abraham hieher, der aber nur wenige Tage blieb. Mein Schuler wollte auch kommen, konnte aber nicht. Hohenbaum eben so. Diese verloren dabei; ich nicht, denn ich hatte Voß allein. Morgen führe ich Voß in unser Stammhaus Wetzhausen, wo mein gar wackerer Vetter Wilhelm und seine treffliche Schwester, eine verwittwete von Rüdt, hausen; und Ersterer gibt uns beiden das Geleite nach Würzburg, wohin wir beiden Truchsesse, Verhältnisse wegen, auch gemußt hätten. Daß mein Freund Lerchenfeld Minister wurde, und daß ich als Mensch verlor, aber als Baier viel dadurch gewann, weißt Du. Das Schicksal, mir oft günstig, stellte an seinen Platz einen sehr rechtlichen Mann, von Asbeck, der früher mein Bekannter, vielleicht gar mein Freund wurde. Hab' ich mich von der Würzburger Reise etwas verschnauft, so ziehe ich zur edlen Herzogin von Meiningen, die wirklich meine Freundin ist, um ihr Lebewohl zu sagen, weil sie ihre glückliche Tochter, die Herzogin Bernhard von Weimar, und die neugeborne Enkelin in Gent besuchen will. Auch soll ihr hoffnungsvoller Sohn, der junge Herzog Bernhard, diese Reise mitmachen, und für einige Zeit, als erster Ausflug, bei seiner guten, einsichtsvollen Schwester in Gent bleiben. Von Meiningen zurückkehrend, wart' ich der Herzogin von Hildburghausen, der Schwester eurer trefflichen Königin , auf, und Schuler gibt mir hoffentlich was Neues von Dir. Wenn es aber bei mir zu keiner Augenoperation kommt, und dazu sehe ich im Zimmer und auch Morgens früh und Abends spät im Freien dennoch zu gut, so werden wohl dies meine letzten Reisen sein. Auch das Gehör beeinträchtigt mich zu sehr beim Leben in größeren Zirkeln. Heiterkeit des Geistes erhalte ich mir aber sicher, wenn ich auch nicht mehr von meiner Burg wegkomme. Auch besuchen mich hier Freunde, wie selbst die Figura dieses Schreibers bezeugt, und mein Fouqué muß sicher noch ein Mal an den Main und den Rhein ziehen, und ich wohne nur drei Stündchen rechts ab vom Main.

Von Wangenheim muß ich Dir auch noch sprechen; denn diese Deine Briefforderung ist mir zu sehr eingeprägt, ob ich gleich Deinen ganzen Brief jetzt nicht hören kann. Vor etwa zwanzig Tagen schrieb mir Wangenheim einen so herrlichen Brief , als er selbst herrlich und muthvoll ist. Gott gebe nur, daß nicht das Herrliche und Muthvolle erliege. – Wangenheim hat mit solcher Anstrengung gearbeitet, daß seine Kräfte fast erschöpft sind. Der König fühlt dies, und ehrt ihn so recht, und schont ihn daher möglichst. Möchte er es nur selbst mehr können. Wangenheim hofft, das große menschenbeglückende Werk solle sich vollenden, dann will aber sein König, Wangenheim solle sich durch Reisen erholen. Ob Wangenheim seinen guten, ehrwürdigen alten Vater in Gotha besucht, oder in den Höhen der Schweiz reinere Luft athmet, oder der Einladung des Ministers Stein auf seine Güter folgt, oder zu seinem alten treuen Truchseß einmal wiederkehrt; dies wußte er noch nicht. Ich mußte ihm sagen: "Dein alter Vater und Dein alter Freund Truchseß lieben Dich wohl am meisten; daher nimm keine Rücksicht auf uns bei der Wahl Deiner Reise; wollen die Aerzte hohe Bergluft für Dich, wollen sie mineralische Quellen, willst Du recht hohen Geistesaufschwung beim Minister von Stein, so ziehe da- oder dorthin, denn wir wollen blos Dein Wohl, und daß Du lange fortwirkest."

Auch Rückert soll sich fast zu Schanden gearbeitet haben, wie mir Wangenheim schreibt, an einem gewaltig großen, vielumfassenden Gedichte. Auch sei er, wie es manche Dichter waren, jetzt einmal recht mit sich uneins, und er bedürfe Abspannung und Erholung. Viel kann ich nun eigentlich Rückert nicht geben, aber wahrlich viel Liebe. Ich schickte daher sogleich ein Brieflein an ihn ab, mit der Bitte, sich bei mir auszuschnaufen. Noch habe ich keine Antwort. Wenn Du keinen Brief von Rückert erhältst, so verzeihe. Auch ich bin in derselben Lage, und dictire doch so ungeheuer viel für ihn. Näheres über das große vielumfassende Gedicht weiß ich nichts. Fast aber möcht' ich glauben, daß der Bau der Welt, welcher am Ende des zweiten Bandes vom "Zeitkranz" sich befindet, der Anfang oder ein Theil davon ist.

Mit diesem zweiten Theile des Zeitkranzes ist Rückert jetzt ganz unzufrieden; denn auf das eine Exemplar in grünem Umschlage gebunden, das er mir sandte, schrieb er:

Dieser Kranz ward grün gebunden,
Weil er selbst ward dürr befunden.

