Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1

Geliebte Mutter!

Die Unruhe zwingt mich endlich, einem lang ersehnten Brief meinen vorzuschicken, um vielleicht euch, ihr Geliebten, zu beruhigen. Worüber es wäre, das könnte ich mir freilich nicht erklären. Doch nicht, daß ich schon längst geschrieben, seit jene 2 Briefe zu Dir kamen. Gestern war ich [...] bei S H einrich Voß und foderte ihn zu diesen Briefchen auf. Seine muntere Laune hielt mich fast 2 Stunden bei ihm u zu meiner u Andrer Belehrung ging er die ganzen Ge Heidelberger Tage des Vaters durch, die mir itzt geläutert vor Augen treten, besonders was Paulus anbetrifft. Diese Familie würde ihn eben jetzt um so mehr brauchen zur Aufheiterung und vielleicht, um die 3jährige Schuld abzubüßen, als sie damals ihn, mehr als als selbst der Vater weiß förmlich beleidigte ; aber mit dem Haß gegen den verruchten Schlegel steigt die Liebe gegen ihn; nun kann der gelehrte Paulus selbst eine frohere Miene annehmen, wenn er ihn sieht u vielleicht in Manchem besänftigt werden, was durch Voßens Umgang nur desto stärker wird , . ich meine zum Theil ihr jetziges literarisches Streben. Denn die ß s es ist es, was mir und Andern ein [...] sonst gewinnreiches Studium | das der Philologie | ganz verbittert. So vortheilhaft sonst zwei tüchtige, einander entgegengesetzte Meinungen sind, so kre kränkt es doch, wenn die Persönlichkeit der Männer den Schülern die Fehler dersellen vor Augen hinstellt. Mit Voß ging ich auch die Leute durch, die ihn genießen sollen. Mit dem Sehen soll's dießmal wohl nichts sein. Keine Dappings, Harschers u wie die andern [...] schaulustigen und stolzen Menschen in Heidelberg heißen, sollen ihn aufhalten |2 und uns Jünglingen etwa entziehen, die ja außer der Wissenschaft niemand haben, den um sich zu erkennen; Aber jene Menschen sagen ja zu sich selbst: wir haben jetzt das Maas erfüllt, wir brauchen es nur zu erhalten, die Thörichten! Da soll der Hund auch unbeschädigt glauben u ihm kein Schmeichler zutreten, auch die heiligen Locken des Vaters nicht berührt werden. Die Heidelberger Welt ist wahrlich eine zweite Karlsruher. – Aber solche unordentliche Briefe habe ich noch nie geschrieben, geliebte Mutter. Alte u Neue, Fremde u Eigene, alles durcheinander. zb. den einen mit grammatischen Sachen diktirte mir Henne, um Alles aufzubieten in die Feder und da glaubte ich, ihn doch mitzuschicken, um sein Bestreben zu erkennen. Sage doch der guten Odilie, daß ich wenigstens in dieser Woche noch ihre Hand erwarte; der Vater wird in Kreuznach sehnlich erwartet ; der Kreuznacher Voss sagte mir heute, alle Leute erwarteten ihn dort. Nun ich will sehen, m ob der Vater mich etwa mitnehmen wird; ich will gerne zu Fuß gehen, da mir eine Reise ganz unentbehrlich ist, um den Neuen Winterkursus mit Kraft zu genießen. Was macht der Rendant? Außer durch Grüßen kann ich [...] nicht ihn mir näher rücken. Briefe sind unmöglich u unnöthig. Von seinem Sohn Philipp habe ich auch nichts erfahren können. Du kannst ihn ja fragen, ob er noch eine Rheinreise vorhat; dann würde ich auf jeden Fall für ihn sorgen. Das Voßische Haus lebt wieder auf. Sie ist ganz hergestellt. Nur das Hinken plagt noch. Er ist noch immer rüstig. Noch muß ich Dich bitten, geliebte Mutter; für Kollegiengelder habe ich nur 20 fl. zu bezahlen. (für 1 bei Daub u 1 bei Schlosser) Die übrigen bin bezahle ich nicht. Kann ich diese wohl bald bekommen[...]

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline Richter. Heidelberg, 27. Mai 1821, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1015


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Bl. 8°, 2 S. , Schluss fehlt.


Korrespondenz

Zur Datierung: Verfasst einen Tag nach einem Besuch bei Heinrich Voß am 26. Mai 1821.