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Geliebte Mutter!

Wenn Du noch, Innigstgeliebte, einen Blick auf mich werfen willst und an mich denken, so bin ich dann etwas froher, um mich an Deinem himmlischen Herzen zu laben. Aufrichtigkeit soll Dir geschenkt sein, aber wenn Du m irgend mir Belehrung oder Warnung geben willst, so ist es das, was mich noch trösten kann. Jetzt höre – – Wie Überreden jeden Menschen und zu verfehlten Tritten oft führen kann, so bin ich dießmal der schwache gewesen. Der Kirchenrath Schwarz erlaubte seinen 2 Zöglingen mit seinem ältesten Sohne einmal das Theater in Mannheim zu sehen oder | am Montag | – die Vestalinn. Mein Freund Lozbeck sollte auch mit, der aber wieder mich beredete u so – verwandte ich einen ganzen Tag, um mit ihnen u Andern Schwezingen u jenes zu besuchen. Mitternacht kamen wir nach Hause u die erste Frage bei meinen Hausleuten war, ob kein Brief von Euch gekommen wäre. – Nein. Ich ging ruhig zu Bette. Am Morgen, jetzt elen , bekomme ich einen Brief von Dir , Geliebte, der mich tief erschütterte, wegen meiner vorhergehenden ungeheuren Fehler und – dieses gestrigen Tages. Ich weinte um, wenn ich es noch verdiente, an den Vater zu schreiben, der mein Gewissen foltert ; Jetzt eben komme ich von Voss zurück und erfahre, daß der Vater im Mai reisen würde . Diesen Monat fodert die Jahreszeit mit dem himmlischen Wetter. Wie mir angst auf seine |2 Ankunft, zugleich auf sein Sprechen ist, kann ich d Dir nicht beschreiben, Geliebte. Ich glaube auf einmal, dieses ganze Jahr von vorne anfangen zu müssen mit den besten Vorsätzen, damit ich wenigstens nicht schlechter würde. Stimme ihn recht mild, wenigstens für mich, und mache ihn darauf aufmerksam, daß er nicht einen Sohn findet, sondern auch jemand in dieser Gegend, der ihn mitliebt; daß er aber wieder jenen findet, der auf der Universität zum erstenmal lebt und also nicht allein für sich, sondern mit am meisten für jene. Soll ich auf einen Aufenthaltort bei dieser Reise denken, so wähle ich nur Heidelberg. Mannheim ist es nicht werth; Sternbergs sind schon längst nach Karlsruhe abgereist, das Theater schlecht seit dem Abgang jener, und die Menschen richten sich nach diesem, in Heidelb. nach der Universität. Über Karlsruhe ist nur eine Stimme; kein Heidelberger wünscht sich dahin; Hier aber wünschen viele noch Vieles mit ihm zu sprechen, so Paulus, der mich einst fragte, ob de warum de er sich mit ihm nicht über Theologie besonders unterhalten hätte. Mir wird es die größte Wonne sein, wenn ich ihn mit allen Gelehrten hier sprechen höre, deren verschiedenartiges Urtheil in Hauptpunkten ich so ziemlich kenne. Wenn in Bonn sich die Regierung darein legt, einen Jubel unter Studenten zu untergraben, so wird dieses sonst entlegene Universität Alles aufbieten, um die geistige u lebendige Bibliothek eines solchen Mannes, wie die des Jacobi, zu genießen. Hier findest Du (in Heid.) auch de Wette. Wie soll für ein Quartier hier gesorgt werden? In einem Gasthaus?[...]

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline Richter. Heidelberg, Ende April 1821 In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1010


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Bl. 8°, 2 S. Schluss fehlt wahrscheinlich.


Korrespondenz

B: Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, 16. April 1821

Zur Datierung: Antwort auf Caroline Richters Brief vom 16. April, vor Max' Brief vom 7. Mai 1821 abgefasst.