Sagen muß ich Dir noch, weil es mich so gewaltig nah' angeht, Göthes "Götz" war mein Erstes in der Welt, als er erschien; ich konnte ihn fast auswendig, sah ihn einmal in Berlin auf einem kleinen Schofeltheater in der Bärengasse als neunzehnjähriger Bursche, machte, als ich in Kassel war, auf eigene Art durch Götz Göthe's Bekanntschaft, bekam den Namen Götz in Kassel, las und hörte in meinen männlichen Jahren Götz mehreremal wieder; nun aber wohl seit 8-10 Jahren nicht mehr; und jetzt war Voß' und meine letzte Lectüre Götz, und hilf, ewiger Gotte! was fanden wir Beide nicht wieder für einen Reichthum und für ein herrliches Gemüth in Göthe! Wenn ich nun weiter über Göthe dictiren soll, so werd' ich wehmüthig, und in Wehmuth mag ich keinen Brief für meinen Fouqué schließen, und schließen muß ich, so gern mir auch Voß fortschriebe. Dich les' ich fort, so lang ich lebe, und ich werde durch Dich nie wehmüthig werden. Arbeite mir doch nicht so anstrengend, so viel Gewinnst auch für mich daraus hervorgehen mag. Gott erhalte Dir auch Deine häusliche Glückseligkeit, und Du grüße mir Dein wackeres Weib und Deine gute Tochter, und auch Deinen alten Schwiegervater, für den mein Kirschenwerk etwas werden möchte.

Und doch noch Eins! Da legt der treue Sohn und der treue Freund seine Hand auf meinen Arm, der auf dem Tische ruht, und spricht, mich voller Liebe anblickend: "Ich wollte, Du wärest in Nennhausen, wenn meine Eltern dort sind." Dies kann nun nicht sein; aber meine und Heinrichs Gesundheit könnt ihr doch aus einem recht vollen Glase trinken; und Du, Herzens-Fouqué, könntest wohl noch mehr thun; Du könntest Dich als Reisegespann an die breiten Massen anschließen, und den alten Truchseß auf seiner Bettenburg besuchen. Und so wieder ein schöner Wunsch, wenn er auch nur Wunsch bliebe; und stets in Liebe und Treue

Dein

C. v. Truchseß.

"Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber!" Morgen geht es von hier, und der Reisekoffer für mich und meinen süßen Ludwig ist bereits vom freundlichen Krauskopf gepackt worden. Auch gut! mich ruft die Pflicht zurück, und die Liebe erstirbt ja nicht in der Ferne. Wir haben Sie, edler Fouqué, oft unter uns gewünscht, oft, und gewiß aus recht treuem Herzen, Ihre Gesundheit getrunken. – O, daß wir Sie unter uns wirklich gehabt hätten! Sie haben wohl oft im Leben heiße Liebe getrunken, die Ihnen wohlthätig an's Herz drang, aber glauben Sie mir, in dieser Hinsicht hätten wir Keinem den Preis gelassen. Die Bettenburg ist der Sitz der Liebe; und wer ein liebendes Herz mitbringt, wird hier noch um Vieles liebender.

Glauben Sie ja nicht aus einigen Aeußerungen meines Truchseß, die ich mit verhaltener Wehmuth hinschrieb, daß dieser Mann kränklich sei, daß es mit ihm zur Neige gehe, daß er wirklich, wenn die Reise nach Meiningen vollendet ist, reisen nicht mehr könne u. dgl. Nein, wahrhaftig nicht! unser herrlicher Truchseß ist gesund, sehr gesund; sein Gehör hat sich in drei Jahren nicht im mindesten verschlimmert, sein Gesicht eben so wenig. Drei Spiele Billard, die ich nicht ganz schofeler Spieler an ihn neulich verlor, mögen das bezeugen – ich fand ihn in der äußern Gestalt vollkommen unverändert; er gleicht noch immer dem descended god aus Shakspeares Cymbelin, wie er mir zuerst in Stuttgart 1810 sich offenbarte. Solche Aeußerungen in Truchseß Briefe entspringen auch gar nicht aus einem augenblicklichen Unmuthe; nein, er fühlt sich blos so behaglich in seiner behaglichen Burg, daß ihm deshalb jede bevorstehende Reise die letzte dünkt. Aber wahrlich, kömmt Fouqué nach der Bettenburg, und er sagt zu seinem Truchseß: komm, begleite mich nach Heidelberg, wo der Sänger der Luise wohnt, daß wir ihn und seine treue Ernestine herzlich begrüßen" – wahrlich und gewiß, alle Gedanken vom Nichtmehrreisen und was dahinein schlägt, werden in dem Augenblicke schwinden, und Truchseß folgt Ihnen.

Und mit dieser Versicherung, die ich mit einem Eide beschwören will, daß unser Truchseß viel lebenskräftiger ist, als manche seiner Worte vermuthen lassen, schließe ich diesen langen Brief. Bleiben Sie, edler Fouqué, fortdauernd gewogen, Ihrem Sie hochverehrenden Freunde, der zugleich ein geliebter Freund des hochverehrten – aber doch in manchem Stücke nicht gebilligten – Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, Ihres Freundes, ist.

Heinrich Voß.

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß und Christian Truchseß von Wetzhausen an Friedrich de la Motte Fouqué. Bettenburg, 21. bis 23. April 1817, Montag bis Mittwoch. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0991


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Textgrundlage

D: Briefe an Fouqué, S. 509-527.


Korrespondenz

Offenbar verwendete Fouqué diesen Brief für einen Bericht über den Besuch von Johann Heinrich und Ernestine Voß bei ihm, vgl. den Brief von Heinrich Voß an seine Eltern vom 7. Juli 1817.