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Heidelberg
am 7 Mai. 1821.

Beste Mutter!

Dein und der Emma Brief machte mir, da ich heute zum erstenmal nach 5wöchigen Ferien in das collegium ging, unendliche Freude. Unsern lieben Enzel suchte ich gleich auf , lief in der größten Eile auf's Schloß und fand ihn endlich in dem Badischen Hof. Nichts konnte ihn bewegen, einen Tag hier zu bleiben, selbst die Natur nicht, außer seiner eigenen. Von da an wirst Du Alles hören von ihm selbst. Voss war schon lange gespannt auf einen Brief und das dritte Wort in seinem Munde war: Ach! wenn nur der liebe Jean Paul schon da wäre. Was ihn bis jetzt abhielt, dem Vater noch einmal zu schreiben, war die kranke Mutter (sie leidet schrecklich u verbirgt den Schmerz standhaft. Jetzt geht es bedeutend besser.) und ein Professor Petersohn, den der Vater in Kreuznach besuchen wird, geliebt von der ganzen Voßischen Familie; auch ichn achte ihn außerordentlich u als er wegging von Heidelberg, begleitete ich ihn mit noch einem Studenten rund eine Stunde über Weinheim hinaus. Die Gegend dort ist das wahre Paradies; der Vater kennt ja Grimm dort, den Volksfreund u Märchenverfasser. Der Osterkuchen ist leider etwas schimmlicht geworden, aber er schmeckt doch gut. Du schreibst, daß der Vater auf einen Brief von Voss wartet; er hat ihm ja kürzlich geschrieben . Über die Möglichkeit eines Duells bin ich ganz ruhig; wer Veranlassung dazu gibt, dem gebührt es, diese Sitte mit zu machen; jeder kann sich davon zurückhalten, außer wenn fremde Leute es darauf anlegen. Darin seid auch ihr ganz besorgt. Hierin bin ich, glaube ich, so weit mit mir ins Reine, wie ich mich gegen Jeden zu betragen habe. Es ist aber schwerer, als man |2 glaubt. Sonst ist auch der Ton unter den Studenten so, daß jeder dem andern höflich begegnet u man mit jedem sprechen darf. Wie hat sich Miedel herausgebildet? und Welden? Doch bei Euch kann man das nicht so merken, als wenn man unter seines Gleichen ist; dann ist es eine Aufgabe. Was das Geld anbetrifft, so bin ich nie in einer solchen peinlichen Lage gewesen; ich kann zwar von Landfrieds borgen, aber ich thue es nicht gern. Bei Voss bin ich die letzte Zeit recht oft gewesen; auch bei Paulus. Hier ist ein Briefchen von Carové an Layriz , das Bild des Vaters betreffend. Ach könnte ich dem guten Voss auch eines geben, oder der Paulus. Beide verdienen es auf gleiche Weise. Der Vater, so hat es Voss ausgemacht, soll wegen vieler Ursachen, die besser mündlich zu sagen sind, durchaus in dem König von Portugal bei Guttmann logiren. Der Frau am Thore ist es schon gesagt, im Fall der früher, als dieser Brief euch trifft, ankäme. Der Wirt im Carlsberg ist nur hohen Herrn (von Stand) hold. Danke der lieben Emma, daß sie so freundlich an mich gedacht hat, und Dir, beste Mutter, lege ich es ans Herz, daß erstens mir Odilie schreibt, daß der gute Vater doch ungefähr den Tag seiner Ankunft melden soll, dann kann manches vorbereitet werden, und überhaupt etwas Näheres der Reise . Ich habe jetzt das untere Quartier in meinem Hause bezogen (es kostet 24 fl.) ich muß diesen Sommer |3 ganz allein sein. Hauptcollegia bringen mich zum Sitzen. Deiner Mutter kannst Du einstweilen mich anmelden in Berlin; denn mehr als noch 1 Jahr kann ich nicht hier bleiben. Das rechne ich immer nach neuen Colleg. aus. Gotte gebe es, daß der Vater mir dieses erlaubt. Daß Otto in München so gerne ist, freut mich wegen des festen Standpunktes des Mannes, aber wenn da Herder weggeht , kann ja wenig mehr bei Euch zu suchen sein. Hier bin ich überall von den ersten Gelehrten umgeben; der Vater könnte erst dann das schöne Treiben auf der Universität kennen lernen, wenn er da gelebt hätte. – Die Herzoginn von Curland kommt Morgen bestimmt. Voss u ich werden sie besuchen. – Nun lebt alle recht wohl. Gerade wird es 4 Uhr schlagen und da muß ich die bei Zachariae im Staatsrecht hospitiren. Grüße Du, Herrliche, meinen Vater. Ein Brief von ihm kann mir nur allein Vertrauen geben, ihm für seine Liebe zu danken. Grüßt Emanuel u Otto; und schreibt ja recht bald. Voss, Paulus u alle Freunde grüßen. Dem Rendanten werde ich nächstens schreiben. Die besten Grüße an Welden und zugleich Ermahnungen, daß er doch das erbärmliche Würzburg verlassen soll und ins freie Heidelberg gehen. Hier thut wagt man nie einen Thibaut abzusetzen, wohl aber dort einen Bähr. Nun lebt wohl. Ihr sehet, daß dieß Blatt unbeschrieben bleibt. Die Zeit ist zu kurz. Ex Es sollte ja blos de n r Dank für das Paket u den Brief ausgedrückt sein. Mit inniger Liebe

Dein M.

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline Richter. Heidelberg, 7. Mai 1821, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1011


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 3 S.


Korrespondenz

B: Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, 23. April 1821
A: Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, 20. Mai 1821